Theater Hof Reise zum Abgrund

Das Stück „Norway Today“ hat seine Premiere vor Schülern des Schiller-Gymnasiums. Die Themen sind heikel, die Reaktionen positiv.

Jörn Bregenzer als August und Alrun Herbing als Julie kommen sich auf der Selbstmordreise näher. Foto:  

„Ich werde bald Selbstmord begehen. Möchte jemand mit mir in den Tod gehen?“ Julie ist die Hauptfigur des Theaterstücks Norway Today, einem Stück, das sich um das Tabuthema Suizid dreht. Am Dienstag fand auf der Studiobühne des Hofer Theaters die Premiere der Neuinszenierung vor der neunten Jahrgangsstufe des Schiller-Gymnasiums statt. Eine der Klassenleiterinnen der Neuntklässler, Kirstin Schweizer, hatte ihren Kollegen diese Geschichte vorgeschlagen, um das Thema ein Stück weit zu enttabuisieren, wie sie sagt.

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Das stieß anfangs auf Skepsis, denn auch mehr als 20 Jahre nach dem Erscheinen des Stücks ist das Thema für viele Schüler heikel. Dabei ist es gar nicht so weit weg, wie man hoffen mag: Die Lehrerin musste den Selbstmord eines Teenagers aus ihrem Bekanntenkreis verkraften. Die Eltern des toten Jugendlichen – er lebte nicht in der Hofer Region – machen bis heute dessen Schule mitverantwortlich. Man hätte das Thema ausgeblendet, Anzeichen ignoriert, Mitschüler hätten möglicherweise reagieren können.

Nicht allein mit den Gefühlen

Kirstin Schweizer meint, ein logischer Schluss aus solchen Fällen sei es, die Jugendlichen darauf hinzuweisen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht so allein sind, wie sie vielleicht glauben. Norway Today sei ein Beitrag zur Öffnung der Gesprächskultur im Hinblick auf das Thema Suizid.

Das Zwei-Personen-Theater beginnt im imaginierten Chatraum. Julie sucht nach Weggefährten für ihr Vorhaben. August ist bereit, „die Verbindung zum Leben abzubrechen“. Die Reise zum buchstäblichen Abgrund – einer Klippe an einem norwegischen Fjord – beginnt.

In einer guten Stunde nimmt das Publikum teil an der Suche nach den Beweggründen der Protagonisten. Was treibt so junge Menschen in die Lebensmüdigkeit? Ist es wirklich die „Notwendigkeit, eine Rolle zu spielen“, wie Julie in ihrem Chat-Aufruf angibt? Oder ist es die Resignation darüber, dass „alles Fake“ sei, wie ihr Leidensgenosse August vorgibt?

Je mehr sich die beiden kennenlernen, desto klarer wird auch, dass der Wille, aus dem Leben zu scheiden, nicht so felsenfest ist, wie sie sich selbst und gegenseitig vormachen. „Was machst du in den zehn Sekunden Fallzeit?“, will August wissen, als ihm Julie vom Plan erzählt, sich 600 Meter in die Tiefe zu stürzen. Sie hoffe, „die absolute Freiheit“ zu fühlen. „Kein zurück. Und dann bist du weg.“ Von Beginn an merkt man vor allem bei August, gespielt von Jörn Bregenzer, dass Zweifel am Plan nicht auszuräumen sind. Er formuliert seine Sätze impulsiv, Unsicherheit in jeder Aussage.

„Du lenkst ab!“, wirft ihm Julie (Alrun Herbing) vor. Die junge Frau wirkt selbstbewusst, scheint auf alle Vorbehalte eine Antwort parat zu haben. Depressiv sein würde nichts bringen. Denn im Gegensatz zu vielen, die mit einem Selbstmordversuch nur einem Hilfeschrei Ausdruck verleihen wollen, werde sie keinen Versuch unternehmen – nein, sie werde es durchziehen. „Seit ich denken kann, denk ich daran, mich umzubringen.“

Ein Polarlicht wird zur Erleuchtung für die beiden Todessehnsüchtigen. Sie halten sich gegenseitig den Spiegel vor, hinterfragen plötzlich ihre Motivation – und entdecken in den Gemeinsamkeiten einen Grund zum Weiterleben.

Während es um das Selbstmord-Thema geht, hören die Schüler im Publikum fokussiert zu. Das Stück scheint seinen Zweck zu erfüllen. In der Nachbesprechung fragt Dramaturgin Janina Werner ins Plenum, wie es für die Schüler war, so nah an den Schauspielern dran zu sein. Eine Schülerin lobt diese Nähe. Ein Mitschüler geht auf die komödienartige Aufbereitung des Themas ein. „Die Enttabuisierung gelingt, wenn man sich traut, über Selbstmord offen zu sprechen.“

Denn auch lustig wird es im Schauspiel, in der zweiten Hälfte, hauptsächlich dann, wenn die romantischen und sexuellen Inhalte vordergründig werden. Die zarte, etwas unbeholfen daherkommende Romanze nötigt den 14- bis 15-jährigen Zuschauern mehrmals ein Lachen ab. Jörn Bregenzer zeigt sich darüber erfreut: „Diese Reaktion haben wir uns erhofft.“

Ein Balanceakt

Durch die Balance zwischen Komödie und Drama ist es gelungen, dass sich die Jugendlichen mit dem Tema Selbstmord gedanklich auseinandersetzen. Das bestätigt Max aus der neunten Klasse. Sein Mitschüler Julian betont aber, dass es heute wichtiger denn je sei, den Ernst zu bewahren. „Durch die digitalen Medien haben wir verlernt, wichtige Dinge ernst zu nehmen“, sagt der Neuntklässler. Im Netz würden heute aus allem Witze gemacht. Für ihn ist jetzt in der neunten Klasse genau der richtige Zeitpunkt, um mit so einem Theaterstück die Jugendlichen an die Ernsthaftigkeit zu erinnern.

„Es hat sich gelohnt: Ich habe mich richtig lebendig gefühlt“, sagt August gegen Ende von Norway Today, nachdem er in den Abgrund geblickt hat. Ob er und Julie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen oder vor dem Absprung kehrt machen, muss jeder selbst im Theater herausfinden oder die Vorlage des Schweizers Igor Bauersima lesen.

Wer depressive Gefühle und Suizidgedanken hat, kann sich jederzeit kostenlos an die Telefonseelsorge unter 0800/1110111 oder an den Notruf 112 wenden. Der Krisendienst Oberfranken ist kostenfrei rund um die Uhr erreichbar unter der Nummer 0800 / 655 3000.