Ebenso vorhersehbar sei, dass die Ansichten und Forderungen in einer Art Entrüstungsspirale immer extremer werden. "Die Einzelnen überbieten sich und man muss mitgehen, um weiter zur Gruppe gehören zu können", so Schwab. Ähnliche Mechanismen habe es zum Beispiel auch während der Corona-Pandemie gegeben.
Teils geht es auch schlichtweg um Geld: Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern warnte vor betrügerischen Aktivitäten in sozialen Medien wie vermeintlichen Spendenaktionen.
Es gibt so viele Probleme - warum ausgerechnet der Wal?
"Unser Gehirn funktioniert über Emotionen", erklärte Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Es falle leichter, auf ein Einzelschicksal zu reagieren, gerade, wenn es als eine Art Serie mit immer neuen Cliffhängern in direkter zeitlicher und räumlicher Nähe ablaufe. "Ein klassisches Drama wie aus dem Lehrbuch", nennt auch Medienwissenschaftler Rusch das Geschehen.
Zudem neigt der Mensch Urner zufolge dazu, gerade dem Negativen und Absurden viel Aufmerksamkeit zu schenken. Zum Tragen komme ein uraltes evolutionäres Erbe: Einst konnte es den Tod bedeuten, eine negative Nachricht - etwa das Anrücken eines Säbelzahntigers - zu verpassen. Entsprechend fokussiert sei das Gehirn auf solche Botschaften. Je negativer und absurder eine Social-Media-Botschaft ist, desto besser klicke und verbreite sie sich. "Das Gehirn ist das faszinierendste, aber auch das frustrierendste Organ."
Hinzu kommt, dass ein besonderes Tier in Not ist: "Der Wal ist eine mythologische Figur, er ist friedlich, intelligent, er kümmert sich um seine Kinder", erklärte Medienpsychologe Schwab. Unsere Zuneigung zur Natur sei höchst selektiv. Herzhaft ins Fischbrötchen beißen und zugleich vehement eine Walrettung fordern - das sei für manche Menschen kein Widerspruch. "Stellen Sie sich mal vor, vor Poel würde nur ein Hai oder ein Wildschwein liegen."
Populisten springen auf
Klar ist: Mit dem Thema lässt sich gut Aufmerksamkeit bekommen. Auf solchen Aufmerksamkeitswellen mitzureiten, sei für Populisten sehr attraktiv, sagte Rusch. Dass weitere Rettungsversuche ausblieben, lasse sich als moralisches Staatsversagen darstellen. "Das ist besonders gefährlich: Der Staat wird nicht nur als korrupt, sondern auch als moralisch verdorben dargestellt." Auch Maren Urner von der FH Münster betonte: "Der Wal ist hochpolitisch."
"Sehr kleine Gruppe, die sehr viel Spektakel macht"
"Ich habe schon mehrfach gestrandete und verendete Wale gesehen. Orcas, Grau- und Buckelwale. Das passiert in der Natur nicht selten", schrieb Sarah Connor vor dem grünen Licht für die neue Rettungsaktion. Würde man den Buckelwal aus dem Flachwasser ziehen, würde er sehr wahrscheinlich an anderer Stelle wieder stranden. Wer sich die Kommentare dazu ansieht, könnte meinen, Connor habe nun keine Fans mehr, nur noch Ex-Fans, die sie verachten.
Der Schein trügt, wie fast immer bei solchen aufgebauschten Debatten, betonte Schwab: "Eine sehr kleine Gruppe macht sehr viel und sehr laut Spektakel." Es gebe oft die Tendenz, einzelne Stimmen als besonders verbreitet oder gar meinungsführend einzustufen, nur weil sie mit besonderer Vehemenz vorgetragen würden, sagte Medienpsychologe Stein. Menschen mit moderateren oder ausgewogeneren Sichtweisen äußerten sich in öffentlichen Diskursen häufig weniger sichtbar.
Den in einer Entrüstungsspirale rotierenden Menschen dürfte nur selten klar sein, dass diese schweigende Mehrheit existiert. "Es gibt kein Korrektiv in den Social-Media-Blasen, niemanden, der sagt: "Na so ein Quatsch"", erklärte Urner.
Hinzu kommt: "Die Wissenschaft hat ein Komplexitätsproblem", sagte Schwab. Forschungsergebnisse können fragil und vielschichtig sein, sich mit neuen Daten verändern. "Menschen mögen das nicht." Zudem böten Verschwörungsideen eine willkommene Möglichkeit, sich überlegen zu fühlen, ergänzte Stein. Insbesondere Menschen mit narzisstischen Tendenzen würden zu Verschwörungsanhängern, da dies ihnen das Gefühl gebe, vermeintlich zu ausgewählten Erkennern einer verborgenen Wahrheit zu gehören.
Was wären sinnvolle Reaktionen?
Bei allem Negativen biete der Fall auch eine Chance, Menschen Naturschutz näherzubringen, meinte Urner. Nicht belehrend, sondern mit Angeboten zu weiteren Informationen und der Verbindung zum eigenen Leben.
Auch Sarah Connor richtete ihre Botschaft darauf aus: "Was jeder tun kann, dem der Wal jetzt leidtut: Esst weniger oder am besten gar keinen Fisch, reduziert euren Konsum!", schrieb sie. "Unterschreibt Petitionen, die gegen das Massenfischen mit Grundschleppnetzen sind!"