Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Jubiläumsgewinnspiel "75 Jahre Frankenpost"WohnzimmerkunstBlitzerwarnerCoronavirus

 

Nutri-Score nicht nur für «Paradebeispiele»

Ist das Müsli eine Zuckerbombe - und ein anderes gerade nicht? Das sollen Supermarktkunden demnächst leichter erkennen können. Doch wie und wie schnell kommt die künftige Kennzeichnung in die Regale?



Nährwertlogo Nutri-Score
Julia Klöckner, Bundesernährungsministerin, stellt in ihrem Ministerium das neue Nährwertkennzeichen «Nutri-Score» vor.   Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Beim Lebensmittelkauf soll sich bald ein zweiter Blick auf viele Packungen lohnen - auf das neue Nährwertlogo Nutri-Score. Nach langem Streit laufen inzwischen Vorbereitungen für einen Start in deutschen Supermärkten auf breiterer Front.

Doch die Frage ist: Machen bei der freiwilligen Extra-Kennzeichnung für Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten so viele Hersteller mit, dass Kunden wirklich eine neue Vergleichsmöglichkeit bekommen? Die Verbraucherzentralen machen Druck für eine möglichst flächendeckende Nutzung.

Es sei zu begrüßen, dass einzelne Hersteller und Supermarktketten bereits mit gutem Beispiel vorangehen, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, der Deutschen Presse-Agentur. Es wäre aber nicht im Sinne des Erfinders, wenn vor allem Produkte mit günstiger Ernährungsbilanz gekennzeichnet würden. «Ich muss schon wissen, wo ist zu viel Salz, zu viel Fett, zu viel Zucker drin - und nicht nur, was die Paradebeispiele sind.»

Müller rief Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) auf, sich in der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 für eine europaweit verbindliche Kennzeichnung stark zu machen. Nur dann könnten sich Verbraucher wirklich umfassend informieren und es wäre ein wirkungsvoller Beitrag, dass sich Produkt-Rezepturen verändern. «Wir wollen niemandem seine Tiefkühlpizza madig machen. Aber eine Tiefkühlpizza kann mehr oder weniger Fett und Salz beinhalten.»

Klöckner hatte sich nach langem Streit über eine klarere Kennzeichnung auf Nutri-Score festgelegt - und eine Verordnung auf den Weg gebracht, die den Rechtsrahmen für eine freiwillige Nutzung in Deutschland schaffen soll. Voraussichtlich noch im Januar soll sie zur Genehmigung nach Brüssel geschickt werden. In Kraft treten könnte sie dann frühestens im zweiten Halbjahr 2020, wie es vom Ministerium heißt. Klöckner spricht auch schon auf EU-Ebene über das Thema.

Das aus Frankreich stammende Nutri-Score-System bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz auch empfehlenswerte Bestandteile wie Proteine oder Ballaststoffe in eine Gesamtbewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an - auf einer fünfstufigen Skala von «A» auf dunkelgrünem Feld für die günstigste Bilanz über ein gelbes «C» bis zu einem roten «E» für die ungünstigste. Das zutreffende Feld wird hervorgehoben. Das Logo auf der Vorderseite der Packung soll die EU-weit verpflichtende Nährwerttabelle ergänzen, die meist klein gedruckt auf der Rückseite oder noch versteckteren Stellen der Packung steht.

Erste Produkte mit Nutri-Score sind schon in Supermärkten zu kaufen.

Mehrere große Hersteller befürworten das Logo. Einige Handelsketten haben angekündigt, es zumindest für Teile ihrer Eigenmarken einführen zu wollen. In der Branche gibt es aber unterschiedliche Positionen.

Der Lebensmittelverband Deutschland als Spitzenorganisation forderte, für eine erfolgreiche Einführung müssten zum Wohl und zum Schutz von Kunden und Unternehmen «Widersprüche» aufgelöst werden. So lägen derzeit alle Rechte bei der französischen Gesundheitsbehörde. Um sämtliche Ernährungsgewohnheiten in Europa abzubilden, sollte die Hoheit an eine übergeordnete europäische Institution gehen. Nötig seien auch Änderungen bei den Berechnungsgrundlagen. So sollte der günstige Obst- und Gemüseanteil des Nutri-Score nicht nur Raps-, Oliven-, und Walnussöl umfassen, sondern mehr empfohlene Pflanzenöle. Hierfür berücksichtigt werden sollten außerdem auch Kartoffeln.

Verbraucherschützer Müller nannte den Vorstoß ein «relativ billiges Ablenkungsmanöver» und verwies auf die Vorteile des einheitlichen EU-Binnenmarkts. Wenn es unterschiedliche französische, deutsche oder dänische Nutri-Score-Kennzeichnungen gäbe, wäre dies eine Verwirrung für die Verbraucher - und teuer für Lebensmittelhersteller. «Eine solch dämliche Nebelkerze habe ich selten erlebt.» Es sei gut, dass die Franzosen als Erfinder gesagt hätten, bei einer EU-Einführung würden auch Algorithmus und Herleitung europäisch entschieden.

Das Ministerium erläuterte, nach einer entsprechenden Beurteilung des bundeseigenen Max-Rubner-Forschungsinstituts sehe es derzeit keinen «akuten Optimierungsbedarf» bei der Berechnungsmethode. Begründete und sinnvolle Anpassungen seien aber auch nicht ausgeschlossen. In einem Begleitgremium von Staaten mit Interesse am Nutri-Score, das über Vorschläge berät, sollen künftig auch deutsche Wissenschaftler mitmachen. Mögliche Änderungen der Berechnungsmethode dürften aber das Gesamtkonzept des Nutri-Scores nicht gefährden - aus politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen seien sie damit ausgeschlossen.

Veröffentlicht am:
03. 01. 2020
10:59 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
CDU Deutsche Presseagentur Deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler EU-Ratspräsidenten Gesundheitsbehörden Julia Klöckner Klaus Müller Kunden Lebensmittelkauf Müsli Produktionsunternehmen und Zulieferer Verbraucherschützer Zucker
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Joghurt

07.01.2019

Neuer Anlauf für eine Fünf-Farben-Ampel auf dem Joghurt

Sollten klarere Symbole auf Lebensmittel-Packungen kommen, damit Kunden «Dickmacher» leichter erkennen können? Nach langem Streit stehen 2019 politische Klärungen dazu an - und auch erste Premieren. » mehr

Das neue Nährwert-Logo

30.09.2019

Favoritensieg beim Nährwert-Logo

Es ging um eine Art Frieden nach jahrelangem Streit: Muss für viele Lebensmittel eine extra Nährwertkennzeichnung kommen? Und wie soll die dann aussehen? Am Ende ist das Ergebnis klar und eindeutig. » mehr

Orangen bei Edeka

27.01.2020

Ein essbarer Überzug soll Früchte frisch halten

Lange galten Plastikverpackungen als beste Möglichkeit, Obst und Gemüse vor dem Verderben zu bewahren. Doch jetzt testen Edeka und Rewe einen anderen Weg. Statt Kunststoff soll eine aufgespritzte, essbare Schutzschicht d... » mehr

Streit um Lebensmittelpreise

03.02.2020

Zwei Kilo Hähnchen für 3,99 Euro

Beim Einkauf wollen oder müssen viele Verbraucher auf den Preis achten. Auch Lebensmittelhändler werben deshalb oft mit Tiefpreisen. Doch welche Folgen hat das, zum Beispiel für die Landwirte? » mehr

Frisch gebacken

11.12.2019

Das italienische Weihnachtsbackwerk Panettone boomt

Zu Weihnachten stapelt er sich auch in vielen deutschen Supermärkten und Feinkostläden: Der italienische Festtagskuchen Panettone ist auf internationalem Siegeszug. In seiner Heimat hat man aber durchaus etwas gegen den ... » mehr

Internetseite «Topf Secret»

20.01.2020

Plattform bringt Lebensmittelkontrollberichte ins Netz

Dreht der Dönerladen um die Ecke mir Gammelfleisch an? Arbeitet mein Lieblingsitaliener sauber? Solche Fragen können Verbraucher mit Hilfe der Internetplattform «Topf Secret» beantwortet bekommen. Doch die Aktion schmeck... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
03. 01. 2020
10:59 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.