Premiere im Theater Hof Alles Schweine, oder?

Jeder will etwas wert sein und feilscht um Anerkennung. Das Schauspiel „Kasimir und Karoline“am Theater Hof macht eine eigene Rechnung auf, die so traurig wie entlarvend ist. Ein Theater-Treffer.

Auf ein verkorkstes Leben (von links): Volker Ringe (Speer), Oliver Hildebrandt (Schürzinger), Carolin Waltsgott (Karoline), Ralf Hocke (Rauch) Foto: /Harald Dietz Fotografie

Da sitzen die beiden aus dem Rummel-Proletariat vergessen in der Ecke. „Lass uns träumen am Meer, einen Traum voll Amor“ singt die namenlose Sängerin (Cornelia Löhr) lustlos, während der Musiker (Franz Tröger) die Akkorde von „Sag mir quando, sag mir wann“ mechanisch am Keyboard spielt. Der Traum von Amor, er zerreißt immer wieder in „Kasimir und Karoline“, das das Theater Hof am Freitag in die Premiere geführt hat. Das Stück von Ödön von Horváth inszeniert Intendant Reinhardt Friese mit viel Empathie. Was da an Seelenleichen auf der Drehscheibe angefahren kommt, das tut weh.

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Sie sind eigentlich von Anfang an kein Paar, die flatterhafte Karoline (Carolin Waltsgott) und der zornig-depressive Kasimir. Er, frisch gefeuert, sieht seinen Wert für eine Frau im Sinken, nimmt später aber das erste neue Angebot dankend an. Sie beteuert ihre moralische Solidarität und linst schon nach der nächstbesten Gelegenheit, eine bessere Partie zu machen. Horvath nennt sein Werk, das auf dem Münchner Oktoberfest spielt, ein Volksstück. Keine gebügelten Sätze, keine schönen Menschen, das Elend ist im Preis drin. Die Hofer Inszenierung beschränkt sich folgerichtig auf die Charaktere und lässt den ganzen Rummel weg. Nur zig rote Lämpchen baumeln über der Bühne. Ein Sternenhimmel, in den man hineinträumen kann: Amor, ein schönes Leben, Wertschätzung. Und alles unerreichbar weit weg.

Schön ist keiner. Kein Charakter, und keiner und keine im karikierenden 70er-Jahre-Look, den Anette Mahlendorf an die Schmerzgrenze führt. Karoline treibt es in Schürzingers (Oliver Hildebrandt) Richtung, später in die des Juristen Speer (Volker Ringe) und des vermögenden Händlers Rauch (Ralf Hocke). Die beiden sind zwei geile alte Säcke. Versoffen wie alle, letztlich kein Stück besser als der Kleinkriminelle Franz Merkl, ein Arsch und Ekel wie aus dem Gruselkabinett. Sie alle haben ihre Ideale, die sie sofort opfern, wenn ein Gewinn jedweder Art zu machen ist.

Friese zeichnet eine Sozialstudie, die erschütternd aktuell ist. Zurecht sagte der Regisseur vor dem Stück über sein Stück: Über allen Diskussionen über Panzerlieferungen und Klimawandel vergäßen wir das Elend, das Prekariat, das sich im Sinkflug sieht, egal, wie es sich abstrampelt, um seine Würde zu behalten. Und, das liefert die Inszenierung ebenso: Wir sprechen nicht über die Ignoranz der Bürgerlichen, die sich an den Sozialfetisch Mittelstand klammern und nicht absinken wollen.

Die Hofer Inszenierung führt das ungerührt vor. Friese hat das Stück auf eben noch vertretbare 90 Minuten gekürzt, sich anbahnenden Längen entgeht er damit fast immer. Die Sprache spart nicht an Grobheit und an missglückten Versuchen, die Eloquenz der „Besseren“ zu imitieren. Die Fassung in Hof lässt auch die Stillen im Stück, die Horváth vorgegeben hat. Da sind in den Dialogen die ratternden Hirne fast zu hören: Was will ich jetzt eigentlich sagen – und was kann ich sagen? Meistens führt das zu Phrasen, die nicht selten nur doof sind.

Die Hofer Inszenierung lässt einen erschrecken: Was ein Ödön von Horváth vor gut 90 Jahren geschrieben hat, das hat es über die Jahrzehnte bis heute verlustlos geschafft. Das hat Reinhardt Friese in einer ordentlich beklatschten Premiere in beklemmender Weise geschafft. Das Augenzwinkern hat er darüber nicht vergessen.

Die nächsten Vorstellungen von „Kasimir und Karoline“ sind zu sehen am 4. und 8. März jeweils um 19.30 Uhr im Theater Hof.