Theater Hof „Endstation Sehnsucht“ vor der Premiere

Am Freitag feiert „Endstation Sehnsucht“ am Theater Hof Premiere. Das Stück von 1947 ist so unangenehm wie aktuell. Was man daraus lernen kann.

„Ein tolles Schauspielerstück“: Alrun Herbing (Blanche) und Regisseur Harry Fuhrmann. Foto: hawe

Ja, ja. Abgehalfterte Familie lernt die Härte des sozialen Erdgeschosses kennen. Hatten wir alles schon. Fallhöhe und so. So einfach macht es sich Harry Fuhrmann nicht. Er inszeniert am Theater Hof das Drama „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams. Am Freitag ist Premiere. Auf der nach vorne geneigten Bühne wird beleidigt, gekränkt, geschlagen und vergewaltigt. Und doch spricht Fuhrmann von „Unterhaltung“. Im Sinne von „anregend, sich damit auseinandersetzen“. Die Geschichte ist nicht sonderlich komplex, dafür die Charaktere. Blanche, die Southern Belle – die Schöne des Südens – aus ehemals begüterter Familie findet nach wenig glorreicher Vergangenheit in New Orleans Unterschlupf bei ihrer Schwester Stella und deren Mann Stanley (Exkurs: Marlon Brando setzte in dieser Rolle das Fundament seines Ruhms). In diesem Arbeiter-Milieu kommt es zwangsläufig zu Spannungen – und zur Eskalation.

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Eskalation im Arbeiter-Milieu

„Es ist ein heftiges Thema. Das sagen hier auch die Theaterleute“, sagt Fuhrmann. Aber so soll es sein. „Das ist unser Auftrag. Das Patriarchat – das ist unangenehm, aufwühlend und hoffentlich inspirierend.“ Stanley ist der Boss. Für Blanche der „Überlebende der Steinzeit“ und „Affe“, was schon evolutionär schräg ist. So einfach will es sich Fuhrmann nicht machen. Die scheinbare Arroganz ist eine Reaktion auf die toxische Männlichkeit des Alpha-Männchens. „Sein Verhalten hat etwas Tierisches“, sagt Fuhrmann. Stanley ist „brutal respektlos“ und geht ins „absolute Extrem“.

Gesellschaft schafft Menschen

Kann Blanche sich von all dem befreien? Ja und Nein. „Sie ist sehr selbstreflektiert. Aber sie will auch ihr Lügengerüst aufrechterhalten, was sie nicht schafft“, sagt Alrun Herbing, die Blanche verkörpert. Sie wolle ehrlich zu sich selbst sein, habe aber Angst vor den Konsequenzen.

Für Fuhrmann ist jede Figur ein Produkt der Gesellschaft. Gedacht und erschaffen als Erklärung, nicht als Rechtfertigung. „Wenn ein Migrant keine Arbeit bekommt, kein Geld hat und kriminell wird, dann ist das gesellschaftlich erklärbar“, erklärt er. Auch wenn dies die Tat selbst natürlich nicht rechtfertige – aber der Rahmen in dem es passiere, schaffe Situationen.

Und schon sind wir in der Gegenwart. Was zwischen Blanche, Stanley und Stella läuft ergibt ein Muster, das schändlicherweise immer noch von vielen vertreten wird. Blanche hat eine erotische Vergangenheit. Und sexuell aktive Frauen sind Schlampen, die Herren tolle Hechte mit Sex Appeal. Man muss „Endstation Sehnsucht“ keine dramatische Gewalt antun, um zu zeigen, dass sich so viel nicht getan hat. „Meine Mutter musste in den Siebzigern sich noch von ihrem Mann eine Erlaubnis unterschreiben lassen, wenn sie arbeiten wollte“, erinnert sich der Regisseur. Und seit wann ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar? Dramaturg Philipp Brammer muss nicht nachschauen: „1997. Das nannte man vorher Streitigkeiten unter Eheleuten.“ Häusliche Gewalt sei ein relativ moderner Begriff.

Ambivalenz

Klingt alles sehr hässlich. Ist es auch. Aber das Stück ist keine komische Oper. Und auch kein Bühnen-Horror. Alrun Herbing: „Es hat eine leichte Sprache, ist spannend, bringt zum Nachdenken und ist auch leicht zugänglich.“ Woran das Team gearbeitet hat, ist die „Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit zu zeichnen“, sagt der Regisseur. Auch Herbing spricht von der Ambivalenz der Charaktere. Selbst Stanley, der prügelnde Proll, sei menschlich – auf seine Art. Das fasziniert Fuhrmann an „Endstation Sehnsucht“: „Es ist ein tolles Schauspielerstück.“ Keine eindimensionalen Figuren, deren Handeln noch im Halbschlaf vorhersehbar ist. Und für ihn ist Theater auch weniger Rede als Handlung. Das gilt für ihn übrigens schon deswegen, weil er in Nordindien tibetanische Theaterprojekte betreut. Er versteht kein Wort, aber für ihn sprechen die Körper. „Das ist ungemein inspirierend.“

Erste Vorstellungen

Die Premiere „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams im Theater Hof findet am Freitag, 22. Mai, um 19.30 Uhr im Großen Haus statt. Es gibt noch Karten. Weitere Vorstellungen sind zu sehen am Samstag, 30. Mai, um 19.30 Uhr sowie am Sonntag, 7. Juni, um 18 Uhr. Jeweils 45 Minuten zuvor kann man die Werkeinführung besuchen.