Tagesstätte Eine neue Heimat für das Alter

Die Senioren werden in der Tagesstätte von einem Team aus Fachkräften und Helfern unterstützt und im Alltag begleitet. Foto: dpa/Sina Schuldt

Gebraucht werden, einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen – das ist besonders für Senioren wichtig. Eine Tagesstätte der Diakonie Kulmbach macht es möglich, ganz individuell und im eigenen Tempo.

Je näher man der großen Küche kommt, desto intensiver wird der Duft nach süßen Früchten, genauer Erdbeeren. In der Seniorentagesstätte Senta der Diakonie Kulmbach in Melkendorf steht heute die Zubereitung von Erdbeermarmelade auf dem Programm. Während zwei Seniorinnen konzentriert die Früchte am Tisch schneiden, holt ein älterer Mann den größten Topf aus dem Schrank. Die Begeisterung ist ihm anzusehen, er fühlt sich wohl und fit.

Die Senta bildet eine ganz besondere Gemeinschaft, verbringen hier doch Senioren mit Behinderung, die nicht mehr in der benachbarten Werkstatt arbeiten, ihren Tag. „Nach dem Renteneintritt beginnt ein neuer Lebensabschnitt, alte Gewohnheiten, Gewissheiten und Strukturen fallen weg. Wir bieten ihnen in dieser neuen Lebensphase Betreuung, Struktur, Gemeinschaft und ein vertrautes Umfeld“, verrät Mitarbeiterin Claudia Tröger. Jeden Morgen treffen die Frauen und Männer aus den Wohngemeinschaften der Angebote für Menschen mit Behinderung der Diakonie Kulmbach ein.

Zwei von ihnen sind gar über 80 Jahre alt. Begleitet werden sie alle von einem Team aus pädagogischen Fachkräften, Fachhelfern und Praktikanten. Bei der gemeinsamen Vorbereitung des Frühstücks helfen alle mit, jeder seinen Fähigkeiten entsprechend: Einer deckt den Tisch, eine andere richtet Wurst und Käse an, wiederum eine andere schneidet Obst für ein Müsli.

Dabei ist die Küche der Senta auch mit speziellen Schneidemaschinen ausgestattet, damit sich auch Senioren mit halbseitiger Lähmung oder weniger Kraft einbringen können. Auch die weitere Einrichtung und Architektur ist auf die besonderen Bedürfnisse dieser Senioren angepasst: barrierefrei mit breiten Gängen, großen Zimmern, vielen Hilfsmitteln und Regalen und Schränken meist auf Augenhöhe. An einem von ihnen lehnt der ältere Mann, er beobachtet das Treiben und lobt die fleißigen Marmeladenköche.

Geheimnis der Mahlzeiten

Viele Senioren suchen die Gemeinschaft und genießen die Aktivitäten in der Senta. Einmal in der Woche bringen die Teilnehmer in einem Gruppengespräch ihre Wünsche zur Freizeitgestaltung vor – ob malen, basteln, Eis essen gehen oder wieder einmal das Naherholungsgebiet besuchen, um die dortigen Sportgeräte zu nutzen. Je nach körperlichem Vermögen der Teilnehmenden, Jahreszeit und Möglichkeiten kann das Team darauf eingehen. Auch den Speiseplan für die neue Woche gestalten alle gemeinsam. Das gemeinsame Kochen und die Mahlzeiten haben in der Senta einen großen Stellenwert.

Es ist ein vertrautes, menschliches Grundbedürfnis, das Genuss bereitet und aktiviert: „Immer wieder schlagen Senioren verschiedene Gerichte, die sie vielleicht in ihrer Kindheit oder späteren Lebensphasen gerne gegessen haben, vor. Wir kochen sie nach, wandeln sie manchmal ab und schaffen Gesprächsanreize.“ Gleichzeitig werden bei der Zubereitung motorische und kognitive Fähigkeiten trainiert – oft in der Gruppe. „Weil alle mithelfen und das ist auch gut so.“

In der Seniorentagesstätte geht es zunächst um eine feste Tagesstruktur und den Erhalt der körperlichen, geistigen und kreativen Potenziale der Frauen und Männer. Oftmals können einzelne Fähigkeiten aber auch weiterentwickelt werden: Einige Senioren etwa leben in der Senta ihre Leidenschaft zum Malen aus und verbessern sich stetig. Ein anderer besucht Buchläden, da er sich mit Schriftstellern gut auskennt. „Ein anderer hat auf jede Situation einen passenden Spruch parat. Diese haben wir angefangen zu sammeln und niederzuschreiben“, erzählt Claudia Tröger. „Die Frauen und Männer erleben außerdem das Gefühl, gebraucht zu werden und ein wichtiger Teil der Gemeinschaft zu sein“, fügt ihre Kollegin Heike Schröder hinzu.

Eine ausgefüllte Tagesstruktur auch im Seniorenalter ist entscheidend für den Erhalt kognitiver und körperlicher Fähigkeiten. Deshalb hat die Senta ein breites Angebot entwickelt. So finden regelmäßig Aktivitäten, wie der regelmäßige Wocheneinkauf in Kleingruppen, der Besuch von Gottesdiensten oder des Altstadtfests statt. „Auch im Alter hat der Mensch noch das Bedürfnis nach Neuem“, meint Claudia Tröger. Gleichzeitig hilft die Senta, die zahlreichen Lebenserfahrungen zu bewahren und sich mit den Erinnerungen und Erlebnissen noch einmal auseinanderzusetzen und sie aufzuarbeiten.

Eine Seniorin erzählt, dass sie früher auch oft Marmelade gekocht habe. Ihr Gegenüber lugt neugierig in den Topf mit der Marmelade. Claudia Tröger erklärt in einfacher Sprache und in lockerem Ton, wie lange die Marmelade noch kochen muss. Später werden sich viele für eine kurze Mittagspause zurückziehen – zur Stereoanlage, aufs Sofa oder in eines der Rückzugszimmer. Am Nachmittag gibt es Kaffee und Kuchen.

Auch Besuche von Krankengymnasten und weiteren Therapeuten, die die Senioren individuell behandeln und fit halten, gehören zum Alltag. Eine Seniorin wird mit Heike Schröder den nahen Friedhof besuchen. „Das hat sie sich schon lange gewünscht.“ Immer wieder ermöglichen die Fachkräfte intensive Eins-zu-eins-Aktivitäten.

Bedarf an Seniorentagesstätten steigt

Auch Senioren mit Behinderung werden nicht nur immer älter, sondern nehmen auch in ihrer Anzahl immer mehr zu. Die Systeme und Dienste, die Menschen mit Behinderung und Senioren begleiten, werden große Nachfrage erleben. Gleichzeitig gilt es, den speziellen Bedürfnissen dieses Personenkreises gerecht zu werden.

„Wir benötigen in Zukunft mehr auf die im Alter veränderten, individuellen Bedürfnisse unserer Senioren mit geistiger Behinderung zugeschnittene Betreuungs- und Wohnangebote. Dieser weiter steigende Bedarf ist eine der großen Herausforderungen unserer Arbeit, der es sich ganz im Sinne der Betroffenen zu stellen gilt: pädagogisch, baulich aber auch strukturell“, fordert Christopher Kairies, Fachbereichsleitung der Diakonie Kulmbach.

Für viele ist die Senta der Diakonie Kulmbach zu einer neuen Heimat geworden – da, wo man einander annimmt, wie man ist. Wo man aktiv bleibt. Und vor allem: Dort, wo man nicht alleine ist.

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