Selb Mediaval in Zeiten von Corona

Dankbar freuen sich die Besucher über Musik und Lieder beim abgespeckten Festival. Wirtschaftlich allerdings ist Mediaval 2020 ein Desaster.

Selb - Auf dem Balkon im ehemaligen "Parkhotel" tanzen am Samstagmittag eine Frau und zwei kleine Kinder. Die drei klatschen fröhlich in die Hände. Die Kleinen drehen sich mit Windelpopo im Kreis und freuen sich offensichtlich über die Lieder, die von der Hauptbühne am Goldberg, gleich gegenüber, zu hören sind.

Pampatut, zwei herrlich schräge Barden, unterhalten mit feiner Komik und derben Liedern ein Publikum, das auf dem Festival-Gelände an zugewiesenen Garnituren sitzt und lauscht. Eine halbe Stunde später stellen sich die Autoren Billie Przegendza, Karsten Heilmann und Amandara M. Schulzke auf der Gauklerbühne vor und lesen aus der Anthologie "Wir sind die Bunten".

25 Schreiberlinge werfen darin einen Blick auf das Einzigartige, das Menschliche und das magisch Anziehende des Festivals Mediaval; beispielhaft für viele Märkte und Musikfestivals. Przegendza liest die Geschichte eines Syrers, dem im Jahr 2015 die Flucht aus Aleppo gelungen ist. Im Gebäude gegenüber dem Goldberg vergaß er während des Festivals zum ersten Mal seine Sorgen. Er ließ sich von der Musik einfangen und von einem freundlichen Herrn mit Dreitagebart und weißem Hut einladen. Der Beschreibung nach war es Karl-Heinz (Bläcky) Schwarz, der den jungen Mann auf den Goldberg gebeten hatte. Zum ersten Mal sei er wieder glücklich gewesen, schrieb die Autorin.

Ein Gefühl, das 400 Besucher, 85 ehrenamtliche Crew-Mitglieder und die Künstler auf den Bühnen in 2020 sehr genießen: Zum ersten Mal wieder glücklich zu sein, nach dem Lockdown und einem Sommer ohne Feste und Festivals. "Was wäre ein Jahr ohne Selb?!", fragen die Sängerinnen von Purpur, die bisher auf keinem der zwölf Festivals fehlten.

The Blackbeers, raue Piraten mit Heimathafen Selb, entführen am Freitagabend mit ordentlichem Dampf und vielseitig musikalisch auf die freien Weltmeere. "Nächstes Jahr sehen wir uns wieder!", schallt es über den Berg. Zu später Stunde, neunzig Minuten bis Mitternacht, entfacht Poeta Magica den Zunder keltischer und schwedischer Musik und verzaubert den Augenblick. Des Teufels Lockvögel und Triskilian passen sich dem Sicherheitskonzept an und spielen mehr Balladen als Tanzmusik: Musik zum Zuhören und Genießen.

Ein Obolus wird vor Ort in Büchsen gesammelt und per "virtuellem Hut" im Internet. Die Auftritte können im Livestream verfolgt werden. Wirtschaftlich gesehen ist das Festival-Mediaval 2020 ein Desaster. Karl-Heinz Schwarz hofft, in der zweiten Woche der Osterferien 2021, gemeinsam mit Collis Clamat, am Katharinenberg in Wunsiedel ein Festival ausrichten zu können. Die Künstler treibt es auf die Bühnen, die Händler in ihre Stände, die Gastronomen in die Schänken und Tavernen. "Wir müssen versuchen, wieder ein bisschen normaler zu leben, denn auch die Seele braucht Nahrung", schreibt eine Userin im sozialen Netzwerk. Und: "Es ist uns eine Ehre, für euch zu tanzen", notiert Stefanie Wettengel von Kahira aus Selb. Fünf junge Franken, Winterstorm, erfolgreich in der Metal-Szene sowie die Könige der Spielleute, Corvus Corax, machen den ersten Samstagabend im September 2020, trotz ein paar Regenschauern, zu einem außergewöhnlichen Erlebnis in einem besonderen Jahr. Am Sonntag klingt das Festival-Mediaval mit einem Weißwurstfrühstück und DJ Romulus vor der Hauptbühne aus.

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