Tiere und Sexualität Das Rätsel des weiblichen Orgasmus

Warum passiert beim weiblichen Orgasmus das, was eben passiert? Um Antworten auf diese existenzielle Frage zu bekommen, muss man ganz weit in die Vergangenheit zurückschauen – in die Evolutionsgeschichte von Säugetieren und Primaten.

Stuttgart - „Frauen können vielleicht einen Orgasmus vortäuschen. Aber Männer täuschen ganze Beziehungen vor.“ Dieser Satz stammt von der US-Schauspielerin Sharon Stone, die durch ihre Rolle als männermordender Vamp Catherine Tramell in dem Erotik-Thriller „Basic Instinct“ berühmt wurde.

Wenn es allein im Belieben der Frau liegt, ob sie will oder nicht, dann wäre der weibliche Orgasmus aus Sicht der Evolutionsbiologie ohne jeglichen Nutzen. Bei Männern ist die Sache völlig klar: Ohne Orgasmus gibt es keine Ejakulation, keine Reproduktion, keinen Nachwuchs. Aber wie ist es beim weiblichen Geschlecht?

Gravierende Unterschiede bei Säugetieren

Beim Menschen ist der weibliche Zyklus nicht von der sexuellen Praxis abhängig – bei anderen Säugetieren dagegen schon. Bei Kaninchen und Katzen beispielsweise wird der Eisprung (Ovulation, von lateinisch „ovulum“, Verkleinerungsform von „ovum“, Ei) durch die männliche Stimulation während des Deckaktes ausgelöst. Erst dadurch kommt es zur erfolgreichen Befruchtung der Eizellen, die in den Eierstöcken heranreifen.

Anders als beim Menschen und bei vielen anderen Säugetieren erfolgt der Eisprung bei ihnen nicht zyklisch, sondern spontan. Die vom Männchen ausgelöste Ovulation wird auch männlich-induzierter Eisprung genannt. Er findet etwa beim Kaninchen zehn bis zwölf Stunden nach dem eigentlichen Deckakt statt.

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Woher kommt der weibliche Orgasmus?

Die Wiener Evolutionsbiologin Mihaela Pavclicev und der amerikanische Evolutionsbiologe Günter Wagner sind einmal der Frage nachgegangen, woher der weibliche Orgasmus kommt.

Ihre These: Der weibliche Orgasmus sei ein Relikt aus der Evolutionsgeschichte. Für die menschliche Fortpflanzung habe er keinerlei Bedeutung mehr. Für ihre Studie The Evolutionary Origin of Female Orgasm („Der evolutionäre Ursprung des weiblichen Orgasmus“) haben sie sich der komplexen Thematik von der Evolution im Tierreich aus genähert.

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Der weibliche Zyklus

Nach Ansicht von Mihaela Pavlicev und Günter Wagner ist dieser vom Männchen ausgelöste Eisprung sehr viel älter als der Menstruationszyklus beim Menschen und bei den anderen Primaten.

Menstruation meint die monatliche Regelblutung von Mädchen und Frauen im fruchtbaren Alter. Jeden Monat reift im weiblichen Zyklus eine Eizelle heran, die befruchtet werden kann. Gleichzeitig wandelt sich die Gebärmutterschleimhaut so um, dass sich eine befruchtete Eizelle einnisten kann. Zur Mitte des weiblichen Zyklus (beim Eisprung) wird die Eizelle reif. Bleibt die Befruchtung aus, wird das neu gebildete Gebärmuttergewebe abgestoßen. Es kommt zur Regelblutung.

Warum sind Weibchen so wie sie sind?

Wer verstehen will, warum Weibchen bei Säugetieren – also auch Homo-sapiens-Weibchen – so sind wie sie sind, muss tief in die Evolutionsgeschichte zurückgehen: Menschen, Kaninchen und Katzen haben gemeinsame Vorfahren. Vor rund 70 Millionen Jahren, als die Dinosaurier die Erde beherrschten, spaltete sich der Stammbaum der Säugetiere auf. Aus Insektenfressern entwickelten sich die allerersten Primaten – winzige Halbaffen, die aufgrund des üppigen Nahrungsangebotes an Körpergröße und Gewicht zunahmen.

Die beiden US-Forscher glauben, dass die ersten säugenden Ururahnen des modernen Menschen bei der Fortpflanzung (Reproduktion) auf den weiblichen Orgasmus angewiesen waren. Beim Orgasmus werden weibliche Hormone wie Prolaktin und Oxytocin ausgeschüttet, die das Wachstum der Brustdrüsen anregen und die Produktion der Muttermilch fördern. Ohne diese Hormone wären der Eisprung der Frau und damit die Reproduktion evolutionsbiologisch unmöglich gewesen.

„Der weibliche Orgasmus sah damals anders aus als heute“

Im Laufe der Evolution wurde die sexuelle Stimulation des Primatenweibchens durch das Männchen für die Fortpflanzung allerdings zunehmend unwichtiger. Während bei Nagern und Katzen alles beim Alten blieb, trat bei Primaten an die Stelle des spontanen der zyklische Eisprung.

Irgendwann vor vielen Millionen Jahren schließlich war der weibliche Orgasmus für die Erhaltung der Art völlig überflüssig geworden. „Wichtig ist, dass der Vorgang damals anders aussah als der weibliche Orgasmus beim Menschen heute“, betonen Pavlicev und Wagner.

Evolutionsbiologie dient nicht als Sexual-Ratgeber

So spannend der wissenschaftliche Blick in die Urgeschichte auch ist, für das Sexualleben der modernen Frauen dürften die Erkenntnisse wenig hilfreich sein. Ob und wie intensiv sie sexuelle Lust empfinden, hängt weniger mit der Evolution zusammen als mit der Sensibilität, Zuwendung und dem Verständnis ihres Partners.

Möglicherweise hätte der weibliche Orgasmus auch andere Funktionen übernommen, nachdem er für die Fortpflanzung entbehrlich geworden war. Welche das sind, darüber ist in der englischsprachigen Studie leider nichts zu lesen.

 

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