VER Selb Fanatics 2003 Selb schreiben an Merkel und Söder

In fremden Stadien funktioniert es: Die Fanclubs Fanatics und Grenzbande sorgen gemeinsam mit allen anderen Anhängern des VER Selb für Stimmung, wie hier in Weiden. Bei Heimspielen gab es zuletzt etwas Ärger. Foto: Mario Wiedel

Der Fanclub der Selber Wölfe hat Angst, dass Eishockeyspiele zusammen mit Großveranstaltungen noch länger verboten bleiben. Die Mitglieder wenden sich in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.

Lesen Sie hier den Brief im Wortlaut:

EISHOCKEY – MEHR ALS NUR EINE GROßVERANSTALTUNG !?

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

Die Corona-Pandemie hat unser aller Leben verändert. Wir leben in einer an die aktuellen Umstände angepassten Welt, die Einschränkungen mit sich bringt und den Staat, Unternehmen und Privatleute wirtschaftlich extrem fordert bzw. gefährdet. Sicher besteht auch in einigen Bereichen Konfliktpotential innerhalb der Bevölkerung. Die absolute Mehrheit geht Ihren Weg jedoch mit, nicht immer überzeugt, aber trotzdem im Sinne der Gemeinschaft und der Gesundheit der Schwächsten in unserer Gesellschaft. Neben all den Mitbürgern in systemrelevanten Jobs leisten auch Sie im Moment einen unfassbar wichtigen Job. Mit großer Sicherheit stimmen wir nicht in allen Punkten mit Ihnen überein, trotzdem möchten wir uns für Ihren umsichtigen Weg aus der Krise bedanken.

Warum wir Ihnen aber eigentlich schreiben, ist ein Satz aus der Pressekonferenz von Herrn Söder sowie aktuelle Pressemitteilungen, nach welchen bereits in dieser Woche eine Ausweitung des Verbots für Großveranstaltungen über den 31. August hinaus entschieden werden soll. Genau hiermit sehen wir auch unser „Lebenselixier“, den Eishockeysport, und dessen kommende Saison in Gefahr und in Kombination damit auch viele Vereine und Gemeinden, die Kosten für Angestellte, Hallen und Ähnliches weiterhin zu stemmen haben, aber keine Einnahmen generieren können.

Wir sind freilich nur ein kleiner Fanclub aus einer Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze und Sie haben sicher viele andere, wichtigere Dinge zu tun, als unseren Brief zu lesen, trotzdem versuchen wir unser Anliegen auf diesem Wege vorzubringen.

Wir können bestimmt nicht final einschätzen, inwieweit Großveranstaltungen nach dem August eine bedeutende Gefahr für die Gesundheit unserer Bevölkerung sind und Ihnen werden hier entsprechend bessere Daten vorliegen. Trotzdem möchten wir zwei Dinge zu bedenken geben, die wir als wichtig empfinden und die Spiele unseres Vereins, Spiele der Oberligen Süd und Nord, Eishockeyspiele an sich und zum Teil auch Sportveranstaltungen im Allgemeinen so speziell machen. Wir glauben, dass diese nicht einfach als Großveranstaltung verboten werden müssen, sondern zusammen mit Verbänden Lösungen erarbeitet werden können, unter welchen solche Spiele möglich sein sollten Bei Sportveranstaltungen im Allgemeinen besteht im Vergleich zu öffentlichen Festivitäten wie den von Herrn Söder zitierten (Stark)Bierfesten die Möglichkeit einer relativ simplen Nachverfolgung von Infektionsketten, da zum Teil schon mit personalisierten Tickets gearbeitet wird bzw. dies aus unserer Sicht mit überschaubarem Aufwand umgesetzt werden kann. Somit befindet sich bei diesen Veranstaltungen – im Gegensatz zu frei zugänglichen Festivitäten – keine anonyme Masse auf engem Raum, sondern eine klar zuzuordnende Gruppe an Personen.

Beim Eishockey im Speziellen sprechen wir zusätzlich zu o.g. Nachverfolgbarkeit auch von anderen Größenordnungen als z.B. in der Fußball-Bundesliga. Anstatt von 60 – 80.000 Menschen sprechen wir hier im Maximalfall von ca. 13.000 Zuschauern (Schnitt 6.000) in der ersten Liga, wobei wir hier davon ausgehen, dass man über den Hebel Fernsehgelder vielleicht auch Konzepte finden kann, sodass Vereine mit deutlich geringerer Zuschauerzahl leben können. In den Ligen darunter sprechen wir von nur 3.000 Zuschauern in der zweiten und 1.300 Zuschauern in der dritten Liga im Schnitt.

All diese Ligen sind Profi- bzw. Halbprofi-Ligen mit Vereinen und entsprechenden Strukturen, welche finanziert werden müssen. Ein Großteil dieser Finanzierung findet neben Sponsoren – ein in der Krise wackliges Standbein – eben auch über Zuschauereinnahmen statt. Speziell in der genannten dritten Liga, in welcher auch unser Verein spielt, sind die Einnahmen über TV-Gelder so gering bzw. nicht vorhanden, dass Spiele ohne Zuschauer keine Lösung sein können. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Zuschauerzahl vergleichsweise so gering, dass eine für alle Seite sinnvolle Lösung im Bereich des Machbaren liegen sollte. Neben Verbänden und Vereinen leben zahlreiche Spieler von dieser Einnahmequelle, zum Teil weg von Ihrer Heimat angewiesen auf die Zahlungen aus Ihren Verträgen.

Aus diesem Grund wenden wir uns heute an Sie und bitten inständig darum, diese Fakten in Ihre Überlegungen einzubeziehen und – nicht nur für den Eishockeysport – zusammen mit Verbänden und Vereinen Lösungen zu erarbeiten, wie doch sinnvoll Veranstaltungen durchgeführt werden können. Wir erwarten Ein- und Beschränkungen bei den Veranstaltungen, wie erwarten sowieso eine Maskenpflicht, aber wir erhoffen uns einfach eine Perspektive für Verbände, Vereine und auch Angestellte innerhalb vieler Sportvereine, die mit Ihren Angeboten unser Land für Aktive als auch Passive deutlich lebenswerter machen.

Wir sind fest davon überzeugt, dass Sie bzw. Ihre zuständigen Kollegen in den Ministerien zusammen mit den zuständigen Verbänden in der Lage sind, sinnvolle Lösungen zu finden, um einerseits die Ausbreitung des Virus weiterhin im Griff zu halten, gleichzeitig aber auch kulturelles Leben im Sport wieder zu ermöglichen.

Vielen Dank im Voraus für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Engagement zur Findung von Lösungen.

Freundliche Grüße,
FANATICS 2oo3 SELB
im Juni 2020

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