Verein Gamers of another Time Vorstandssitzung am Spielbrett

Timo Schmidt
Der „Goat“-Vorstand: Foto:  

Der Verein „Games of another Time“ aus Helmbrechts feiert Brett-, Karten- und Rollenspiele in jeglicher Form. Den Spaß wollen die Mitglieder mit Neulingen teilen.

„Hä, das geht doch nicht so!“ Johanna Becher, eine der Spielerinnen, schnappt sich das Regelheft. Ihre zwei Mitspieler gucken verwirrt. Die drei Erwachsenen sitzen an einem Tisch im zweiten Stock eines Helmbrechtser Wohnhauses. Würfel fallen, Karten werden gelegt, Figuren bewegt. „Betrayal at House on the Hill“ heißt das Spiel. Darin versuchen die Spieler die dunklen Geheimnisse eines Spukhauses zu ergründen und dabei Flüche, Fallen und Monster zu überleben. Ach ja, und obendrein noch den Verräter zu entdecken, der sich in den eigenen Spieler-Reihen befindet. Keine leichte Aufgabe, da muss alles seine Ordnung haben. „Alles klar, passt schon“, bestätigt Becher schließlich nach einer kurzen Lektüre des Regelwerks. Schon versinken die Spieler wieder mit leuchtenden Augen in ihrer Tour durch das alte Karten-Gemäuer.

Johanna Becher ist die Vorsitzende des Helmbrechtser Vereins „Games of another Time“ oder kurz „Goat“, deren Mitglieder sich der Leidenschaft für Brett-, Karten- und Rollenspiels verschrieben haben. Bechers Mitspieler sind an diesem Nachmittag der zweite Vorsitzende Dominik Danziger und Lisa Schroll, Kassenwärterin der „Goaties“, wie sich die Vereinsmitglieder nennen. Seit zehn Jahren besteht die Vereinigung aus Spiele-Begeisterten bereits.

Spiele als Vereinsarbeit

Die 38-Jährige und ihre Mitstreiter begannen damals, in einem Haus im Frankenwald eine sogenannte Spiele-Convention, also Treffen, zu planen. Mit Übernachtungsmöglichkeiten, damit die ganze Nacht gespielt werden kann. Die Conventions wurden zur Tradition. Und zur besseren Organisation und Kommunikation gründeten Becher, Danziger und Co. schließlich eben „Games of another Time.“

Waren es zu Beginn gerade einmal zehn bis 20 Leute, hat Goat mittlerweile rund 80 Mitglieder. „Da kamen dann Freunde oder Arbeitskollegen von uns dazu. Andere Mitglieder haben mittlerweile auch schon Kinder bekommen, die bei uns mitspielen“, erzählt Becher.

Spieleabende gehören bei Goat praktisch zur Vereinsarbeit. Der Verein veranstaltet– zumindest in Vor-Corona-Zeiten – Brettspieleabende im Jugendzentrum in Oberkotzau. Während der Hochzeiten der Pandemie gab es hingegen einen digitalen Vereins-Stammtisch. Ansonsten treffen sich die Goaties immer wieder selbst zu Spielerunden.

Das „Material“ dafür können sie sich aus dem Spiele-Bestand im Helmbrechtser Vereinsheim ausleihen. Etwa 200 Spiele lagern hier, schätzt Becher. „Manche Mitglieder haben aber auch noch mehr zuhause“, meint die 38-Jährige. Außerdem hätten sie auch einige weniger benutzte Spiele schon ausgelagert.

Gäste willkommen

Die Jahres-Höhepunkte sind aber die Conventions, die die Goaties jedes Jahr im Forsthaus in Gerlas veranstalten. Heißt: Ein Wochenende lang Spielspaß. „Das ist erst einmal wie ein großes Familientreffen, viele Teilnehmer haben sich lange nicht gesehen“, erzählt Danziger.

Das Spieleangebot bei den Conventions ist vielfältig. Von klassischen Gesellschaftsspielen wie Uno oder Mensch-Ärgere-dich-nicht bis hin zu komplizierteren Brettspielen wie Warhammer oder Pen&Paper-Rollenspielen ist alles geboten. Dabei sind auch neugierige Besucher und Spiele-Neueinsteiger willkommen. „Wir erklären die Regeln der verschiedenen Spiele gerne immer wieder“, versichert Becher. „Die vergessen viele von uns auch noch oft.“ Todernst nehmen die Goaties ihre Spiele auch nicht, meint die Vorsitzende.

Heißt: Wenn ein Neuling durch einen missglückten Würfelwurf seine Mitspieler bei einem Pen&Paper-Abenteuer mit ins Verderben stürzt, ist das kein Weltuntergang. „Der Spaß steht bei uns immer im Vordergrund.“

Im April sollte eigentlich wieder eine Goat-Convention in Gerlas stattfinden. Mehrere Corona-Infektionen machten den Spiele-Fans aber einen Strich durch die Rechnung. Ende August ist aber schon die nächste Convention im Forsthaus geplant, sagt Becher.

Würfel statt Teufel

Manche Oberfranken könnten mit dem Verein aber gar nichts anfangen, meint Goat-Vorsitzende Becher. Manche vermuten sogar „teuflische Absichten“ der Goaties, erzählt sie schmunzelnd. „Bei den Spiele-Conventions in Gerlas hängt ja unsere Vereinsflagge vor dem Haus. Da kommen öfter Wandergruppen vorbei. Es gab welche, die gesagt haben: Guck mal, da sind die Satanisten.“ Dabei zeigt das Vereinswappen statt eines teuflischen Pentagramms einen 20-seitigen Würfel. „Wir laden die Leute zu uns auf Kaffee und Kuchen ein. Dann können sie sich anschauen, was wir da machen.“ Viele Außenstehende seien aber auch begeistert, dass es so einen Verein in Helmbrechts gebe, wirft der zweite Vorsitzende Dominik Danziger ein.

Als während einer Convention eine Teilnehmerin Geburtstag feierte, sang ihr die Spiele-Gemeinschaft zum Beispiel kurzerhand ein Ständchen auf Klingonisch, der fiktiven Alien-Sprache aus „Star Trek“. Ob man demnach Games of another time als „Nerd-Verein“ bezeichnen kann? „Das sag ich eigentlich selber oft“, meint Danziger und lacht. „Das trifft es eigentlich ganz gut“, bestätigt auch Becher. „Wir wollen aber auch mehr und mehr Menschen erreichen“, sagt Becher. Denn: In jedem stecke ein kleiner Spieler.

Die „Goaties“ lieben und leben ihr Hobby. Da ist es bei einem Grusel-Spiel wie „Betrayal“ auch nicht verwunderlich, dass Danziger in die Rolle des Märchenerzählers schlüpft, als er eine Ereignis-Karte zieht. Mit tiefer, unheilverkündender Stimme liest er vor: „Du hast eine Vision von einem offenen Sarg, in dem du selbst liegst. Führe einen Verstandswurf aus.“ Fast kann man das aufgeregte Herzklopfen der Spieler im Raum hören, als sie die Würfel in die Hand nehmen.

 

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