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Das Phänomen der Foodblogs

Die einen veröffentlichen vegane Köstlichkeiten, die anderen die absurdesten Rezepte, die das Netz zu bieten hat: Mit Foodblogs kann man nicht nur auf fremde Teller blicken, sondern auch auf die Gesellschaft.



Salzstangen-Auflauf als Internet-Hit
Salzstangen-Auflauf liegt während der Show von Lukas Diestel und Jonathan Löffelbein auf dem Tisch.   Foto: Christina Storz

Im Scheinwerfer-Licht auf einer Bühne in Berlin-Kreuzberg liegen drei dicke Fleischwürste. In einem Alugrill daneben zerfließt Käse auf Schinken und Salzstangen. Hinter dem Grill steht Lukas Diestel.

Mit Jonathan Löffelbein hat er vor zwei Jahren einen Blog im Internet gegründet, der durch die Decke ging: Auf der Seite namens «Worst of Chefkoch» («Das Schlimmste von Chefkoch») sammeln die beiden Kölner seit Anfang 2017 die absurdesten Gerichte, die die bekannte Online-Rezeptesammlung hergibt. Diese kochen sie nun auch vor Publikum - unter anderem den Salzstangen-Auflauf.

Unappetitlich oder alles hübsch und vegan

Was die beiden auf der Bühne zubereiten, wird gemeinsam mit dem Publikum verköstigt. Besonders das Nutella-Fleischwurst-Käse-Toast - kurz «Nufleika» - kommt an dem Abend in Kreuzberg gut an und erntet einige Lacher, als es auf Papptellern durch die Reihen gereicht wird. Diestel und Löffelbein sind so etwas wie Anti-Foodblogger: Perfekt arrangierte Bilder, wie sie zahlreiche Hobbyköche im Internet veröffentlichen, findet man auf ihrem Blog nicht. Die Idee zu « Worst of Chefkoch » kam den beiden in einer durchzechten Nacht an der Theke. Gut zwei Jahre später haben sie 170.000 Follower.

Den Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder wundert es nicht, dass Menschen Geld für eine Show bezahlen, in der Essen in möglichst unappetitlicher Form zusammengerührt wird. In einer «hypermoralischen Welt» sei das genau das Richtige, glaubt der Wissenschaftler der Universität Regensburg, der zu Ernährungs- und Alltagskultur forscht. «Aus einem Witz über einen Salzstangen-Auflauf, da komme ich unbeschadet wieder raus.» Witze markierten immer das gesellschaftlich Akzeptable. Neben der großen Zahl der Foodblogger, die Rezepte zur Veröffentlichung im Netz kochbuchreif fotografieren und beschreiben, kommt das Nutella-Fleischwurst-Käse-Toast tatsächlich ulkig daher.

Das Gegenteil findet man auf Blogs wie « Zucker&Jagdwurst »: Ein Löffel taucht durch geknacktes Karamell in die darunterliegende Crème brûlée, Zuckerguss läuft über aufeinandergestapelte, gefüllte Croissants: Essen so präsentieren, dass es in sozialen Medien Anklang findet, das können Isabelle Friedrich und Julia Stephan. Fleischwurst? Fehlanzeige. Bei den Berliner Bloggerinnen gibt es - anders als der Name des Blogs vermuten lässt - ausschließlich vegane Rezepte. Gulasch, Burger, alles das geht pflanzlich.

Plattformen einer urbanen Elite

Auch das kommt an. Vor allem bei Frauen zwischen 20 und 35 aus großen Städten, weiß Friedrich. Knapp 11.000 Follower haben die beiden mit der tierfreien Kost auf Instagram. Ernährung habe heute den Stellenwert, den Musik in den 60er Jahren gehabt habe, findet die 24-Jährige. Via Blog und Instagram finden die beiden eine Community: «Über Essen kommuniziert man, was einem wichtig ist.»

Das glaubt auch Hirschfelder. Blogs wie den der beiden Frauen ordnet er einer urbanen Elite zu. Über den Inhalt würden Ideale kommuniziert. «Essen hat eine neue Funktion bekommen», meint der Wissenschaftler. Wenn man in den 60er Jahren über Ernährung gesprochen habe, «dann ging es um das konkrete Essen». Im Digitalzeitalter aber seien Ernährung und Foodblogs zu Bühnen der Selbstdarstellung geworden. Im 20. Jahrhundert habe man sich über die großen gesellschaftlichen Ideologien verordnet, heute geschehe das über Szenen. Dafür seien Blogs das perfekte Biotop, so der Kulturwissenschaftler.

Bei Plattformen wie «Chefkoch.de» ist das anders. Hier gehe es nicht um das Politische, sondern um einfache, preiswerte Rezepte, sagt Hirschfelder. Mit ihrer Show wollen Diestel und Löffelbein die zahlreichen Foodblogs ein wenig durch den Kakao ziehen, die Erfinder von Salzstangen-Auflauf und «Nufleika»-Toast aber keinesfalls: «Es soll ein Lacher dabei rumkommen, mehr nicht», sagt Diestel. In diesem Sinne ist wohl auch das Schlusswort am Ende ihrer Show zu verstehen: «Möge die Küche uns zusammenführen und keine Winde in die Därme treiben.»

Veröffentlicht am:
17. 01. 2019
17:38 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
17. 01. 2019
17:38 Uhr



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