Pferd verschwunden Wo ist Gipsy?

Seit dem 9. Mai ist die Pony-Stute von ihrer Weide bei Untersteinach verschwunden. Die Besitzer fragen sich, ob falsch verstandene Tierliebe die Ursache gewesen ist. Jetzt ermittelt die Polizei.

Said hat es inzwischen aufgegeben, nach seiner Mutter zu wiehern. Tagelang hat er nach ihr gerufen, den Blick immer in die selbe Richtung. Ganz allein steht das außergewöhnlich freundliche Pferd jetzt auf der riesigen Wiese in Untersteinach. Das ist nicht gut für ein Herdentier, das Kontakt zu Artgenossen braucht. Seit dem 9. Mai ist die 30-jährige Reitpony-Stute „Penancing Brook Gipsy“ spurlos von dem Stall und Gelände am Ende der Von-Varell-Straße verschwunden. Ihre Besitzer, Anja Susanne und Harald Kleiber, suchen seither verzweifelt nach ihrem Pferd. Sie haben mehrfach die gesamte Umgebung der 1,9 Hektar großen Weide abgesucht, auch der Jagdpächter hat geholfen. Doch die braune Stute wurde weder tot noch lebend irgendwo entdeckt. Die Familie Kleiber hegt nun einen schlimmen Verdacht: Gipsy könnte aus falsch verstandener Tierliebe gestohlen und an einen anderen Ort gebracht worden sein.

Pferdehalter beim Veterinäramt angezeigt

Seit zehn Jahren leben die Pferde der Kleibers auf dem Grundstück am Berg. Sie haben ideale Bedingungen dort: Ein doppelwandiges Stallzelt mit Holzboden schützt sie vor Regen und Kälte. Vor dem Zelt ist eine befestigte Fläche. Die Pferde können selbstständig entscheiden, ob sie im Stall, auf der gepflasterten „Terrasse“ oder an jedem anderen Ort auf der 19 000 Quadratmeter großen Wiese sein wollen. Sie können wählen zwischen Heu und frischem Gras. Täglich bringen die Kleibers Wasser.

Anfang Januar wurden die Pferdehalter beim Veterinäramt angezeigt. Die Pferde, besonders Gipsy, seien viel zu mager, hieß es. Vor dem Stall sei Schlamm. Anja Susanne Kleiber hätte sich gewünscht, dass diejenige, die sich da Sorgen gemacht hat, mit ihr selbst gesprochen hätte. Denn dann hätte sie leicht erklären können, warum die Stute vor allem im Winter etwas „klapprig“ ausschaut und das auch nicht zu verhindern ist. „Gipsy baut jedes Jahr im Winter mehr ab“, erklärt die Halterin. Für ein Pferd im fast biblischen Alter von 30 Jahren ist das ganz normal. Dazu komme eine Tumorerkrankung am Euter, mit der die Stute zwar leben könne, die aber halt doch eine Beeinträchtigung darstellte. „Im Winter ist sie halt zaundünn. Wenn dann die Wachstumsperiode beginnt, päppelt sie sich wieder auf.“ Wer selbst Pferde hält, weiß das und weiß auch, dass vor allem im Winter auf einem Gelände, wo Pferde leben, schlammige Stellen fast nicht vermieden werden können.

Keine Spuren im Gras

Das bestätigt der Leiter des Kulmbacher Veterinäramts, Dr. Andreas Koller. Er war nach der Anzeige mit einer Kollegin am 13. Januar zu einer Kontrolle auf dem Gelände. Das Ergebnis: Keinerlei Beanstandungen. Koller hat erfahren, dass Gipsy verschwunden ist. Welches Schicksal das Pferd erlitten hat? Da könne man nur spekulieren. Könnte es sein, dass die Stute gestohlen wurde? Das weiß Koller natürlich nicht. Wenn er theoretisch in diese Richtung denkt, fragt er sich: „Ein Pferd, das das schönste Leben hat: Ich weiß nicht, warum man das retten müsste.“ Said, Gipsys Sohn, ist nun allein zurückgeblieben. Auch er ist gesundheitlich angeschlagen. Ein Hufbeinbruch sei in eine chronische Hufrehe gemündet, erzählt die Besitzerin. Von einer Borreliose seien Schäden zurückgeblieben. Viel Aufwand und Pflege sei nötig. Sie werde, wenn Gipsy nicht zurückkommt, den 19-jährigen Wallach wohl einschläfern lassen müssen. Ein Pferd allein zu halten, das gehe nicht. Anja Susanne Kleiber sagt, sie habe alles getan, um den beiden Pferden noch eine bestmögliche Lebensqualität zu bieten. Mit dem Verschwinden der Stute sei nun aber alles in Frage gestellt.

Ein Riesenschrecken war es, als die Kleibers am 9. Mai zu ihren Pferden gingen und nur noch eins vorgefunden haben. Sofort haben sie sich auf die Suche gemacht. „Wir sind alles abgegangen, haben im Wald gesucht. Mein Sohn hat alle Wege abgefahren. Wir mussten ja befürchten, dass sie irgendwo herumläuft und vielleicht auf eine Straße gerät. Das ganze Koppelgelände haben wir fünf Mal abgesucht.“ Es hätte durchaus sein können, dass die hochbetagte Gipsy gestorben ist. Aber dann hätte man sie finden müssen.“Ich habe jeden Strauch umgedreht“, betont Harald Kleiber. Und auch durch den Zaun ist ist das braune Pony nicht gegangen. Die Litzen seien unbeschädigt. Es gebe im hohen Gras, das am Zaun wächst, auch keinerlei Spuren. Die Stute, da ist sich die Halterin sicher, wäre auch niemals alleine von ihrem Sohn und Koppelpartner fortgegangen. Für die Kleibers gibt es jetzt nur noch eine Erklärung: Gipsy ist gestohlen worden.

Einzige plausible Erklärung

Am selben Tag noch habe er die Polizei informiert, sagt Harald Kleiber. Nach der erfolglosen Suche und der Spurenlage ist für ihn sicher: „Es muss jemand das Pferd durchs Koppeltor herausgeführt und abtransportiert haben. Wenn man kein totes Pferd findet und es auch außerhalb der Koppel nicht gefunden ist, bleibt nur der Schluss, dass es jemand mitgenommen hat.“ Die Polizei sehe das inzwischen auch so und führe die Anzeige jetzt nicht mehr als „Verlust eines Tieres“, sondern als Diebstahl. Dafür spreche auch eine kleine Verletzung an einem Hinterlauf des allein zurückgebliebenen Wallachs. Anders als seine Mutter habe sich Said noch nie verladen lassen. Die Kleibers sind überzeugt: Auch Said sollte mitgenommen werden und wurde zurückgelassen, als er nicht auf den Hänger ging. Anja Susanne Kleiber ist in großer Sorge. Es geht auch darum, dass Gipsy, sollte sie tatsächlich gestohlen worden sein, richtig behandelt wird. Das Pferd leide unter einer Pollenallergie.

Die Frau, die im Januar die Anzeige beim Veterinäramt erstattet hat, sei ermittelt worden, wissen die Kleibers. „Es wurde auch nachgeschaut, ob sie das Pferd bei sich hat. Das war aber nicht der Fall, und sie hat wohl auch ein Alibi für den Tag, an dem unser Pferd verschwunden ist.“ Auch ihre langjährige Tierärztin sehe „militante Tierschützer, die meinen, sie müssen jetzt ein Pferd retten“, gewesen sein müssen, als einzige plausible Erklärung für das Verschwinden der Stute. „Penancing Brook Gipsy“ ist eine im Hauptstammbuch eingetragene Deutsche Reitponystute. Sie trägt auf dem linken Hinterschenkel als Brandzeichen ein Edelweiß mit dem „P“ in der Mitte und darunter die Lebensnummer 115. Sie ist braun und hat auf der Stirne einen halbmondförmigen Stern.

Hinweise

Auch die Stadtsteinacher Polizei bittet um Hinweise. Ohne die, fürchtet, Inspektionsleiter Marco Gottesmann, werde es schwer, den Verbleib des Pferdes zu klären. „Es gibt keine Anhaltspunkte, wo das Tier ist.“ Wer hat am 9. Mai in Untersteinach auf der Straße zur Bauschuttdeponie Beobachtungen gemacht? Wo ist seit dem 9. Mai ein Pferd aufgetaucht, auf das die Beschreibung passt? Die Kleibers haben eine Belohnung von 500 Euro für die Wiederbeschaffung ihres Pferdes ausgesetzt. Hinweise erbittet die Stadtsteinacher Polizei unter der Telefonnummer 09225/963000.

Autor

 

Bilder