Neuer Konzertsaal Das Haus Marteau – ein Millionengrab?

Hier, im Hang neben dem Haus Marteau in Lichtenberg, entsteht der Konzertsaal. Foto: Manfred Köhler

Die Baukosten für den neuen Konzertsaal am und die neuen Übungsräume im Haus Marteau, der Musikbegegnungsstätte in Lichtenberg, sind von 3,2 auf nun 5,3 Millionen Euro gestiegen. Ein Baufachmann weist zudem auf Baumängel hin. Eine Nachfrage beim Bezirk Oberfranken.

Lichtenberg - Für den Bezirk Oberfranken sind sie ein Prestigeprojekt: der neue Konzertsaal am und die neuen Übungsräume im Haus Marteau in Lichtenberg. In der Villa am Ortsrand, die einst der berühmte Geigenvirtuose Henri Marteau erbauen ließ und bewohnte, besuchen internationale Talente der klassischen Musik Meisterkurse. Betreiber der Musikbegegnungsstätte ist der Bezirk, der nun in einen Um- und Anbau investiert – und dabei eher klotzt als kleckert: Der momentan entstehende, weitgehend unterirdische Konzertsaal wartet durch die tonnenschweren Granitblöcke an der Decke mit imposanter Bergwerksoptik auf. Für die drei neuen Übungsräume im Gartengeschoss der Villa hat man das Fundament des Hauses aufwendig tiefergelegt.

Die Kosten dafür hat der Bezirk bereits mehrmals nach oben korrigiert, ebenso wie er den Termin für das Ende der Bauarbeiten nach hinten verlegt hat: Aus ursprünglich 3,2 Millionen Euro Baukosten sind inzwischen 5,3 Millionen geworden. Aus der Einweihung im Jahr 2019 wurde ebenso wenig wie aus einem Ende der Bauarbeiten in 2020. Nun terminiert der Bezirk die Fertigstellung auf August dieses Jahres.

Das stößt auch auf Kritik hinsichtlich der Verwendung von Steuergeldern. So wandte sich jüngst ein Baufachmann im Ruhestand aus dem Frankenwald (sein Name ist der Redaktion bekannt) an unsere Zeitung – mit dem Vorwurf, auch „Pfusch am Bau“ sei für die Mehrkosten verantwortlich. So sei bereits Wasser in den Neubau eingedrungen. Auch bereits befestigte Dämmplatten habe man wieder von der Wand gerissen, sodass doppelte Arbeit gemacht werden müsse. Ein Blick auf die Baustelle scheint diesen Eindruck zu bestätigen: Tatsächlich liegen bei einem Ortsbesuch vergangene Woche Styrodurplatten umher, mit Resten von Bitumen daran – womit die Wand beschichtet ist.

Überhaupt hält der Fachmann, der bereits selbst an einem Umbau des Gebäudes beteiligt war, die Planungen für zu aufwendig – und damit auch zu teuer. „Wenn Sie Ihr Haus renovieren, legen Sie dann zuerst den Keller tiefer?“, fragt er. Außerdem sieht er nicht ein, weshalb es notwendig war, den Konzertsaal unter die Erde zu verlegen, wo doch im Garten hinter dem Gebäude – unterhalb des Hangs, in dem aktuell der Konzertsaal entsteht – noch genügend Freifläche vorhanden ist.

Unsere Zeitung hat dem Bezirk Oberfranken einen ausführlichen Fragenkatalog zum Thema vorgelegt. Die Kosten von derzeit veranschlagten 5,3 Millionen Euro trägt, wie aus den Antworten hervorgeht, der Bezirk zum größten Teil selbst: 3,8 Millionen Euro (knapp 72 Prozent) beträgt der Eigenanteil. Haupteinnahmequelle des Bezirkshaushalts ist die Bezirksumlage, die die Landkreise und kreisfreien Städte an den Bezirk zahlen müssen. Die Landkreise finanzieren sich wiederum im Wesentlichen über die Kreisumlage, die die Kommunen abtreten müssen. Hierbei kommt Steuergeld ins Spiel, da zu den wichtigsten Einnahmequellen der Kommunen die Gewerbesteuer, die Grund- und die Grunderwerbsteuer zählen. Förderung gibt es für das Haus Marteau vom Kulturfonds Bayern in Höhe von 852 600 Euro und von der Oberfrankenstiftung in Höhe von 668 000 Euro.

Wie unsere Zeitung im Zuge der Recherche zum Thema erfuhr, hat sich auch der Plan für die Außengestaltung des Saals geändert, der aus dem Hang herausragt. Zunächst waren auf dem Dach ebenfalls Granitspitzen angedacht, die nach außen hin sichtbar das Bild weiterführen, das sich innen bietet. Das optische Schmankerl ist nicht zuletzt den ohnehin erhöhten Baukosten zum Opfer gefallen. Hätte man an der anfänglichen Planung des renommierten Architekten Peter Haimerl festgehalten, der bereits das viel gelobte Konzerthaus in Blaibach in der Oberpfalz gestaltet hatte, so wäre die Kostenexplosion noch drastischer ausgefallen.

Zur Planänderung bei der Außengestaltung teilt die Pressestelle des Bezirks mit: „Der Verzicht auf die ursprünglich auch auf dem Dach des Konzertsaals angedachten Granitspitzen hat gestalterische, aber vor allem auch finanzielle Gründe (extreme Preissteigerungen für die vorgesehenen Materialien). Der Konzertsaal erhält ein Gründach, wodurch die freie Ansicht auf die denkmalgeschützte Villa Marteau erhalten bleibt und der Saal sich harmonisch in die historische Parkanlage einfügt. Zudem trägt die Planungsänderung auch dazu bei, die Kosten des Projekts besser begrenzen zu können.“

Zusätzliche Arbeiten und damit Kosten seien durch die Planänderung also nicht angefallen, da man sich hierzu vor der Ausführung der Dacharbeiten entschieden habe. „Die flache Stahlbetondecke als tragende Dachkonstruktion des künftigen Konzertsaals wurde durch den Verzicht auf die anfangs vorgesehenen Granitspitzen auf dem Dach nicht verändert.“

In Bezug auf die wieder vom Gebäude entfernten Styrodurplatten scheint der Vorwurf, auf der Baustelle werde doppelt gearbeitet, jedoch durchaus zu greifen – denn der Bezirk teilt mit: „Die auf dem Dach des künftigen Konzertsaals verlegte Dämmung wurde mehrlagig mit Bitumenschweißbahnen abgedichtet. Die Abdichtung mit den Schweißbahnen muss aber nicht nur auf der eigentlichen Dachfläche selbst erfolgen, sondern auch an den sich anschließenden Außenflächen der Wände überlappend angebracht werden.“ Dafür hätten vereinzelt Dämmplatten oder Teile davon abgenommen werden müssen.

Auch der Dachrand ist noch nicht geschlossen, was den Bau anfällig für eintretendes Wasser macht – auch das ein Vorwurf des Baufachmanns, der sich an unsere Zeitung gewandt hat. „Aufgrund der ungünstigen Witterung im zu Ende gehenden Winter und beginnenden Frühling, in Verbindung mit niedrigen Temperaturen und Nachtfrost, konnte der Dachrandanschluss des Konzertsaals aktuell noch nicht vollständig fertiggestellt werden“, so rechtfertigen sich die Verantwortlichen des Bezirks. Die dafür erforderlichen Arbeiten sollen bei günstiger Witterung bald weitergehen.

Auch Probleme mit eindringendem Wasser habe es tatsächlich gegeben, bekennt der Bezirk – „in geringem Umfang im Bereich einer Dehnungsfuge, die sich im Bereich des Verbindungsgangs zwischen der Villa und dem künftigen Konzertsaal befindet“. Das verantwortliche Unternehmen habe im Rahmen der Gewährleistung aber sowohl die Dehnungsfuge nachgearbeitet als auch den entstandenen Mangel beseitigt.

Doch hat der Bezirk bereits von Anfang an mit unterirdischem Konzertsaal und abgesenktem Fundament in der Villa im Vergleich zu einem überirdischen Neubau unverhältnismäßig teuer geplant? Die Verantwortlichen verneinen das klar. Eine „oberirdische Neubaugesamtlösung“ wäre noch deutlich teurer gekommen. Solche Lösungen habe man durchaus diskutiert, bevor der Auftrag an das Architekturbüro Haimerl ging, heißt es auf die Anfrage unserer Zeitung. Diese wären „jedoch gegenüber der historischen, denkmalgeschützten Villa zu dominant erschienen und daher denkmalrechtlich nicht genehmigungsfähig gewesen. Die dabei prognostizierten Gesamtkosten in zweistelliger Millionenhöhe lagen deutlich über dem aktuellen Kostenrahmen.“ Angesichts der genannten Kosten und der denkmalrechtlichen Probleme habe der Bezirk die Idee, den Konzertsaal überirdisch zu bauen, nicht weiterverfolgt.

Auch die Entscheidung, das Fundament der Villa tieferzulegen, wobei die Arbeiter sich Zentimeter für Zentimeter vorarbeiten mussten, um die Statik des Gebäudes nicht zu gefährden, rechtfertigt der Bezirk. Auf die Frage, ob neue Übungsräume auch mit der bereits gegebenen Raumhöhe im Gartengeschoss der Villa umsetzbar gewesen wären, heißt es: „Vor der Umbaumaßnahme in der denkmalgeschützten Villa betrug die Raumhöhe im damaligen Kellergeschoss lediglich etwas mehr als zwei Meter und wies kaum eine natürliche Belichtung auf. Bei der Gestaltung der neuen Übungsräume wurden akustische, ästhetische und praktische Gesichtspunkte sorgfältig abgewogen und umgesetzt. Ein Übungsbetrieb im Untergeschoss der Villa ohne die durchgeführten Umbaumaßnahmen hätte sich nicht verwirklichen lassen.“

Die Baumeisterarbeiten in der denkmalgeschützten Villa begannen im September 2017 und waren im Mai 2019 abgeschlossen. Die Kosten hierfür beliefen sich am Ende auf 620 000 Euro, was der Bezirk vor allem auf die „schwierigen Bodenverhältnisse und statischen Anforderungen“ zurückführt. In diese Zahl sind jedoch verschiedene Maßnahmen eingerechnet. „Insbesondere wurde auch ein barrierefreier, innen liegender Aufzug in den denkmalgeschützten Baubestand integriert. Aus statischen Gründen musste auch die Geschossdecke unterhalb der Bibliothek erneuert werden“, teilt der Bezirk mit. Die verschiedenen Arbeiten seien, soweit es bautechnisch möglich war, parallel vonstatten gegangen.

Neben dem felsigen Untergrund führt der Bezirk die Kostensteigerungen besonders auf die „in den letzten Jahren stark angestiegenen Baupreise im Allgemeinen“ zurück. „So haben sich zum Beispiel beim Eintiefen der Baugrube, trotz vorher erfolgter Sondagebohrungen, erhebliche Schwierigkeiten ergeben, die dann auch zu Verzögerungen der anderen Gewerke geführt haben. Außerdem lagen beispielsweise die Kosten für Betonstahl 2018 30 Prozent über dem Niveau vom Jahr 2016. Der Preis für Erdarbeiten ist laut Angaben des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie 2018 um acht Prozent und 2019 noch mal um sieben Prozent gestiegen.“

Die Verlängerung der Bauzeit liege vor allem an Planänderungen, die ebenfalls aufgrund des schwierigen Untergrunds, aber auch mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit notwendig gewesen seien. Auch die allgemein gute Auslastung der Baufirmen, die Anforderungen des öffentlichen Vergaberechts sowie nicht zuletzt die durch die Corona-Pandemie bedingten Einschränkungen hätten zur Verlängerung der Bauzeit beigetragen. „Ein Zeitdruck bestand aber nicht, da für den Kursbetrieb Ausweichräume in Bad Steben zur Verfügung standen.“

Im Mai soll, wie berichtet, die Edelstahlfassade an den aus der Erde ragenden Teil des Konzertsaals kommen. An dieser Planung habe sich nichts verändert, teilt der Bezirk mit. Bis es so weit ist, gelte es, eine Tür und ein Fensterelement einzubauen. „Dies wird in Kürze geschehen.“

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