Seit dem Ukraine-Krieg „Münchberger Tisch“ muss zukaufen

Margitta Sommermann freut sich über die Spendenbereitschaft der Münchberger Foto: Sebert

Die Krise ist zwar überwunden, aber nur dank einiger Geldspenden. Sonst wären die Tüten, die Bedürftige jeden Samstag abholen, nicht voll. Organisatorin Margitta Sommermann blickt mit Sorge der kalten Jahreszeit entgegen.

Die teuren Heizkosten, die gestiegenen Preise für Lebensmittel – all das dürfte die Zahl der Bedürftigen, die auf den „Münchberger Tisch“ angewiesen sind, erhöhen. Zumindest befürchtet das Margitta Sommermann. „Man merkt es ja selbst beim Einkaufen, wenn man an der Kasse 50 Euro bezahlt und gar nicht viel im Wagen liegt.“ Die zweite Vorsitzende des Trägervereins, des Vereins für Gemeindediakonie Münchberg, organisiert die wöchentliche Spendenausgabe des „Münchberger Tisches“.

Immer samstags erhalten Bedürftige mit einem Berechtigtenschein Tüten mit Lebensmitteln. Die Helfer reichen sie durch ein Fenster im Haus des „Tisches“ im Unteren Graben. „Die Menschen, die zu uns kommen, brauchen die Sachen wirklich“, versichert Sommermann. Sie erzählt von einem Mann, der sein Berufsleben lang als Lastwagenfahrer gearbeitet hat, 800 Euro Rente erhält und davon 500 Euro für die Miete bezahlen muss. „Wie soll er über die Runden kommen, wenn alles teurer wird?“ Samstags trifft sie ihn bei der Ausgabe. Die Schlange der Bedürftigen reicht oft bis zur Lutherschule. 130 bis 140 Tüten packt das Helferteam jede Woche, 30 davon holen Geflüchtete aus der Ukraine.

Ohne Zukauf geht es nicht

Der Krieg dort hat den „Münchberger Tisch“ im Frühjahr dieses Jahres in eine Krise gestürzt. Die Hilfsbereitschaft für die Ukraine war riesig, doch deutschlandweit gingen dadurch die Spenden für Tafeln zurück; unserer Zeitung berichtete. Der „Tisch“ bekam das massiv zu spüren. Wie sieht es heute – knapp ein halbes Jahr später – aus? Tatsächlich hat der Artikel über die Krise große Hilfsbereitschaft ausgelöst. „Aufgrund des Berichts haben wir freundlicherweise Spenden bekommen“, erzählt Dekan Wolfgang Oertel, Vorsitzender des Trägervereins. Margitta Sommermann berichtet von Geschäften, Banken, Firmen, aber auch Privatleuten, die den „Tisch“ finanziell unterstützen.

Mit diesen Spenden kaufen die Helfer Lebensmittel zu. Manchmal sind das zum Beispiel 130 Packungen H-Milch oder Nudeln in großer Menge. „Sonst wären die Tüten nicht voll“, weiß die Organisatorin. Denn: Seit Beginn des Ukraine-Kriegs kommen nicht mehr so viele Lebensmittelspenden zusammen wie zuvor. Die ganze Woche über fahren Ehrenamtliche mit dem Kühlauto des „Tisches“ Supermärkte, Discounter und Läden an, um dort Lebensmittel abzuholen, die aussortiert werden, zum Beispiel bräunliche Bananen oder Joghurt, bei dem das Haltbarkeitsdatum bald abläuft.

Die Zahl der Lieferanten – vom Großmarkt bis zum kleinen Laden – sei zwar mit 30 in etwa gleich geblieben, doch die Menge an Lebensmitteln habe sich reduziert. Sommermann weiß, dass manche nun lieber diese Waren selbst zu günstigeren Preisen im eigenen Laden verkaufen, eben weil wegen der gestiegenen Preise eine Nachfrage da sei.

Um die Tüten voll zu bekommen, verwendet der „Tisch“ nun die Geldspenden, die extra dafür gegeben werden. Während der Krise im April musste der Verein an seine Rücklagen heran, was aber keine Lösung war: Dieses Geld ist dazu da, um zum Beispiel das Kühlauto in Schuss zu halten.

Über die Spendenbereitschaft der Münchberger freut sich Sommermann sehr. Sie ist der Grund, weshalb sie trotz des befürchteten Anstiegs an Bedürftigen im Winter zuversichtlich bleibt. „Die Münchberger halten hier wirklich zusammen“, sagt sie. Der „Tisch“ sei eine feste Größe in der Stadt, und jeder Spender könne sich sicher sein, dass das Geld wirklich den Bedürftigen zugutekommt.

Beitritt zum Dachverband?

Dennoch überlegt der Verein laut Sommermann, sich über den bundesweiten Dachverband der Tafeln zu informieren. Dass der „Tisch“ nicht dazugehört, liegt in seiner Geschichte begründet. Weil es in Hof bereits eine Tafel gibt, durfte im Umkreis von 40 Kilometern keine weitere entstehen. Um den Bedürftigen, die oft kein Auto haben, die Anfahrt zu ersparen, gründete der damalige Dekan Erwin Lechner zusammen mit Irmgard Aust von der katholischen Kirchengemeinde und Walter Rausch von der Arbeiterwohlfahrt 2007 den Münchberger Tisch, ohne der Deutschen Tafel beizutreten. Das könnte sich eventuell ändern. Wie Margitta Sommermann berichtet, möchte man sich erkundigen, ob ein Beitritt möglich wäre und welche Vorteile er brächte, um sich für die Zukunft abzusichern. Was schon jetzt gut läuft: Die Hofer Tafel gibt dem „Tisch“ Lebensmittel ab, wenn dort etwas übrig bleibt.

Was braucht der Tisch?

Obwohl die Krise überwunden scheint, auf Geldspenden ist der „Tisch“ nach wie vor angewiesen. Und er braucht natürlich Helfer. Die erfreuliche Nachricht: Auch deren Zahl hat sich nach der Berichterstattung im April erhöht. So ist zum Beispiel eine pensionierte Lehrerin mit ins Team gekommen. 45 Frauen und Männer unterstützen die Hilfsaktion, die im Oktober ihr 15. Jubiläum begeht. „Die Mitarbeitenden engagieren sich tatsächlich über die Maßen“, lobt der Dekan.

Dennoch sucht der „Tisch“ immer wieder Ehrenamtliche. „Fahrer, die kräftig sind und auch schwerere Kisten tragen können, wären zurzeit eine große Hilfe“, weiß Sommermann. Wer sich engagieren möchte, braucht nicht zu befürchten, ständig im Einsatz zu sein. Stünden er oder sie alle vier Wochen zur Verfügung, wäre das für den „Tisch“ schon eine große Hilfe. Genau wie die „Springer“, die spontan antreten, wenn ein Helfer ausfällt. „Jeder darf absagen, wenn er etwas anderes vorhat“, versichert die Organisatorin. Mit einem Dienstplan regeln die Helfer ihre Einsätze beim Abholen der Lebensmittel, beim Packen der Tüten oder bei der Ausgabe am Samstag durch die Fenster im Unteren Graben.

Großer Wunsch: Ein neues Domizil

Die Räume dort sind für den Helferkreis ein Kompromiss. Sommermann dankt der Stadt, dass sie das städtische Gebäude kostenlos zur Verfügung stellt und auch in Schuss hält. Der Standort sei dennoch ungünstig. Die Räume sind eng. Samstags stehen die Bedürftigen in langer Schlange, und wenn Stau auf der A 9 ist und die Autos vom Navi hier durchgeführt werden, geht es mitunter eng zu. Außerdem hält sie die Lage inmitten der Stadt für ungünstig. „Sich anzustellen, ist ohnehin schon eine Überwindung, hier fühlt man sich aber schon sehr wie auf dem Präsentierteller.“ Sommermann ist sich sicher, dass mehr Menschen, die es dringend bräuchten, Lebensmittel holen würden, wenn sich die Ausgabe woanders befände. Fußläufig zwar, aber nicht gar so zentral. Die Stadt suche bereits nach Räumen, könne aber von den städtischen Gebäuden her aktuell nichts Passendes anbieten. „Vielleicht findet sich ein Münchberger, der etwas leer stehen hat und es uns für die gute Sache überlassen würde“, überlegt Sommermann.

Eigener Parkplatz für das Kühlauto

Ein Wunsch der Helfer hat sich bereits erfüllt. Das Kühlauto des „Tisches“ kann seit einigen Wochen nebenan im Unteren Graben parken, also in direkter Nähe zum Ausgabeort. Dafür dankt der Dekan dem Bürgermeister und dem Stadtrat.

Wer bekommt Hilfe?

Um eine Tüte mit Lebensmitteln zu erhalten, braucht man einen Berechtigtenschein, den zum Beispiel die Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (Kasa) ausstellt, wenn die Antragsteller ihre Unterlagen vorgelegt haben. Damit erhält man immer samstags von 14.15 Uhr bis 16 Uhr Lebensmittel. Einen Lieferdienst gibt es nur in Ausnahmefällen und begrenzt auf drei Lieferungen. Ansonsten sei das nicht zu leisten, sagt Sommermann. Unter der Woche holen die Helfer nach und nach gespendete oder gekaufte Lebensmittel ab. Die letzte Fuhre kommt, wenn am Samstag gegen 13 Uhr Bäcker und Metzger geschlossen haben. Dann sind die 130 Tüten schon gepackt, nur noch Wurst- oder Backwaren kommen hinzu. Die Menschen, die auf diese Lebensmittel angewiesen sind, kommen aus allen Altersklassen, und nicht nur aus Münchberg, sondern aus dem ganzen Altlandkreis. „Auch viele Junge sind dabei.“

Mehr Infos zum „Tisch“ unter

diakonie-muenchberg.de

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