Rollkunstlauf Zauber auf acht Rollen

Nina spielt die Kerze. Magdalena und Jule tragen LED-Lichter an den Kleidern.Bei der Generalprobe am Mittwoch proben die Läufer die Abläufe und testen die Kulissen und Kostüme. Foto: Alisa Schrauth

Der TSV Hof schmeißt eine Rollkunstlauf-Show: Am Samstagabend zeigen die Läufer ihr Können. Eine Kerze übernimmt dabei eine wichtige Rolle. Doch was haben Autoreifen mit dem Sport zu tun?

Kraftvoll und gleichzeitig grazil: Der Flohhaufen aus über 50 Rollschuh-Läuferinnen und Läufern bewegt sich im Schwarm über den Boden der Hofer Jahnturnhalle. Begleitet werden sie vom Kontrast der emotionalen Musik und dem dumpfen Geräusch der Rollen. Sie üben für ihr Jahreshighlight: Am Samstag soll ihre Interpretation des Disney-Films „Encanto“ (aus dem Spanischen: Der Zauber) das Hofer Publikum verzaubern.

Für Kinder, von Kindern ist das Motto. Denn die Idee für das Stück kam von den Kindern der Trainerin Maria Schink. „Die wollten unbedingt den Film im Kino anschauen – und danach dachte ich, das wäre doch was für unser Schaulaufen!“ erzählt die 35-Jährige. Der Disney-Film ist ein animiertes Musical, in dem es um den Wert der Familie geht, um Magie und darum, wie unwichtig Äußerlichkeiten sind.

„Die Geschichte passt perfekt zur Weihnachtszeit.“ Mit 18 Liedern und kleinen Erzählstücken dazwischen wollen die Rollkunstläufer das Publikum verzaubern. Aber auch die Kinder selbst sind schon ganz verzaubert. In diesem Jahr sind viele neue Gesichter dabei und viele sehr junge. Viele waren vorher noch nie im Theater oder im Musical – und konnten sich das Rollkunstlauf-Event nur schwer vorstellen. „Sie freuen sich sehr, aber sie sind auch sehr aufgeregt.“

Rollkunstlauf gehört zu den Sportarten, denen man den Aufwand, den Schweiß und die Tränen nicht ansehen soll – elegant und mühelos sollen die Sportler über die Flächen gleiten. Sprünge, Pirouetten, Schrittfolgen: alles nahtlos. Die sportlichen Anforderungen sind vielfältig: Ausdauer, Athletik, Rhythmus, Koordination – und nicht zuletzt das korrekte Fallen sind für die jungen Rollschuh-Läufer eine Herausforderung. Der harte Kontrast dazu ist die Aufmerksamkeit, die die Nischensportart bekommt.

Der TSV lässt sich davon aber nicht abhalten. Die Rollkunstlauf-Abteilung gehört zu den Sportabteilungen, denen die Corona-Zeit nicht geschadet hat. Vor drei Jahren hatte der Verein etwa 20 Kinder und Jugendliche beim Schautanz, dieses Jahr sind es mehr als doppelt so viele. „So eine große Gruppe hatten wir noch nie“, freut sich Maria Schink. Die Trainerin und Choreografin von „Encanto“ ist aber auch etwas nervös. Denn besonders viele kleine Kinder und Anfänger machen mit. Die Jüngste ist vier Jahre.

Spannung, Spannung, Spannung

Doch die Trainerin und ihre Schützlinge haben viel trainiert. Auf Rollschuhen, aber auch ohne. Auf einem „spinner“, einem Pirouetten-Fuß, üben sie Drehungen. „Dazu machen wir Sprung-und Krafttraining für Bauch und Rücken“, sagt sie. Die Körperspannung sei besonders wichtig – deshalb gibt es für die Kinder auch Ballett-Training. Dann können sie später auf den Rollen nicht nur ästhetisch, sondern auch sicher fahren.

Die Rollschuhe kann man beim Verein leihen. Denn für den Sport braucht man mehrere – je nach Belag. „Es gibt unterschiedliche Rollen für Beton, für PVC und für die Straße“, erklärt Schink. „Wie bei den Sommer-und Winterreifen bei den Autos“, ergänzt Udo Schmidt, Schriftführer der Abteilung. Für Anfänger gibt es auch Allrounder-Rollen. Vier-Jahreszeiten-Reifen, quasi. Doch der passende Grip ist für die Läufer gerade bei den Sprüngen wichtig.

Auf in die Maske

Doch auch nur schnöde nach vorne zu rollen ist für Anfänger nicht einfach. „Bei der Sportart muss man sich alles hart erkämpfen“, sagt die Trainerin. Deshalb brauche man viel Ausdauer. Ausdauer brauchen auch die Eltern der Kinder und die Verantwortlichen des Vereins. Denn beim Rollkunstlaufen zählt nicht nur das sportliche Engagement. Der Teufel steckt im Detail. Damit die kunstvollen Kleidchen bei den Figuren um die Beine flattern können, greifen Eltern selbst zur Nadel.

Auch direkt vor der Veranstaltung geht es vor allem hinter den Kulissen rund. Schminken, Anziehen. „Um 11.30 Uhr kommen die ersten Kinder in die Maske“, sagt Maria Schink. Die Vorstellung beginnt um 17 Uhr. Bei der Generalprobe fährt „die Kerze“, eine Hauptrolle in dem Stück, zum ersten Mal mit ihrem Kopfteil, einer Flamme. „Sie muss erst einmal schauen, ob sie damit fahren kann.“ Die Flamme wurde auch von Eltern gebastelt. Die „Rollkunstlauf-Hochburg“ Hof will in der Zukunft Stützpunkt in Bayern werden. Udo Schmidt rührt die Werbetrommel und füllt seitenlange Formulare aus. Die Kooperation mit der Stadt Hof beschreibt er als sehr gut. Die stellt Trainingsorte wie den Eisteich im Sommer zur Verfügung. Die Vereinsarbeit ist zeitaufwendig, die sechs Verantwortlichen investieren in sie leidenschaftlich. Maria Schink arbeitet im Schichtdienst im Krankenhaus, neben der Familie schnitzt sie sich trotzdem Zeit für ihren Sport aus den Rippen. Für eine zweiminütige Kür eines Läufers auf Wettkampf-Niveau hat sie einen 40 Stunden-Aufwand ausgerechnet.

Etwa 200 Karten hat der Verein für die Vorstellung am Samstag bereits im Vorverkauf verkauft. Udo Schmidt fasziniert vor allem, wie die Kinder mit dem anspruchsvollen Sport umgehen. „Mich interessiert es ehrlich gesagt weniger, was genau das für ein Sprung war. Ich habe größten Respekt davor, welche Technik es den Kindern abverlangt. Und das alles zur Musik, die genauso unerbittlich ist wie der Sport.“

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