Männerliebe? Nicht auf dem Land
Doch Techno ist nur eine Seite der Serie. Familiär gibt es jede Menge Drama, bei Linda und Marius, aber auch bei Lindas Bruder Andi. Als er seine Schwester in München besucht, verliebt er sich - in einen Mann. Für einen Landwirt vom Dorf schwierig, wie er bald feststellen muss. Die anderen Burschen verspotten ihn - und prügeln ihn in einer Nacht sogar brutal nieder.
Die Serie nimmt sich dieser Themen aufmerksam an und ruft in Erinnerung, wie schwer es die queere Community damals hatte. Andi-Darsteller Ben Münchow beschreibt das Männerbild als sehr eng: "Ein Mann soll keine Schwäche zeigen, nicht weinen, nicht um Hilfe bitten, anpacken können, trinken können, nicht empfindlich sein und bloß nicht zu weich wirken. Alles, was davon abweicht, wurde - und wird teilweise bis heute - schnell abgewertet."
Mehr Techno, weniger Familie
Dennoch nehmen die Schicksale der Familien sehr viel Raum ein, etwa die Eheprobleme zwischen den Eltern von Marius (Tobias Moretti und Sophie von Kessel). Oder auch das ewig lange Zögern des Knödel-Patriarchen Theo, der die Fabrik einfach nicht aufgeben will. Hier hätte der Fokus mehr auf Linda und ihren Techno-Ambitionen liegen können und auf Andi und seinen Gefühlen.
Mehr Techno, mehr Party und mehr wilde Raves mit der Aufbruchstimmung, den Träumen und der bunten Schrillheit, das wäre schön gewesen. Was auch fehlt: Welche Rolle die kleinen bunten Pillen spielten, die wie Smarties aussahen, aber Ecstasy waren und für viele zum Feiern dazugehörten. Im ZDF wirkt das alles sehr clean - jugendfrei sozusagen und damit weitab von der Realität.
Entrückt am Plattenteller
Sehenswert ist die Serie trotzdem. Jule Hermann ("Wendy") als Linda ist ein Glücksgriff. Wie sie in die Rolle der DJane eintaucht - verzückt am Plattenteller, vom Beat erfasst und mit entrücktem Lächeln - großartig. Die Begeisterung für den Kunstpark ist familiär bedingt: "Meine Eltern verbrachten dort ihre ersten "Dates" und verliebten sich unter anderem in langen Nächten des Tanzens im Kunstpark Ost", erzählt die Schauspielerin.
"Wir haben noch einen langen Weg"
Die 90er Jahre sind für sie musikalisch und stylish "total ikonisch und unvergleichlich". Nur in einem Punkt schätzt Hermann das Hier und Jetzt mehr: Sie freue sich, in einer Zeit zu leben, in der in Deutschland die Vergewaltigung in der Ehe strafbar und Homosexualität legal sei. "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber in den 1990ern war er noch länger."