Unterschiedliche Geisterspiel-Auslegungen „Was für ein Irrsinn“

und Stefan Wolfrum
Ein paar nicht einsatzfähige Spieler und einige Pappfiguren: Mehr war nicht los am Freitagabend beim Geisterspiel der Wölfe gegen den ESV Kaufbeuren. Dabei meint der VER-Fanclub Fanatics: „Hockey ist für alle da!“ Foto: Mario Wiedel

An den Geisterspielen für die bayerischen Profiteams scheiden sich weiter die Geister. Während die DEL2-Teams ohne Fans spielen müssen, sind bei den Coburger Zweitliga-Handballern Zuschauer erlaubt. Warum?

Selb/Bayreuth/Coburg - Es war wieder einmal ein Wochenende, das vielen Anhängern der Selber Wölfe und der Bayreuth Tigers die Zornesröte ins Gesicht getrieben hat. Nicht etwa, weil ihre Mannschaften punkt- und sieglos geblieben sind. Es ging vielmehr um das leidige Thema „Geisterspiele“. So blieben sowohl die Netzsch-Arena als auch der Tigerkäfig komplett leer, während zum Beispiel in der Kasseler Eissporthalle 1500 Zuschauer einen Familientag und einen 4:1-Sieg gegen die Selber Wölfe feierten. Oder 500 Besucher in Weiden Augenzeuge des Oberliga-Spitzenspiels gegen Rosenheim waren. Und was nicht nachvollziehbar war: Auch der HSC 2000 Coburg durfte in der 2. Handball-Bundesliga zumindest einen Teil seiner Fans in der HUK-Arena begrüßen. 500 waren unter der 2G-plus-Regel erlaubt, 403 gekommen zum Spiel gegen Eintracht Hagen in die 3530 Zuschauer fassende HUK-Arena gekommen.

„Wir freuen uns sehr, dass wir in guten Gesprächen mit der Stadt Coburg die Genehmigung erhalten haben“, war HSC-Geschäftsführer Jan Gorr vor dem Spiel in einer Mitteilung zitiert worden. Der Pressesprecher der Stadt Coburg, Louay Yassin, erklärt auf Anfrage unserer Zeitung die Ausnahmegenehmigung. Zwar seien Sportveranstaltungen laut der 15. bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung nicht zugelassen, wenn sie „groß“ und „überregional“ sind. Es sei aber wenig verständlich, warum eine Sportveranstaltung mit 500 Zuschauern in einer kleineren Halle (bis 2000 Zuschauer) zulässig ist, während bei größeren Hallen keine Zuschauer erlaubt sind. „Denn wenn man in einer Halle mit 3600 Plätzen nur 500 Zuschauer zulässt, ist sogar noch mehr Abstand zwischen den einzelnen Personen gegeben“, erklärt Yassin.

Ausnahmegenehmigung

Deshalb habe die Stadt Coburg folgende Ausnahmegenehmigung erlassen: Wenn nur maximal 500 Personen zugelassen, die 2G-plus-Regeln eingehalten werden und durchgehend Maskenpflicht herrscht, können Sportveranstaltungen mit Zuschauern abgehalten werden. Sehr zur Freude des HSC-Geschäftsführers: „Uns ist bewusst, dass es Einschränkungen geben muss, um die Corona-Pandemie zu bewältigen. Allerdings sind wir auch der Meinung, dass aufgrund der Weitläufigkeit der HUK-Coburg-Arena und der strengen Hygiene-Maßnahmen bei unseren Heimspielen größtmögliche Risikominimierung gegeben ist.“

Dieser Meinung ist eigentlich auch Matthias Wendel. Der Geschäftsführer der Bayreuth Tigers war vor einer Woche aufgrund einer kurzfristigen Falsch-Information aus dem Bayreuther Ordnungsamt davon ausgegangen, wieder Fans ins Stadion lassen zu können, um wenig später schon wieder zurückzurudern. „Das war ärgerlich, aber auch menschlich. Es blickt ja eh kaum noch jemand durch“, nahm Wendel die städtische Behörde in Schutz. Kein Verständnis hat er nach wie vor dafür, dass der benachbarte Oberligist EV Weiden Fans in seine geschlossene Eishalle lassen darf. Der Grund: Die Regierung stuft Oberliga-Eishockey nicht als Profi-Sport ein, obgleich sich die Oberliga selbst als Profi-Liga begreift. „Hanebüchen“ sei das, ärgert sich Wendel. „Da kommen Hunderte Fans aus Regensburg mit nach Weiden – und wir dürfen keine fünf Mann aus Freiburg, geschweige denn eigene Fans in unser offenes Stadion reinlassen. Ist das im Sinn einer erfolgreichen Pandemie-Bekämpfung?“

Dass die Tigers vor einer Geisterkulisse spielen müssen, liegt aber nicht nur an ihrem Profi-Status, sondern auch an der Größe des Tigerkäfigs. Würde der nämlich weniger als 2000 Zuschauer fassen, wäre eine Teilzulassung möglich. „Was für ein Irrsinn“, sagt Wendel. Es sei deshalb durchaus verständlich, dass sich Profi-Vereine „kreative Schlupflöcher“ suchten, wie beispielsweise der Handball-Bundesligist HC Erlangen. Der zog am vergangenen Dienstag für sein Heimspiel im Pokal-Achtelfinale gegen die HSG Wetzlar von der Nürnberger Arena in die Erlanger Karl-Heinz-Hiersemann-Halle um – sie war bis 2014 Heimstätte des HC. Mit der lautstarken Unterstützung der dort zugelassenen 300 Fans überrannten die Erlanger die favorisierten Gäste regelrecht und siegten mit 31:19.

Wie wäre es für die Bayreuth Tigers denn nun, dem Erlanger Vorbild zu folgen und nach Pegnitz auszuweichen? „In der Tat, das wäre grundsätzlich möglich“, muss Matthias Wendel schmunzeln. „Aber ernsthaft Gedanken gemacht haben wir uns darüber nicht. Der Aufwand für uns wäre einfach viel zu groß.“

„Komische Situation“

Als „insgesamt komische Situation“ bezeichnet Dr. Andreas Golbs, dritter Vorsitzender und Sicherheitschef der Selber Wölfe, die unterschiedlichen Handhabungen. Eigentlich gebe es ganz klare Vorgaben in Bayern – nämlich bis in den Januar hinein Geisterspiele für die Profiteams. „Ich weiß nicht, warum andere Vereine solche Sonderregelungen durchbekommen.“ Aber würde eine Teilzulassung von Zuschauern für den VER Selb überhaupt Sinn machen? Vor der Anordnung von Geisterspielen durch die bayerische Staatsregierung waren kurzfristig 950 Besucher – eine Auslastung von 25 Prozent – in der Netzsch-Arena erlaubt. „Das ist wirtschaftlich nicht kostendeckend“, erklärt Golbs. „Aber man darf nicht nur kommerziell denken. Es ist immer besser, mit Zuschauern zu spielen. Die können ihre Mannschaft schon vorantreiben. Und mit Stimmung im Stadion ist Eishockey was ganz anderes.“ Aber, sagt der dritte Vorsitzende des VER angesichts der Corona-Pandemie und der von Experten befürchteten Omikron-Welle: „Die Sicherheit geht immer vor.“

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