Urlaubslust nach dem Lockdown: Passämter sind am Limit

Reisepass gefällig: Markus Korzendorfer vom Einwohnermeldeamt in Stadtsteinach. Foto: /Gabriele Fölsche

„Huch, mein Pass ist ja abgelaufen!“ Das stellen derzeit viele Menschen fest, die verreisen wollen. Viele Behörden werden deshalb gerade überrannt.

Kulmbach/Stadtsteinach - Thomas Besand hat es selbst schon erlebt. Vor Jahren war er auf dem Weg zum Urlaub am Plattensee, als ihm und seiner Familie an der ungarischen Grenze der Schreck in die Glieder fuhr: Der Pass des Sohns – abgelaufen. Und nun?

Der Leiter des Kulmbacher Bürgerbüros rät deshalb schon aus eigener Erfahrung: „Wer demnächst verreisen will, sollte sich frühzeitig informieren, welche Papiere er für sein Urlaubsland benötigt.“ Für die meisten Ziele braucht es nicht nur passende Inzidenzwerte, sondern auch einen gültigen Personalausweis oder Reisepass. Der Bedarf an Dokumenten und Ausweispapieren ist aktuell immens. Die Reiselust der Menschen ist spätestens seit Pfingsten geweckt. Umso unangenehmer wird es, wenn jemand zwei Tage vor dem Abflug in die Karibik feststellt, dass sein Pass abgelaufen ist. „Der Ansturm bei uns ist groß, die Urlaubszeit deutlich spürbar. Wir arbeiten am Limit“, sagt Thomas Besand, der schon das kurze Pressegespräch auf den frühen Abend legen musste: „Tagsüber klingelt ununterbrochen das Telefon. Da geht derzeit gar nichts.“

In manchen bayerischen Rathäusern fahren Mitarbeiter Sonderschichten und trotzdem ist ein wenig Geduld gefragt. „Spätestens nach drei Wochen hat jeder seinen Personalausweis, beim Reisepass kann es auch schon mal etwas länger dauern“, erklärt der Chef des Einwohnermeldeamts in Kulmbach.

Dank Corona gehören Schlangen vor den Büros der Vergangenheit an. Und auch wenn Bürgerbüro und Standesamt nun wieder normal öffnen, werden die Bürger dringend gebeten, sich einen Termin geben zu lassen. Die aktuelle Wartezeit beträgt zwar zwei Wochen, dennoch hat das System laut Besand viele Vorteil – und zwar für beide Seiten: „Mit den Terminen geht alles schneller. Wir können uns vorbereiten und der Bürger kann sicher sein, dass alles zügig abläuft und er bekommt, was er braucht.“ Deshalb will man das System der Terminvergaben nach Corona teilweise aufrechterhalten.

Doch auch wenn die Pandemie viel Neues gebracht hat: „Bei einer Neuausstellung ist ein persönliches Erscheinen weiterhin zwingend erforderlich“, erklärt Besand. Das gelte im übrigen auch für Kinder, deren Ausweise die Behörden direkt vor Ort ausstellen können. Der Grund für die „Vor-Ort-Pflicht“: Es braucht eine Unterschrift und künftig auch einen Fingerabdruck. Letzterer war bisher nur für den Reisepass verpflichtend, vom 2. August an gilt er auch für neue Personalausweise. Immerhin: Wer seinen Pass von einem Bekannten oder Verwandten abholen lassen möchte, kann dies mithilfe einer Vollmacht tun.

Aktuell sind die Termin im Kulmbacher Bürgerbüro für die kommende Woche bereits fast vergeben. Doch, ganz fränkisch-bayerisches Lebensmotto, zur Not geht immer was: „Wir versuchen, jedem Bürger schnell und unkompliziert zu helfen“, sagt Besand. Beim ein oder anderen Antragsteller muss der 56-Jährige freilich schmunzeln: „Da ist der Pass schon mal lange vor der Pandemie abgelaufen, aber jetzt muss es plötzlich ganz ganz schnell gehen.“

Beim Reisepass, der gerade außerhalb des Schengen-Raums große Bedeutung hat, gibt es die Möglichkeit, einen Express-Antrag zu stellen. Der kostet mehr, dafür ist das von der Bundesdruckerei in Berlin hergestellte Dokument in der Regel innerhalb von vier Tagen vor Ort. Und wem’s so richtig pressiert? „Für den gibt es im Ausnahmefall den vorläufigen Reisepass.“ Doch Vorsicht: Der Sofortdruck wird zwar weltweit als Dokument anerkannt, aber wenn es ums Einreisen geht, akzeptieren beispielsweise die USA das Provisorium nicht. Unterschiedlich handhaben viele Länder auch den Umgang mit einem abgelaufenen Reisepass. In manche kann man trotzdem einreisen, in andere nicht.

Mit der Terminvergabe haben auch andere Rathäuser im Landkreis positive Erfahrungen gemacht. „Das hilft uns sehr, weil wir uns vorbereiten können“, sagt Melissa Kolb von der Verwaltungsgemeinschaft Marktleugast. Zudem seien seit der Corona-Pandemie persönliche Termine im Rathaus der Gemeinde nach Absprachen auch nachmittags möglich: „Das entzerrt die Sache.“

In Stadtsteinach hat Markus Korzendorfer in den vergangenen ein, zwei Wochen einen deutlich stärkeren Andrang verspürt: „Das betrifft aber nicht nur die Pass-Anträge, sondern auch Führerscheine und andere Dokumente.“ Der Rathaus-Mitarbeiter blickt auf einen gut gefüllten Termin-Kalender für das Einwohnermeldeamt, dennoch gelte: „Wenn jemand einen Termin braucht, bekommt er ihn spätestens am nächsten Tag.“ Und überhaupt: Vor den Ferien sei bei ihm im Einwohnermeldeamt schon immer mehr los gewesen.

Für Thomas Besand und seine Familie ist es in Ungarn damals übrigens gut ausgegangen. Zwar hat es Zeit gekostet, aber irgendwann haben die ungarischen Grenzer für den Bub einen Reisepass ausgestellt. Heuer kann Familie Besand so etwas nicht passieren. „Wir bleiben zu Hause und genießen unsere Heimat bei Tagesausflügen“, sagt der Leiter des Kulmbacher Bürgerbüros.

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