Public Viewing Leere „Tribünen“ und lange Gesichter in Kulmbach

Gabriele Fölsche

Der Auftakt für die Deutschen bei der Fußball-Weltmeisterschaft entwickelt sich zu einer betrüblichen Angelegenheit. Beim Public Viewing in Kulmbach mag aber nicht nur deshalb keine wirkliche WM-Atmosphäre aufkommen.

Etwas mehr als 20 Fußballfans, mehr waren es nicht, die sich am Mittwoch im Foyer der Kulmbacher Dr. Stammberger-Halle zum Public Viewing trafen. Sie zumindest hofften und bangten mit der deutschen Elf – und mussten am Ende auch sportlich eine große Enttäuschung verkraften oder – wie es das Magazin 11 Freunde kurz nach dem Abpfiff mit feinem Sarkasmus und in Anspielung an die Niederlage gegen Mexiko bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren ausdrückte: „Deutschland startet wie gewohnt in die WM-Gruppenphase – und geht gegen Japan unter.“

Seit vergangenem Sonntag rollt der Ball bei der Fußball-WM in Katar. Winter und Public Viewing passt per se nicht zusammen und so war längst klar, dass man nach großen Sausen auf Fanmeilen vergeblich suchen wird. Gründe, diese Weltmeisterschaft als Zuschauer in der Heimat auszulassen, gibt es genug. Beim Stadionbau sind zahlreiche Arbeiter umgekommen, Wert auf die Menschenrechte in dem Emirat werden allenfalls in Teilen gelegt, die Pressefreiheit ist ebenso ein frommer Wunsch wie Nachhaltigkeit. Und überhaupt: Muss kicken in der Wüste wirklich sein?

So war es – auch angesichts der nicht wirklich publikumsfreundlichen Anstoßzeit – kein Wunder, dass nur ein paar Handvoll in die Stammberger-Halle gekommen waren. Die Stimmung? Natürlich nicht zu vergleichen mit dem Flair des Public Viewings auf dem Kulmbacher Marktplatz. Tröten, Hüte, Brillen oder Laola in Schwarz-Rot-Gold – nichts davon beim Auftakt gegen Japan. Immerhin: Drei der meist jugendlichen Zuschauer hatten ein Deutschland-Trikot übergezogen.

Felix Gack hatte sich mit sechs Schulfreunden vor Ort verabredet: „Alles Realschüler. Wir schauen zusammen, weil es einfach mehr Spaß macht“, sagte der 14-Jährige. Dass die WM in Katar ausgetragen wird, lehnt er ab: „Wir finden es alle blöd. Aber warum sollen wir unter den Fehlern der anderen dann auch noch leiden?“, fragte er.

Thorsten Müller war beruflich vor Ort. Für die Kulmbacher Brauerei. „Als die WM vor vielen Jahren von der Fifa vergeben wurde, wäre ein Boykott angebracht gewesen. Jetzt ist es zu spät“, sagt der 56-Jährige. Er findet es ausdrücklich gut, dass die Stadt zusammen mit Tourismus- und Veranstaltungsbetrieb und Gastronomen ein Gemeinschaftserlebnis anbietet. „Ich schaue nur die Spiele der deutschen Mannschaft an. Auf den Rest werde ich heuer verzichten.“

Ludwig Thurn kam mit dem Rad von Oberdornlach zur Stadthalle. „Ich schaue nicht gerne allein Fußball. Da brauch’ ich Leute um mich herum, deshalb bin ich hier“, erklärte der 69-Jährige. Das Verbot der „One Love-Armbinde“, die ein Herz in bunten Regenbogenfarben zeigt und ein Zeichen gegen Homophobie, Antisemitismus und Rassismus sowie für Menschenrechte und Frauenrechte sein soll, kritisiert der Oberdornlacher deutlich. Aber er belässt es nicht bei der Fifa. „Ich finde es nicht gut, dass die Europäer da eingeknickt sind. Sie hätten abreisen und sagen sollen: Spielt ohne uns.“

Philipp Clay ist geborener Kulmbacher und derzeit auf „Heimaturlaub“. Auch er wollte sich das Spiel in der Gemeinschaft nicht entgehen lassen: „Klar ist Katar ein Unrechtsstaat. Aber davon gibt es viele auf der Welt. Selbst in Deutschland ist nicht alles in Ordnung“, sagt der 34-Jährige. Ein großer Fan dieser Weltmeisterschaft ist er deshalb freilich nicht. Allein schon aus einem Grund: „Es ist Winter, es ist kalt. Da fehlt die gewohnte Atmosphäre, die so eine WM ausmacht.“

 

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