Seit Jahren schon steht Putin im Ruf, nach mehr als 20 Jahren an der Macht nur noch einsam im Kreml ohne Berater zu entscheiden, und seinen Apparat nur zu nutzen, um sein Vorgehen bestätigen zu lassen. Bedenkenträger und Widerspruch sind nicht erwünscht, wie der russische Experte Andrej Perzew vom Moskauer Carnegie Center schreibt. Autoren der Denkfabrik weisen immer wieder darauf hin, dass Putin den Kontakt zur Gesellschaft verloren habe. Mit einem Denken wie im Kalten Krieg - Putin war damals Offizier des gefürchteten sowjetischen Geheimdienstes KGB in Dresden stationiert - ziehe er einen neuen eisernen Vorhang zwischen Russland und dem Westen zu.
Putin, der auch den Inlandsgeheimdienst FSB leitete, agiert seit Jahren immer schärfer gegen Andersdenkende und demokratische Freiheiten. Heute aber, meinte die Politologin Tatjana Stanowaja, habe Putin auch die Unterstützung der Eliten verloren. Die einfachen Russen und jene im Machtapparat seien „offen schockiert“.
Viele sehen Putins Angriff auf die Ukraine auch als ein weiteres Zeichen seiner Enttäuschung über den Westen, hatte er doch einen Verzicht der Nato auf eine Aufnahme der Ukraine verlangt. Er scheiterte. Dabei hatten die Nato und die USA nach seinen Forderungen zu einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa Gespräche angeboten. Aber Putin reichte das nicht. „Der Konflikt mit der Nato und den USA geht nun auf eine neue Stufe“, schreibt Stanowaja.