Oberweißenbach Der Gottlieb lebt wieder auf

Ganz hinten in Oberweißenbach steht einer der „Ur-Höfe“ des Ortes. Nun will sein neuer Besitzer Martin Rahm dem Fünfseithof aus dem Jahr 1350 neuen Glanz verleihen.

Martin Rahm hat eine Leidenschaft: Er liebt historische Dinge. Im Speziellen haben es ihm alte Häuser angetan. Und so hat er sich selbst eine Mammutaufgabe gestellt: Er will den Bauernhof vom „Knechtl’s Gottlieb“ ganz am Ende von Oberweißenbach bei Selb wiederherrichten. Zumindest so weit, dass man darin gemütlich sitzen und auch feiern kann. Mindestens einen Tag in der Woche steht der 51 Jahre alte Rahm in dem historischen Gebäude, schaufelt den Schutt hinaus, reißt alte Leitungen heraus, hantiert mit Schlagbohrer und Fuchsschwanz.

„Ich weiß, ich hab scho an g’scheiten Schlag“, lacht der kräftige Mann und reibt sich den Staub von den Armen. Was er da vor gut fünf Jahren gekauft hat, ist ein ganz besonderes Kleinod. Erstens hat Stadtheimatpfleger Dieter Arzberger in seiner Chronik nachgewiesen, dass das Anwesen um 1350 erbaut wurde und damit zu den „Ur-Höfen“ in Weißenbach gehört. Möglicherweise existiert von diesem ursprünglichen Bau sogar noch etwas: Martin Rahm hat im hintersten Eck des früheren Stalles, halb versteckt hinter einer Wand, einen geteilten Raum gefunden, der an einen Schweinekoben erinnert. „Vielleicht stammt der noch aus der Frühzeit des Hauses.“ Arzberger schreibt, dass dieser Hof bis 1818 als Lehen der Burg Eger galt, weswegen anzunehmen sei, dass er bereits bei der Anlegung des Dorfes entstand.

Hof mit fünf Seiten

Die zweite Besonderheit: Das Haus, Scheunen und Nebengebäude haben einen fünfeckigen Grundriss, bilden also einen Fünfseithof. Die Lage in unmittelbarer Nähe des westlichen Turmhügels, des heutigen Inselteiches, lässt demnach vermuten, dass er ursprünglich der Wirtschaftshof der Ministerialen war.

Das heutige stattliche Wohnstallhaus mit Satteldach ist um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden. Laut einer Inschrift wurde es 1757 erbaut und 1913 renoviert. Wegen seines imposanten Fachwerkes steht es in der Denkmalliste.

Viel Handwerk

Der in Selb geborene und in Schönwald aufgewachsene Martin Rahm wohnt mit seiner Frau Manuela und zwei Töchtern um die Ecke vom „Knechtl’s Gottlieb“. Der gelernte Mechaniker und Keramtechniker betreibt eine Metallbaufirma . Und er liebt handwerkliches Arbeiten. Das Schicksal des Hofes in seiner Nachbarschaft hat er schon seit Jahren verfolgt – und das Gehöft am Schluss gekauft: zunächst das Haus, später die Scheunen.

Und kurze Zeit darauf hat er sich an die Arbeit gemacht. „Der Hof ist schon etwas ganz Besonderes“, sagt Rahm, der bei den Arbeiten von Freunden und Bekannten unterstützt wird. Eigentlich wollte er das Gebäude vor dem Verfall retten und auch einen Raum im Erdgeschoss zur Party-Location umbauen. Aber inzwischen ist das Projekt

sehr viel größer geworden.

Viel Holz

Einer der Räume im Erdgeschoss ist bereits hergerichtet. Zusammen mit Holger Bareu-ther, seines Zeichens Schreiner, hat Rahm die ehemalige Wohnstube des etwa neun mal 17 Meter großen Haupthauses komplett entmüllt, den von früheren Besitzern eher nicht originalgetreu verlegten Boden herausgerissen und einen neuen Holzboden verlegt. Das Holz dazu stammt aus einer historischen Scheune in Hohenberg. In mühevoller Handarbeit haben Bareuther und Rahm die Bohlen gesägt, geschliffen, eingepasst und verlegt.

In einer Nebenkammer des Stalles , die ebenfalls bis unter die Decke vollgestellt war, hat Martin Rahm ein Stück Industriegeschichte aufbewahrt: Dort liegen Ziegel aus der abgerissenen Heinrich-Fabrik in Selb. „Die waren viel zu schön, um sie wegzuschmeißen.“

Denkmalschutz

Das Ganze funktioniert natürlich nur in Zusammenarbeit mit dem Amt für Denkmalpflege. So hat Rahm im Erdgeschoss Fenster aus Eichenholz fertigen lassen. Den Putz hat er ausgebessert und schadhafte Stellen vorsichtig erneuert. „Ich wollte den Hof erhalten und schützen, Verfall verhindern und Sünden der Vergangenheit rückgängig machen.“ Man müsse sich ja auch fragen, was „historisch“ sei: der Zustand aus dem 18. Jahrhundert? Oder der aus dem 19.? Stimmig soll es sein, was Rahm erschaffen will. Zwar bleibt ihm dabei noch viel Arbeit, aber ein Gutteil hat er schon geschafft. Seine Tochter fasste das in Worte: „Das Haus hat sich einen neuen Besitzer gesucht. Jetzt lacht es wieder.“ Wohnen will Rahm in dem Haus nicht, wobei ihm sowieso klar ist, dass er noch Jahre dort zugange sein wird. Aber der findige Tüftler und Handwerker hat noch etwas ganz anderes gerettet. Nämlich das Inventar der „Jahnstube“, der früheren Gaststätte in der Jahnturnhalle. Die original Tische, Stühle und Bänke und sogar die viereinhalb Meter lange Edelstahltheke haben in der Scheune beim „Knechtl’s Gottlieb“ eine neue Heimat gefunden. „Das ist ein prima Platz, um zu feiern“, sagt Martin Rahm. Beim Gottlieb ist also wieder Leben.

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