Rehau "Ich finde Rehauerisch klasse"

Professorin Eva Wittenberg arbeitet in den USA an einer Studie ihres Heimatdialekts. Die Sprachforscherin braucht dazu die Mitarbeit möglichst vieler Rehauer.

Frau Wittenberg, wie kommen Sie in Kalifornien darauf, eine Studie über den Rehauer Dialekt zu erarbeiten?

Zur Person

1984 geboren im Selber Krankenhaus, aufgewachsen in Rehau, 2003 Abitur am Jean-Paul-Gymnasium Hof. Danach Studium Germanistische Linguistik und Geschichte, Dissertation in Sprachwissenschaft in Potsdam mit Abschluss summa cum laude (deutsch: mit höchstem Lob und Auszeichnung). Forschung in Yale, Harvard und an der Tufts University in Boston.

Seit 2016 Professorin an der University of California, San Diego, im Fachbereich Sprachwissenschaft

Eva Wittenberg bittet die vielen Rehauer, die ihren Dialekt noch beherrschen, um Mitarbeit bei ihrer Studie. Die Studie besteht aus zwei Teilen. Zuerst geht es darum, fränkische Ausdrücke nach ihrer Stärke zu bewerten. Im zweiten Teil hört man eine Einkaufsliste und sucht die passenden Gegenstände aus. Beide Studien wurden zusammen mit Dr. Andreas Trotzke von der Universität Konstanz entwickelt. Der Link: tinyurl.com

Ich stamme aus Rehau, verbringe dort jeden Sommer bei meinen Eltern. Schreiben kann ich überall. Und meine zwei Söhne im Alter von vier und sechs Jahren sollen auch ein bisschen Landkindheit mitbekommen. Sie waren in Rehau auch eine Zeit lang im Kindergarten und haben Freunde gefunden. Auch ich habe noch Freunde im Hofer Land.

Wie sieht denn aus Ihrem geweiteten Blick die ehemalige Heimat so aus?

Rehau und Oberfranken im Allgemeinen: Das sind besondere Flecken Erde. Zwei Tage in Rehau – und ich bin komplett tiefenentspannt. Manchmal denke ich, die Menschen in Oberfranken wissen gar nicht, wie gut sie es haben, auch wenn sie nicht gerade berühmt sind für gute Laune und Freundlichkeit. Schließlich bezeichnen sie sich im Dialekt schon mal als „Rollerboggl”, „Briehnischl“ und „Schdoffl”. Gleichwohl sehe ich uns doch als weltoffen, herzlich und klar denkend. Ich blicke aber schon auch mit Sorge auf unsere Heimat, speziell, was die politische Entwicklung betrifft. Dass die AfD so viele Anhänger und Wähler findet, macht einem Angst.

Woher kommt die Liebe zum Dialekt?

Dialekt ist für viele Menschen die erste Sprache, die sie lernen. Die ersten Erinnerungen, Gedanken und Gefühle werden im Dialekt gefasst. Deshalb ist der Dialekt enger an die eigene Identität und an Emotionen geknüpft als später gelernte Sprachen. Ich kann zum Beispiel auf Englisch fluchen wie ein Matrose, auf Deutsch oder Oberfränkisch würde ich nie solche Ausdrücke verwenden. Ich finde, man kann seinen Dialekt lieben, solange man sich bewusst ist, dass der eigene Dialekt objektiv auch nicht schöner ist als der im Nachbarort, sondern dass Liebe, auch die zu einer Sprache, etwas ganz Subjektives und Emotionales ist. Dialekt signalisiert auch Zugehörigkeit: Hier gehören wir hin, hier kommen wir her, ich gehöre zu euch.

Sprechen Sie ihn noch?

Ja, voll. Ich versuche auch, mit meinen Kindern ausschließlich Rehauerisch zu sprechen. Hochdeutsch lernen sie sowieso. Und ich finde es schwierig, mit Kindern Hochdeutsch zu sprechen. Das sind doch „Waggerla“ und „glaana Freggerla“, und ich kann sie auch nicht „zusammenpfeifen”, sondern muss sie manchmal einfach „zamscheißn“, wenn sie wieder „hindn na vorn wie’s Hemm“ sind, also zu deutsch „ständig was anderes haben.“ Ich wurde im Dialekt erzogen, jetzt erziehe ich meine Kinder im Dialekt, obwohl es recht wenig nützt. Aber immerhin kennen sie Ausdrücke wie „Moggala“ und „Schwader“ und natürlich „Glees“ und den Hansgorch.

Was war die Motivation für die Studie?

Ich wollte schon immer psycholinguistische Dialektforschung machen, und ich finde Rehauerisch einfach klasse. Viele Forscher beschäftigen sich mit der Sprache, etwa wie das Gehirn zwei verschiedene Sprachen beherbergt — zum Beispiel Deutsch und Türkisch, Englisch und Spanisch und so weiter. Sind das zwei unabhängige Systeme oder hängen sie zusammen und wenn ja, wie? Und fast noch spannender finde ich die Frage: Wie schaffen wir es, zwei Varianten der gleichen Sprache — in diesem Fall Deutsch — im Gehirn zu behalten und zwischen beiden Varianten hin- und herzuschalten und je nach Gesprächspartner stark oder weniger stark Dialekt zu sprechen? Zwischen Hochsprache und Dialekt ändert sich alles: Aussprache, Grammatik, Wörter. Trotzdem sind die Systeme ähnlich genug, dass man sich meist gegenseitig versteht.

Und was wollen Sie herausfinden anhand der Daten, die ihnen hoffentlich viele Rehauer liefern?

Es geht darum, wie das grammatische System des Rehauerischen funktioniert, und wie sich die Grammatik in der Bedeutung niederschlägt. Dazu machen wir eine erste Fallstudie. Es gibt ja einige Laien-Mundartforscher, die hervorragende Arbeit leisten, wie zum Beispiel Hartmut Müller mit seinem Rehauer Wörterbuch, und auch viele Linguisten an Unis in Bayern. Bisher gibt es jedoch keine Studien, die wirklich Experimente nutzen, um empirische Daten dazu zu sammeln, wie oberfränkische Dialektsprecher ihre eigene Sprache verstehen.

Wie sieht die Untersuchung aus, wie die Auswertung?

Dialektsprecher aus dem Rehauer und Hofer Raum sind herzlich eingeladen, an den Studien teilzunehmen. Man braucht einen Internetzugang und für zumindest eine Studie auch Kopfhörer oder Lautsprecher. Wir hoffen, es nehmen möglichst viele Menschen teil. Vielleicht ist das auch etwas, was die technikaffine Enkelin am Sonntag mit ihrer Oma machen kann.

Und: Geht es weiter in Sachen Dialektforschung?

Ich hoffe es! Ich bin ja jetzt erst einmal bis Juni kommenden Jahres wieder in San Diego, aber ich hoffe, wir können einige Themen vorbereiten. Im Sommer sitze ich dann auf dem Rehauer Maxplatz und erhebe Daten.

Die Fragen stellte Wolfgang Neidhardt

 

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