Stehplatz-Ärger Parteiräson vor Vereinswohl

Stehplätze verboten! Wer bei einem Amateurfußballspiel in Bayern als Zuschauer dabei sein will, braucht einen nummerierten Sitzplatz. Unser Bild entstand bei einem Kreisligaspiel in Martinsreuth, als der FCM die SG Regnitzlosau (blaues Trikot) empfing. Foto:  

In Bayern brauchen Fans einen Sitzplatz, wollen sie Spiele anschauen. So sieht es das „Rahmenkonzept Sport“ vor. In Dringlichkeitsanträgen wollten SPD und FDP das ändern, die Regierungsparteien aber lehnen das ab – und ernten harsche Reaktionen.

Hof - Die bayerische Amateurfußball-Familie schüttelt nur noch mit dem Kopf. Der Bayerische Landtag hat die beiden Dringlichkeitsanträge von FDP und SPD, beim „Rahmenkonzept Sport“ nachzubessern und die Zuschauer-Regelung der Realität anzupassen, abgelehnt. Mit anderen Worten: Auf den bayerischen Amateur-Fußballplätzen sind damit auch weiterhin keine Zuschauer auf Stehplätzen erlaubt. Das ist das Ergebnis einer sehr emotional geführten Debatte im Bayerischen Landtag.

Dringlichkeitsanträge

Die Regierungskoalition aus CSU und Freie Wähler war damit offenbar nicht bereit, den Missstand zu korrigieren, in der Halle bis zu 1000 Stehplätze ohne feste Zuordnung zu gestatten, im Freien aber nur bis zu 500 Zuschauer auf zugewiesenen Sitzplätzen, deren Kontaktdaten sitzplatzgenau erfasst werden müssen, zu erlauben. Für die Dringlichkeitsanträge zu stimmen, wäre wohl gleichbedeutend damit gewesen, einen handwerklichen Fehler beim Erstellen des „Rahmenkonzepts Sport“ einzuräumen.

Abgeschmettert

Die beiden Dringlichkeitsanträge zur Änderung der aktuell geltenden Regelungen wurden in namentlicher Abstimmung abgelehnt. Beim FDP-Antrag stimmten – laut Protokoll der Landtagssitzung – 44 Abgeordnete für Ja, 59 für Nein bei zwei Enthaltungen. Den in der Sache ähnlichen SPD-Antrag lehnten 60 Abgeordnete ab, 46 stimmten für Ja bei einer Enthaltung.

Politikum

Gegen die Anträge gestimmt haben auch die beiden CSU-Abgeordneten aus Wunsiedel und Hof: Martin Schöffel und Alexander König. „Unserer Fraktion wurde die Ablehnung empfohlen mit dem Hinweis, dass an einer Änderung des Rahmenkonzepts bereits gearbeitet wird. Die Staatsregierung hat mir glaubhaft versichert, dass sie an dieser Sache dran ist“, erklärt Schöffel sein Abstimmungsverhalten. Er offenbart mit diesem Hinweis zugleich die Bedeutung der Parteiräson. Denn persönlich, so stellte er unumwunden fest, sei es ihm „völlig klar“, dass es auf Fußballplätzen nicht nur festgelegte Sitzplätze, sondern auch Stehplätze geben müsse. Er, räumte der Abgeordnete im Gespräch mit der Frankenpost weiter ein, verstehe deshalb jeden, der sage, die jetzige Regelung sei praxisfremd. „Die Vereine müssen aber keine Bedenken haben“, beschwichtigt Schöffel. Er sei zuversichtlich, „dass das Konzept schnell wieder geändert wird“. Der Wunsiedler Abgeordnete ist sicher: „Das hat hohe Dringlichkeit. Ich rechne damit, dass dies schon in der nächsten Woche passiert.“

Späte Einsicht

Der Hofer Abgeordnete Alexander König entschloss sich aufgrund einer Flut von Anfragen, wie er durch sein Büro ausrichten ließ, zu einer Stellungnahme auf seiner Webseite. Darin zeigte König späte Einsicht: „Die derzeitigen Regeln werden den tatsächlichen Verhältnissen unserer Sportvereine nicht gerecht, weil auf den Sportplätzen praktisch keine Sitzplätze zur Verfügung stehen. Die Umsetzung der derzeitigen Vorschriften wäre unverhältnismäßig, aufwändig, kostenintensiv und sind realitätsfremd.“ Warum er gegen die Anträge von SPD und FDP gestimmt hat, behielt er für sich, obwohl er zugleich seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, dass auch „der Staatsregierung mittlerweile bewusst ist, dass hier dringender Änderungsbedarf besteht“.

Sturm der Entrüstung

Die Abgeordneten der Regierungskoalition aus CSU und Freie Wähler rudern also schon am Tag nach der Abstimmung im bayerischen Landtag zurück – als Reaktion auf den Sturm der Entrüstung, der ihnen in den sozialen Medien, vonseiten der Vereine und – etwas moderater – in der offiziellen Stellungnahme des Bayerischen Fußballverbands (BFV) entgegenschlägt. „Der Frust bei den Vereinen ist enorm – und er wird mit jedem Tag weiter wachsen, an dem diese unsinnige, weil nicht mehr erklärbare Regelung Gültigkeit besitzt“, sagte BFV-Präsident Rainer Koch. Sehr viel deutlicher macht derweil Gerhard Leinfelder seinem Ärger Luft. Der Spielleiter des Fußball-Kreisligisten SG Enchenreuth/Presseck nennt es „desaströs und unsäglich, wie hier mit den Amateurvereinen umgegangen wird. Bei Sonntagsreden im Bierzelt werden die Vereine über den grünen Klee gelobt und als wichtige gesellschaftliche Institution gepriesen, und nun wird auf ihrem Rücken ein politisches Ränkespiel ausgetragen“. Der „sinnvolle Korrekturvorschlag“ sei offenbar von der falschen Seite gekommen, meint Leinfelder. Sein Verein sei dabei noch in der glücklichen Lage, Sitzplätze zu haben, aber ihm gehe es ums Prinzip: „Für 90 Prozent der Vereine ist das ein Schlag ins Gesicht.“

Etwa auch für den Landesligisten Kickers Selb. „Absoluter Schwachsinn“, nennt Kickers-Vorsitzender Stefan Specht das aktuelle Rahmenkonzept. An diesem Wochenende – die Kickers spielen Samstag und Sonntag am Realschulplatz – wollen sie in Selb improvisieren. „Wir werden mit Bierbänken eine begrenzte Anzahl an Sitzmöglichkeiten anbieten“, sagt Specht und hofft, dass in Kürze doch noch ein Einlenken der bayerischen Regierung erfolgt.

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