Paschinjan: Landesverräter oder Friedensstifter?
Auch deswegen hat Paschinjan seinen Westkurs in den letzten Jahren nur noch verstärkt. Eingeklemmt zwischen Aserbaidschan und dessen großem Verbündeten Türkei ist Armenien auf einen Ausgleich mit den stärkeren Nachbarn angewiesen. Um einen stabilen Frieden mit Aserbaidschan abzusichern, setzte Paschinjan auf Europäer und die USA als Vermittler.
Während die Opposition ihm wegen der Niederlage im Krieg und anschließenden Verhandlungen Landesverrat vorwarf, betonte der Regierungschef die Bedeutung von Frieden in der Region. Tatsächlich sprachen viele Armenier Paschinjan zuletzt Verdienste bei der Schaffung von Frieden und Sicherheit zu. "Es wird nicht mehr dauernd geschossen an der Grenze, das ist gut", sagte Lilith, eine Reiseführerin aus Eriwan, die sich als Anhängerin Paschinjans zu erkennen gibt. Deswegen und weil sie die korrupte alte Elite, die sich mit Moskau verbündet habe, nicht wiederhaben wolle, habe sie Paschinjan gewählt, erklärte sie.
"Die Stimmung im Land hat sich gedreht", meint auch Jacob Wöllenstein, der politische Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung im Südkaukasus. "Selbst wenn viele Paschinjan nicht mögen, gibt es keine Alternative."
Druck aus Russland kommt in Armenien schlecht an
Der Kreml selbst ist nicht ganz unschuldig an der Niederlage der prorussischen Kräfte in der Ex-Sowjetrepublik. Denn in den letzten Monaten hat Moskau bewusst die Spannungen verschärft: So hat die russische Regierung Einfuhrverbote für armenische Produkte verhängt und mit der Kündigung eines günstigen Gasliefervertrags gedroht. Kremlchef Putin erklärte gar, auch der Konflikt mit der Ukraine habe wegen deren Annäherung an die EU begonnen.
Angesichts des seit mehr als vier Jahre andauernden Ukraine-Kriegs haben das viele Armenier als Drohung verstanden. Und so gingen viele Menschen wählen, die das letzte Mal noch zu Hause geblieben waren.
Scharfer Wahlkampf
Der Wahlkampf war stark polarisiert, von Skandalen und – teilweise auch bewusst falschen – Vorwürfen geprägt. Während Paschinjan der Plan angedichtet wurde, Hunderttausende Aserbaidschaner im Land anzusiedeln, warf die Regierung Russland und der mit ihr verbandelten Opposition Stimmenkauf vor.
In Russland lebende Armenier würden speziell zur Wahl in ihre Heimat geschickt, damit sie dort gegen Entlohnung für prorussische Parteien stimmten, sagte ein Regierungsvertreter. Die Behörden haben mehrere Strafverfahren eröffnet, Festnahmen gab es selbst noch am Wahltag. Handfeste Beweise hat die Regierung für die Anschuldigung aber nicht präsentiert.
Paschinjan, der 2018 selbst nach Protesten wegen gefälschter Wahlen an die Macht gekommen war, glaubt nicht an die Wiederholung eines solchen Szenarios. Dafür sei das Ergebnis zu eindeutig. "Ich schließe aus, dass das armenische Volk es dieser dreiköpfigen Kriegspartei erlaubt, irgendwie zu zucken", sagte er mit Blick auf die drei prorussischen Oppositionsparteien.
Paschinjan hat nun das Mandat für fünf weitere Jahre. Dafür muss er aber die bestehenden Probleme mit Russland lösen. Der Traum von einem EU-Beitritt liegt noch in weiter Ferne, im wirtschaftlichen Alltag wird Armenien vorläufig weiter stark von Russland abhängig sein.