Ukraine Tiere leiden wie die Menschen

Lisbeth Kaupenjohann

Der Tierpark „Zwölf Monate“ in der Ukraine hat wegen des Krieges Riesenprobleme. Tiere sterben, es fehlt an Futter und Wärme. Die Bevölkerung hilft, wo sie kann. Der Hofer Zoo sammelt Spenden – für alle Tiergärten in der Ukraine.

Der Tierpark „Zwölf Monate“ nahe der Hauptstadt Kiew: Vor einigen Jahren machte der Zoo Schlagzeilen mit einem Wurf weißer Löwenbabys. Heute – mitten im Krieg – kämpft der Tierpark, wie viele andere in der Ukraine, um das Überleben seiner Bewohner. Foto: dpa/Sergey Dolzhenko

Wo Menschen sterben, hungern, frieren und täglich Angst haben müssen vor Bomben und Granaten, vergisst man leicht die Tiere, die unter den gleichen schlimmen Bedingungen überleben müssen. Vor allem in den ukrainischen Zoos kämpft man ums nackte Überleben von Mensch und Tier. Was verstehen Affen, Löwen und Giraffen von Krieg? In der Zoozeitung des Tierparks „Zwölf Monate“ beschreibt dessen Leiter Michail Pintschuk eindrucksvoll das Elend und bittet um Hilfe. Ein Anliegen, dem David Pruß, Leiter des Hofer Zoos, Nachdruck verleiht. Er hat privat bereits gespendet. „Unser Zoo hat leider dafür nicht die Finanzen“, bedauert er. Doch vielleicht gebe es den einen oder anderen Tierfreund, der angesichts der prekären Lage gern einen finanziellen Beitrag leisten würde. Der Hofer Zoo sei bereit, Spenden, die ihn unter dem Betreff „Zoo Ukraine“ erreichen, unmittelbar an die Zoos und den gemeinsamen Hilfsfonds der Zoogemeinschaft für die Ukraine weiterzuleiten.

Nach der Werbung weiterlesen

Er selbst habe den privaten Tierpark „Zwölf Monate“, 20 Kilometer von Butscha und 40 Kilometer von Kiew entfernt, vor mehreren Jahren besucht, berichtet Pruß. Zu Michail Pintschuk habe er bis vor zwei Wochen lockeren Kontakt per Internet gepflegt – doch seitdem sei keine Verbindung mehr möglich gewesen. „Die ganze Zoowelt ist eng miteinander verknüpft, man tauscht sich aus“, erklärt der Hofer Zooleiter. Auch wenn die Tierparks in Osteuropa nicht so komfortabel eingerichtet seien wie in den westlichen Ländern, gebe man dort alles für die Tiere. Dies zeige auch der Bericht in der Zoozeitung des Tierparks „Zwölf Monate“, die ihm vorliege.

Tatsächlich lässt dieser Bericht, übersetzt in deutsche Sprache, keinen Leser kalt. Der Tierpark „Zwölf Monate“ stand zeitweise unter russischer Besatzung. Vor allem in dieser Zeit, in der keine Verbindung auf „die andere Seite“ möglich war, war es schwer, Futter zu organisieren. Nur dank der Hilfe tierlieber Menschen und einiger Mitarbeiter des Roten Kreuzes, die passieren durften, konnten viele Tiere vor dem Verhungern gerettet werden.

Doch nicht nur der Hunger bedroht das Leben der Zootiere. Viele von ihnen können nur bei bestimmten Temperaturen überleben. Drei Tage nach Kriegsbeginn fiel der Strom aus. Glücklicherweise hatten die Zoomitarbeiter noch rechtzeitig eine größere Menge Diesel besorgen können. Auch eine Holzpellets-Heizung stand zur Verfügung. Doch blieb ein Teil des Personals nach Einmarsch der russischen Föderation weg. Mehr als einen Monat lang lebten fünf Zoologen, ein Arzt, ein Freiwilliger und zwei Sicherheitskräfte Tag und Nacht auf dem Parkgelände, bis die russischen Truppen das Gelände wieder verließen. Es gelang ihnen, eine ausreichende Temperatur für die Exoten aufrechtzuerhalten. Trotzdem starben Tiere.

„Tiere in einem Krieg zu retten ist nicht einfach“, schreibt Michail Pintschuk in seiner Zoozeitung. „Die Kleinen und Ruhigen können noch irgendwie gewärmt, untergebracht und gefüttert werden. Einem Nashorn kann man aber keine Decke überziehen.“ Für die Huftiere gab es ausreichend Heu. Aber die Affen mussten sich mit Karotten und Äpfel zufriedengeben. Pintschuk erzählt von den beiden Orang-Utans Yosya und Magda, die er selbst zusammen mit seiner Frau Anya großgezogen hatte. Während kleinere Affen in Boxen im Nilpferdhaus untergebracht werden mussten, sollten die beiden Menschenaffen in ihr früheres Zuhause gebracht werden. Eine Operation, die gründlich misslang. Die beiden narkotisierten Tiere erwachten zu früh, kurz vor einem russischen Kontrollpunkt. Auch erwies sich die „Kinderstube“ als zu klein. Die Orang-Utans mussten zurück in den Tierpark. Nach Abzug der russischen Armee konnten alle Affen und auch noch andere Tiere in andere Zoos überführt werden.

Am 14. Mai öffnete der Tierpark wieder, die Tiere kehrten zurück. Schmerzlich war das Wiedersehen mit Yosya und Magda: „Wie müde Menschen sahen sie über mich hinweg oder zur Seite. Wie beleidigte alte Menschen, die zwar alles verstehen, aber in tiefer Enttäuschung über den Gesprächspartner keinen Grund sehen, zu reagieren“, schreibt Pintschuk. Inzwischen haben sie sich wieder erholt. Doch wenn es wie Donner grollt, schauen sie und auch andere Tiere ängstlich gen Himmel und flüchten sich in ihre Behausung.

Den Raubtieren ging es laut Zoozeitung am schlimmsten. Sie magerten ab, weil es nicht genügend Fleisch gab. Manchmal war es ein Glück, wenn irgendwo ein Pferd zu Tode kam. Es konnte als Futter dienen. Einige Tiere starben aus Angst, weil sie in Panik gerieten und gegen Wände prallten. Anderen versagte das Herz. Ein Wolf starb an Wurmbefall, weil Medikamente fehlten. „Der Tod von Tieren ist kein Verlust, sondern eine Tragödie“, schreibt Pintschuk. Er und seine Mitarbeiter blicken düster in die Zukunft. „Solange es keine Besucher gibt, brauchen wir wirklich Hilfe.“ Eine Stiftung wurde gegründet, die Tierfutter, Hilfsmittel und die Arbeit der Tierpfleger finanzieren soll.

Krieg droht uns hierzulande bislang glücklicherweise nicht. Wie groß aber wäre die Gefahr für den Hofer Zoo, wenn zum Beispiel für längere Zeit der Strom ausfallen würde? „Zwei bis drei Tage könnten wir überbrücken“, meint Zooleiter David Pruß. Danach allerdings gebe es Probleme, weil die Nahrung für die Tiere nicht mehr gekühlt werden könnte. „Wir benötigen täglich rund 100 Kilogramm Fleisch und Fisch.“ Für die Wärme sorgen im Hofer Zoo eine Strom- und Gasheizung. Das bringt Flexibilität mit sich. Die Tiere im Savannenhaus benötigen allerdings eine Raumtemperatur von 20 Grad. Wärmequellen sind außerdem UV-Lampen.

Wer die Zoos in der Ukraine unterstützen will, kann Spenden unter dem Betreff „Zoo Ukraine“ an das Konto des Hofer Zoos überweisen, DE29 7805 0000 0222 7939 37. Kontakt: Telefon 09281-85429 oder info@zoo-hof.de