Wunsiedler zeigen Nazis die Stirn Die Bürger drängt es auf die Straße

Sie rufen zur Teilnahme an den Veranstaltungen von „Wunsiedel ist bunt“ am Samstag auf (von links): Dekan Peter Bauer, Bürgermeister Nicolas Lahovnik, Wilfried Kukla vom Stadtrat und der Kirchengemeinde, Svenja Faßbinder, Christine Lauterbach und Nanne Wienands. Foto: /Matthias Bäumler

Am Samstag zeigen mehrere Gruppen, dass die Stadt nichts mit den Nazis zu tun haben will. Mit zahlreichen Aktionen zeigen sie das wahre Gesicht Wunsiedels.

Wunsiedel - Eines ist klar: Die rechten Marschierer werden ihr Ziel nie erreichen, Wunsiedel als Symbolstadt für ihre menschenverachtende Idee zu vereinnahmen. Längst sind die Neonazis von der Splitterpartei „Der dritte Weg“ mit ihrem Aufmarsch am Vorabend des Volkstrauertages eigentlich eine Randerscheinung – wenngleich sie Unmengen an Polizeikräften bindet. Vor allem für die Menschen im Wunsiedler Osten ist der Umzug derjenigen, die aus der Geschichte nichts gelernt haben, eine Belastung. Das ist die traurige Seite.

Umso mehr freuen sich Svenja Faßbinder und Christine Lauterbach, die Sprecherinnen des Netzwerkes „Wunsiedel ist bunt“ auf der anderen Seite über die riesige Unterstützung, die sie erhalten. Offenbar drängt es viele Wunsiedler und Bürger aus der ganzen Region, am Samstag den Neonazis zu zeigen, dass sie in Wunsiedel nicht willkommen sind. Mit einem großen Programm wollen sie die Stadt so präsentieren, wie sie ist: weltoffen, tolerant und vielfältig.

„Ja, wir gehen zwar auch gegen die Rechtsextremen auf die Straße, aber vor allem doch für unsere demokratischen Werte“, sagt Svenja Faßbinder.

Kundgebung und Andachten:

Gleich mehrere Züge werden sich am Samstag gegen 16 Uhr von allen Ecken in der Stadt zum Marktplatz bewegen. So der der Teilnehmer der Versammlung von „Wunsiedel ist bunt“, die sich vorab zu einer Versammlung am Obelisken an der Ecke Jean-Paul-Straße/Ludwigstraße treffen. Zeitgleich veranstaltet auch das Luisenburg-Gymnasium einen Zug, der vor dem Rathaus endet.

Die katholische und die evangelische Kirchengemeinde feiert jeweils Andachten, um für den Frieden und für Versöhnung in der Welt zu beten. Sie finden ebenfalls jeweils um 16 Uhr in der katholischen Pfarrkirche, in der Friedhofskirche und erstmals am Katharinenberg statt. „An dieser Stelle sind in der Wunsiedler Geschichte die ersten Kriegshandlungen dokumentiert“, begründet Dekan Peter Bauer den Andachtsort. Den Zug zum Marktplatz unterbrechen die Teilnehmer kurz am Kriegerdenkmal in der Marktredwitzer Straße, um hier der Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. „Man sollte nie vergessen und dankbar dafür sein, dass wir in Deutschland seit 75 Jahren keinen Krieg mehr hatten. In früheren Zeiten war dies undenkbar. Fast jede Generation verlor bislang unzählige Frauen und Männer in Kriegen“, so Bauer.

Am Marktplatz:

Der Wunsiedler Widerstand gegen Rechts ist so vielfältig wie die Bürger der Stadt. Dies wird am Samstag gegen 16.30 Uhr am Marktplatz deutlich, wenn sich die unterschiedlichen Gruppen hier treffen. „Die enge Verzahnung von Kirche, Jugend, Stadt und zivilgesellschaftlichen Akteuren ist enorm wichtig, da jeder in seinem Bereich die demokratischen Werte lebt“, sagt denn auch Svenja Faßbinder.

Die Kundgebung vor dem Rathaus beginnt gegen 16.30 Uhr mit einigen Reden, unter anderem von Bürgermeister Nicolas Lahovnik, Vertretern des Netzwerks „Wunsiedel ist bunt“, anderen Akteuren der Zivilgesellschaft und der Gewerkschaften. „Kein Gerede“ steht um 17 Uhr auf der Bühne. Dabei handelt es sich um die Mitglieder der gleichnamigen Band, die den Besuchern einheizen wird. Nach einer guten Dreiviertelstunde wird Zeichner Nils Oskamp kurz sprechen, bevor ab 18 Uhr „The Offenders“ auftreten.

Wie Svenja Faßbinder sagt, stehen zusätzlich am Marktplatz mehrere Essensstände, an denen die Verkäufer unter anderem „braune Wurst“ reichen. Auch das Café International bietet Speisen und warme Getränke an.

Weitere Veranstaltungen

„Eine Mutter kämpft gegen Hitler“, ist der Titel einer Lesung um 19 Uhr in der Evangelischen Stadtkirche Sankt Veit. Irmgard Litten schildert in ihrem gleichnamigen Buch die Leidensgeschichte ihres Sohnes, des Rechtsanwalts Hans Litten. Er hatte Adolf Hitler im Berliner Edenpalast-Prozess von 1931 in den Zeugenstand gerufen. Durch die Fragen des Strafverteidigers in die Enge getrieben, verstrickte sich Hitler unter Eid in Lügen und beschimpfte Litten wütend. Litten musste später auf tragische Weise erfahren, dass Hitler ihm diese Demütigung nie verzieh. Er war einer der ersten, die 1933 in der Nacht des Reichstagsbrandes festgenommen wurden. Nach Jahren der Folter in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern nahm Hans Litten sich am 5. Februar 1938 im Konzentrationslager Dachau das Leben.

Eine interaktive Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ ist am Samstag von 14 bis 18 Uhr im ehemaligen Schlecker-Laden in der Ludwigstraße 33 zu sehen.

Das Juku-Mobil bietet am Samstagnachmittag in der Geschäftsstelle am Marktplatz einen Siebdruck-Workshop für Jugendliche an. Jeder kann T-Shirts oder Pullover mitbringen und nach Gutdünken mit bunten Motiven bedrucken.

Corona-Regeln

Bei der Versammlung am Marktplatz gelten kein G-Status und keine Teilnehmerbegrenzung. Allerdings bitten Svenja Faßbinder und Christine Lauterbach alle Besucher, wenn möglich, Masken zu tragen und einen 1,5-Meter-Abstand einzuhalten. Bei der Lesung von Irmgard Litten in der Stadtkirche gelten die 2 G-Vorschriften (geimpft-genesen).

Für die in Wunsiedel aufgewachsene Svenja Faßbinder war seit Kindertagen der martialische Aufmarsch der Rechtsextremisten in ihrer Stadt einfach nur „bedrückend“. „Daher wollen wir dem ein positives Zeichen entgegensetzten. Jeder soll wissen, bei und kann man sich sicher sein, bei uns herrscht ein gutes Gemeinschaftsgefühl.“ Dies sieht Bürgermeister Nicolas Lahovnik ebenso: „Man spürt, dass in der Bürgerschaft der Wille da ist, für die Demokratie einzutreten. Ich wünsche uns nicht nur einen erfolgreichen Tag, sondern auch Freude dabei, ein starkes Signal an all diejenigen zu senden, die sich in Wunsiedel nicht willkommen fühlen dürfen.“

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