Tumorzentrum Oberfranken Krebs wächst im Schatten von Corona

Peter Rauscher
Die Röntgenaufnahme zeigt die Brust einer Frau. Die Zahl der Krebsvorsorgeuntersuchungen ist in der Pandemie deutlich zurückgegangen. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Corona beherrscht seit fast zwei Jahren den Alltag und das Gesundheitswesen. Krebskranke könnten ins Hintertreffen geraten, dabei sind gerade sie durch die Pandemie besonders gefährdet, warnt das Tumorzentrum Oberfranken und wendet sich mit einem dringenden Appell an die Öffentlichkeit.

Bayreuth - Krebspatienten sind in der Corona-Pandemie besonders gefährdet. Das Tumorzentrum Oberfranken hat deshalb einen dringenden Appell an die Verantwortlichen in Politik, Gesundheitswesen, aber auch an Patienten und gesunde Menschen gerichtet, dieser erhöhten Gefährdung mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Die Pandemie drohe die Lage Krebskranker zu verschlechtern, zudem bleibe die Krankheit häufiger unentdeckt.

Ärzte besorgt

Das Thema Krebs ist in der Pandemie in der öffentlichen Wahrnehmung völlig in den Hintergrund gedrängt worden. Eine gefährliche Entwicklung, warnen die Krebsärzte im Tumorzentrum Oberfranken: „Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Diagnose und die Behandlung von Krebserkrankungen erfüllen uns mit Sorge.“ Krebserkrankungen würden seit Beginn der Pandemie weniger häufig diagnostiziert, Krebsbehandlungen würden oft verschoben, was die Prognose für die Patienten verschlechtern könne.

Deutlich weniger Neudiagnosen

Prof. Alexander Kiani ist Leiter des Onkologischen Zentrums und des Zentrums für Hämatologische Neoplasien am Klinikum Bayreuth und Sprecher des Tumorzentrums Oberfranken. Gegenüber dem Kurier verweist er darauf, dass Daten des sächsischen und des bayerischen Krebsregisters deutliche Rückgänge von Krebsneudiagnosen im Frühjahr 2020, dem ersten Pandemiejahr, gegenüber dem Vorjahr zeigen. In Bayern sei ein Rückgang der Diagnosen um 10,7 Prozent registriert worden. Mögliche Gründe: Aus Angst vor Ansteckung oder um das Gesundheitswesen nicht zusätzlich zu belasten, gingen Menschen seltener zum Arzt, Krebsvorsorge sei aufgeschoben worden. Nach Daten der AOK Nordost halbierte sich die Zahl der Krebsvorsorgeuntersuchungen gegenüber der Zeit vor der Pandemie in etwa. Wenn Krebserkrankungen aber später diagnostiziert werden, „besteht die Gefahr, dass Tumore bis zum Zeitpunkt der Operation größer geworden sind und vielleicht sogar bereits gestreut haben“, so Kiani. Hierdurch könnten sich die Heilungschancen verschlechtern.

Immunsystem schwächer

Gleichzeitig seien bereits krebskranke Patienten im Falle einer Covid-19-Infektion besonders gefährdet, weil ihr Immunsystem möglicherweise schwächer sei und auch eine Impfung gegen Covid 19 unter Umständen nicht denselben Schutz gewähre wie bei gesunden Menschen.

Die Krebsärzte im Tumorzentrum appellieren deshalb an die Verantwortlichen in Politik und medizinischen Einrichtungen: Im Falle von Priorisierungen im Gesundheitswesen müsse Krebspatienten eine hohe Priorität eingeräumt werden. Krebsoperationen und –behandlungen seien dringend und könnten Leben retten.

Warnung vor „stiller Triage“

Im Zusammenhang mit der drohenden Überlastung von Intensivstationen wegen Covid-19-Patienten hatte der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Thomas Seufferlein, kürzlich vor einer ungewollten Priorisierung der zu behandelnden Patientinnen und Patienten - und damit vor einer „stillen Triage“ – gewarnt. Triage bedeutet letztlich, dass Ärzte entscheiden müssen, welche Patienten sie mit den knappen Ressourcen retten und welche nicht.

„Nestschutz“ für Patienten

Krebspatienten und deren Angehörige sollten zudem bei Corona-Impfungen Vorrang haben und frühestmöglich geboostert werden, heißt es in dem Appell des Tumorzentrums weiter. Krebskranke sollten sich vom Facharzt über ihr individuelles Infektionsrisiko beraten lassen. Eine laufende Krebsbehandlung sei kein Grund gegen, sondern im Gegenteil für eine Impfung. Die Impfung Angehöriger sei als „Nestschutz“ für den besonders gefährdeten Krebskranken wichtig. Wenn ein abwehrgeschwächter Patient mit dem Virus infiziert werden sollte, solle frühzeitig an die Verabreichung von Antikörpern oder anderen Medikamenten gedacht werden, um einem schweren Verlauf vorzubeugen.

Vorsorge nicht vernachlässigen

Auch an alle anderen Menschen in der Region richtet das Tumorzentrum Oberfranken einen dringenden Appell: Die gesetzlich empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen sollten auch während der Covid-19-Pandemie konsequent wahrgenommen werden. Der Hausarzt solle insbesondere aufgesucht werden bei verdächtigen Beschwerden wie unklarem Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, blutigem Auswurf oder Knoten in der Brust.

 

Bilder