Muss man auch denjenigen zuhören, die gegen mehr Zuwanderung sind und versuchen, ihre Wut zu verstehen?
Ich habe nicht viel Verständnis für Leute, die nach Obergrenzen verlangen. Wie soll das funktionieren? Wenn man aus Deutschland kommt und ein Gefühl dafür kriegt, wie es an anderen Stellen der Welt aussieht, kann man nicht à la Trump noch eine Mauer bauen. Das ist nicht der Weg!
Wie könnte eine europäische Flüchtlingspolitik alternativ aussehen?
Das weiß ich auch nicht, ich bin kein Politiker. Eine Mauer kann jedenfalls keine Lösung sein, weil die Menschen da immer durch wollen. Der Song „Sommer ‚89“ bietet keine Antworten, es geht darin nicht eine Sekunde um das Hier und Jetzt. Es ist einfach nur eine Geschichte, wie sie damals passiert sein könnte. Was ich aber will, ist, dass man sich bestimmte Fragen stellt: Wieso war das damals so? Was passiert gerade? Und was macht dieser Zaun? Das ist für mich viel wichtiger als als irgendwelche billigen Antworten.
Wenn Sie neue Musik schreiben, versuchen Sie dann, das Alte so weit wie möglich von sich wegzuschieben?
Wir sind uns alle in der Band einig, dass das letzte Album nicht unsere kreative Glanzleistung war. Wir hatten keinen musikalischen Boden, auf dem wir uns einig bewegt haben. Es war eine schwieriges Album, das wollten wir nie wieder. Wir sind fünf verschiedene Leute, die auf Kurs gekriegt werden müssen in ihrer Kreativität.
Haben Sie Eigenschaften, die Sie selbst nur schwer akzeptieren können?
Ich bin manchmal zu schnell niedergeschlagen und fatalistisch. Nachdem ich „Sommer ‚89“ geschrieben hatte, dachte ich, meinen Zenit überschritten zu haben und es käme nur noch Schrott. Danach habe ich tatsächlich wochenlang nichts mehr von Belang geschafft. Bei „Der Tag wird kommen“ war es genauso. Es fühlte sich an, als hätte der Song alles auch mir herausgesaugt. Aber du musst einfach Ruhe bewahren, immer weiterackern und irgendwann schreibst du den nächsten Song.
Früher dachte man naiv: Wer mit Rockmusik aufwächst, wird ein besserer Mensch. Ein Trugschluss?
Vielleicht konnte Rock- und Popmusik das nur zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Gegenkultur der Endsechzigerjahre wurde sehr stark von Musik befeuert. Danach gab es immer wieder solche Ansätze, aber unterm Strich hat man sich zu viel davon versprochen. Und heute ist davon nicht mehr viel übrig. Es kommen immer noch gute Bands und tolle Songs raus, aber ich bin davon nicht mehr so leidenschaftlich gepackt wie früher. Das hat aber auch etwas mit der eigenen musikalischen Sozialisation zu tun.
Kettcar auf Tour
Die deutsche Rockband kommt am 24. Januar um 20 Uhr ins E-Werk nach Erlangen. Karten gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.