Tag der Bibliotheken „Ohne Lesen wird’s nicht gehen“

Die großen öffentlichen Büchereien im Landkreis bieten vor allem ihren jungen Kunden viele Möglichkeiten, den Weg zu Büchern und der Literatur zu finden. Es zeigt sich, dass sie auf jeden Fall eine Zukunft haben; aber auch, dass es gerade die kleinen Einrichtungen nicht immer leicht haben.

Es gibt hierzulande viele leidenschaftliche Leser – von ganz jungen, die gerne vorgelesen bekommen, bis zu Bücherfreunden im hohen Rentenalter. Zu diesem Schluss kommt, wer sich in den Stadt- und Gemeindebüchereien im Landkreis Wunsiedel umhört. Unsere Zeitung hat das aus Anlass des „Tags der Bibliotheken“ am 24. Oktober getan.

Zu den eifrigen Lesern gehören, eigentlich selbstverständlich, auch diejenigen, die die Lesehungrigen vor Ort betreuen, ihnen Geschichten nahebringen, Bücher empfehlen und sich später vielleicht auch mit den Leserinnen und Lesern darüber austauschen: die Leiterinnen und Leiter der Büchereien sowie ihre Mitarbeiter.

Viele Vorteile

Die Diplom-Bibliothekarin Angelika Stammel etwa; sie ist für die Stadtbücherei Marktredwitz verantwortlich, und sie ist überzeugt: „Ohne Lesen wird’s nicht gehen, ob man am Computer sitzt oder Schilder lesen muss – Lesen wird es in unserem Leben immer geben.“ Lesen habe halt viele Vorteile: Man kann seine Neugier stillen, wird informiert, kann etwas lernen und unterhält sich auch noch (gut). Dabei mache es auch keinen Unterschied, ob man ein tatsächliches Buch in Händen hält oder ein E-Book liest. „Auch wer digital liest, liest ja!“ Allerdings, so Stammels Erfahrung: „Die Mehrzahl unserer Kunden will ein Buch auch wirklich in der Hand halten.“

Die meisten Leser schätzen also das haptische Erlebnis, wollen das Rascheln beim Umblättern der Seiten hören, das Gewicht des Buches spüren. Solange es Menschen gibt, für die das alles zum Lesen gehört, ist das oft totgesagte Buch nach wie vor gefragt.

Spiele, Filme und vieles mehr

Wie aber auch andere Medien. Seit vielen Jahren bieten die meisten Büchereien außer Büchern und Zeitschriften auch Spiele, CDs, Filme und anderes an. Und wenn es ein Buch, einen Film oder eine Zeitschrift vor Ort nicht gibt, besteht immer noch die Möglichkeit der Fernleihe. Hierzulande gibt es außerdem die Franken-Onleihe, in der die Büchereien in Marktredwitz, Wunsiedel und Selb mit weiteren 19 Bibliotheken verbunden sind. Von diesen 22 fränkischen Bibliotheken kann man per Download E-Books, E-Audios, E-Videos und E-Papers ausleihen. Dazu genügen eine gültige Benutzerkarte von einer der teilnehmenden Bibliotheken und ein Internetanschluss.

Zwar ist das für eine der wichtigsten Zielgruppen der Büchereien noch keine Option. Aber für Kinder ab zwei Jahren oder noch jünger lassen sich die Bibliothekare vor Ort so einiges Spannendes einfallen – vom Bilderbuchkino über Spiele für jedes Alter bis hin zu Hörspielen.

Mit Herzblut

Bei Letzteren sind besonders die Angebote von „Tonie“ bei den Kindern sehr beliebt. Figuren wie Heidi, Urmel, die kleine Hexe, die Helden aus „Toy-Story“, aus „101 Dalmatiner“ oder „Der Räuber Hotzenplotz“ und viele andere mehr, die den Kindern bestens bekannt sind, werden auf eine Lautsprecher-(die Tonie-)Box gesetzt, und schon beginnt ein lustiges Abenteuer mit Musik, Liedern und Geschichten. „Davon gibt es eine große Auswahl“, erzählt Jana Schaidinger. Die „Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Bibliothek“, wie ihre Berufsbezeichnung offiziell lautet, leitet die Stadtbücherei Wunsiedel. Und das mit Herzblut.

Denn sie und ihre Kollegin Natalie Schindler haben noch viel mehr zu bieten, um Kindern ihre Bibliothek nahezubringen. Da gibt es den „Büchereiführerschein“ für Kindergarten-Kinder. Schaidinger: „Sie kommen ein- bis dreimal zu uns und erarbeiten sich die Bücherei spielerisch bei einer Führung und, indem sie Geschichten hören, malen und Aufkleber sammeln. Am Schluss bekommen sie eine Urkunde, die ihnen einer der Bürgermeister überreicht.“

Vorlesestunde mit Maus und Raupe

Dann ist da noch das „Bücher-Ei“, ein Vorlese-Angebot, das donnerstagnachmittags stattfindet. Schon lange, bevor es losgeht, suchen sich da die Kinder einen bequemen Platz – entweder auf dem Schoß von Mama oder Papa, auf einem Stuhl oder mit einem Kissen auf der Decke am Fußboden – und hören zusammen mit Emily, der Maus, und Finn, der Raupe, ganz konzentriert Geschichten zu wie der von der „Kleinen Spinne Widerlich“.

Eine Aktion zur Leseförderung für Schulkinder ab dem Ende der ersten Klasse, die schon lesen können, ist der „Büchereifuchs“. Jana Schaidinger: „Diese Aktion ist ganz schön anspruchsvoll.“ Bis die Kinder am Ende ebenfalls eine Urkunde in Händen halten, die sie als „Büchereifuchs“ ausweist, mussten sie eine szenische Lesung aus dem Stegreif vor ihrer versammelten Klasse absolvieren, eine Schnitzeljagd durch die Bücherei machen und ihr allererstes Referat halten. „Das heißt“, fasst Jana Schaidinger stolz zusammen, „jeder Drittklässler hat unsere Bücherei mindestens fünfmal von innen gesehen.“

Kleine Leute, große Träume

Und mit den Kindern kommen nicht selten auch die Eltern, die zunächst vor allem nach Vorlesebüchern fragen. „Das finde ich super!“, freut sich Kollegin Angelika Stammel. Und: Vielleicht finden die Erwachsenen als Nebeneffekt ja auch das eine oder andere Buch für sich. Auf jeden Fall ist viel los rund ums Lesen in Marktredwitz und Wunsiedel. „Unsere Stadtbücherei ist ein Happy Place!“, bestätigt Jana Schaidinger begeistert.

Bei den etwas älteren Kindern und Jugendlichen in Wunsiedel sind, fährt sie fort, vor allem die Bände der Reihe „Little People, Big Dreams“ sehr beliebt. Das sind Biografien berühmter Menschen wie Michael Jordan, Albert Einstein, Mary Shelley, Greta Thunberg, Ruth Bader Ginsburg oder auch Simone de Beauvoir. Diese Lebensgeschichten sind in leicht verständlicher Sprache und ansprechend illustriert speziell für Schüler interessant aufbereitet. Davon gibt es in der Stadtbücherei einen ganzen Stoß, der gut und gern einen Meter hoch ist.

Wenig Andrang

Dass es nicht überall so toll läuft, zeigt ein Blick in kleinere Büchereien. Kerstin Petrus, zum Beispiel, kann von dieser Vielfalt der Aktionen vor allem für Kinder und Jugendliche vorerst nur träumen. Sie hat gerade erst die Betreuung der Stadtbücherei Marktleuthen übernommen und muss sich zunächst einen Überblick verschaffen, was ihre kleine Bücherei den jungen Kunden wird bieten können. In diesem Bemühen und bei der Tatsache, dass die Bücherei auf jeden Fall erhalten bleiben soll, ist sie sich der Unterstützung von Bürgermeisterin Sabrina Kaestner sicher. „Ich hoffe, wir können hier etwas tun, dass mehr gelesen wird“, sagt Petrus an ihrem zweiten Tag in der Marktleuthener Bücherei, denn: „Der Andrang hält sich in Grenzen.“

Dabei, das hat sie bereits festgestellt, ist die Bücherei in Sachen Literatur für Erwachsene bei Romanen und Sachbüchern durchaus gut sortiert und weitgehend auf dem neuesten Stand. Anders sehe es, berichtet sie, bei den Kinder- und Jugendmedien aus. Hier gebe es vor allem viele Klassiker und Sachbücher. Deshalb will sich Kerstin Petrus, die vor Corona selbst Vorlesepatin in einem Kindergarten war und die Bücherei nun neben ihrem Beruf als Krankenschwester betreut, vor allem auf aktuelle Kinder- und Jugendbücher konzentrieren. „Ich hoffe, dass wir in regelmäßigen Abständen Aktionen durchführen können“, mit denen man dann auch die Eltern motivieren könnte, mit ihren Kindern einmal vorbeizukommen. Auch an eine kleine Lese-Ecke in der Bücherei denkt sie da, denn „es gibt bisher nichts, wo man mal in ein Buch hineinlesen kann“.

Einzelkämpfer

Ein Einzelkämpfer in Sachen Büchereibetrieb ist auch Michael Pusch, der sowohl die Bücherei in Hohenberg als auch die in Schirnding betreut. „Die Bücherei in Hohenberg ist im Rathaus untergebracht und nun schon seit fast drei Jahren zu, weil das Gebäude umgebaut wird“, berichtet er. So konzentriere sich das Büchereigeschehen für ihn derzeit vor allem auf Schirnding. Dort gebe es zwar wenige, dafür aber treue, langjährige Leser. „Viele, vor allem die jungen Leute, gehen in eine größere Bibliothek nach Selb oder Wunsiedel“, weiß er. Dennoch engagiert auch er sich in Schirnding dafür, Kindern die Bücherei und das Lesen nahezubringen. „Die Bücherei ist in der Schirndinger Grundschule untergebracht, und einmal in der Woche kommen die Kinder klassenweise und leihen Bücher aus“, berichtet er. Den Erstklässlern gibt Pusch außerdem eine kleine Einweisung, wie man eine Bücherei nutzt und wie man mit den Büchern umgehen sollte. Somit trägt auch er dazu bei, dass Kinder lesen.

Wie heimzukommen

Und was wird gelesen? „Bei den Erwachsenen sind die Schwestern-Bände von Lucinda Riley beliebt, bei den Kindern und Jugendlichen sind es die neu aufgelegten Sachbücher der ,Was ist was’-Reihe“, berichtet Pusch. „Entweder Mord und Totschlag oder was für die Seele“, ergänzt die Wunsiedler Bibliotheksleiterin Jana Schaidinger augenzwinkernd; auch Bücher, die unter „Young Adult“ fallen, also Romane, mit denen sich speziell Teenager und junge Erwachsene identifizieren können, seien gefragt.

Auf jeden Fall, so ist bei den meisten Befragten herauszuhören, haben Bibliotheken im Landkreis Wunsiedel eine Zukunft. Und: Wer schon als Kind in einer Bücherei ein- und ausgegangen ist, wird sie als selbstverständlich betrachten. Oder, wie Angelika Stammel einmal von einer Stammkundin gehört hat: „Es ist, wie wenn ich heimkomme.“

Tag der Bibliotheken

Gründung 
Der Tag der Bibliotheken wurde in Deutschland am 24. Oktober 1995 unter der Schirmherrschaft von Richard von Weizsäcker ausgerufen. Seitdem machen an diesem Tag die Bibliotheken in ganz Deutschland auf ihre Rolle als Wissensspeicher, Informationsvermittler und kulturelle Einrichtung aufmerksam. Der 24. Oktober 1828 war auch der Gründungstag der Vaterländischen Bürger-Bibliothek, die vom königlich-sächsischen Rentamtmann Karl Benjamin Preusker in Großenhain als Schulbibliothek für Lehrer, Schüler und den „gewerblichen Bürgerstand“ eingerichtet wurde.

Preise
Am Tag der Bibliotheken wird seit 1996 die Karl-Preusker-Medaille als ideelle Auszeichnung an Personen und Institutionen verliehen, die den Kulturauftrag des Bibliothekswesens wirkungsvoll fördern und sich auf dem Gebiet der Literatur, des Verlagswesens, des Buchhandels, der öffentlichen Bibliotheken ausgezeichnet haben. Außerdem verleiht der Deutsche Bibliotheksverband an diesem Tag den Preis „Bibliothek des Jahres“, der beispielhafte und vorbildliche Bibliotheksarbeit würdigt. 

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