Ein weiteres Thema sei die Infrastruktur, gerade im innerstädtischen Bereich. "Da muss sich natürlich was verbessern", betont Brockmann. "Gerade in Ballungsräumen besteht grundsätzlich eine erhebliche Flächenkonkurrenz um den öffentlichen Straßenraum", betont auch van Randenborgh. "Die Gestaltung des Straßenraums und Aufteilung der Flächen ist seit jeher Gegenstand der politischen Diskussion und muss immer wieder neu austariert werden."
"So lange es nur wenige Fahrräder gab, war das kein Problem", meint Unfallforscher Brockmann zu den Risiken im innerstädtischen Verkehr. Angesichts der Zunahme von Fahrradfahrern seien jedoch breitere Fahrradspuren auf der Straße und insbesondere in Kreuzungsbereichen notwendig, um Unfallrisiken zu senken. Angesichts der begrenzten Flächen durchaus ein Konfliktthema: "Wo man jemandem etwas gibt, muss man jemand anders etwas wegnehmen", beschrieb der Unfallforscher das Konfliktpotenzial. "Einen freiwilligen Prozess auf Seiten der Autofahrer wird es im Zweifelsfall nicht geben."
An gefährlichen Stellen müsse es immer auch eine physische Barriere zwischen Radweg und Autospur geben, fordert der ADFC. "Auch die Ampeln müssen anders geschaltet werden - mit getrennten Grünphasen für Geradeausfahrer und Abbieger", sagt ADFC-Sprecherin Krone. "Nicht zuletzt muss elektronische Fahrzeugtechnik helfen, die Gefahr dort zu bannen, wo sie entsteht, nämlich in der Regel am Kraftfahrzeug." LKW-Abbiegeassistenten könnten 60 Prozent der tödlichen Abbiege-Unfälle mit Radfahrern verhindern, nach Schätzungen des ADFC sind aber weniger als fünf Prozent der Fahrzeuge mit der rund 1500 Euro teuren Technik ausgestattet.
Der Fachverband Fußverkehr fordert als Konsequenz aus den Unfallzahlen, dass in Ortschaften Tempo 30 die Regel und nicht die Ausnahme sein solle. Nötig sind laut Sprecher Roland Stimpel zudem "sichere Ampeln an Kreuzungen", bei denen Fußgänger vor den Abbiegern Grün haben und auch langsamere Passanten die Ampelphase ohne Sprint nutzen könnten. "Heute ist es so, dass beispielsweise in Berlin doppelt so viele Fußgänger, die bei Grün gegangen sind, zu Schaden kommen wie leichtsinnige Fußgänger, die bei Rot gegangen sind."
Dass gerade innerhalb von Ortschaften schwächere Verkehrsteilnehmer besonders gefährdet sind, zeigen auch ältere Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Laut Auswertung der Unfallzahlen für das Jahr 2017 verunglückten in 95,8 Prozent aller im Straßenverkehr verletzten Fußgänger sowie 90,6 Prozent aller Fahrradfahrer innerorts. Bei den Todesopfern waren es 71,6 Prozent aller im Straßenverkehr getöteten Fußgänger sowie 66,5 Prozent aller Radfahrer.