Lade Login-Box.
Corona Ticker
Topthemen: CoronavirusWohnzimmerkunstBlitzerwarnerHof-GalerieKommunalwahl 2020

 

Haben Videospiele für Senioren einen therapeutischen Effekt?

In der virtuellen Welt gelingen ihnen Dinge, die in der Realität nicht mehr klappen: Kegeln, Tanzen, Motorradfahren. Videospiele können positive Effekte auf die Gesundheit von Senioren haben. Ein bundesweites Projekt soll das jetzt wissenschaftlich belegen.



Mit Videospielen beweglich bleiben
Ingelore Leppin, Bewohnerin im Alten- und Pflegeheim Heinemanhof, fährt mit der speziell für Ältere entwickelte Spielekonsole «MemoreBox» auf einem Motorrad.   Foto: Hauke-Christian Dittrich

Neben dem gemeinsamen Singen oder Kochen steht in vielen Pflegeheimen künftig Zocken an der Konsole auf dem Wochenplan. Speziell für ältere Menschen entwickelte Videospiele sollen Gedächtnis, Lebensfreude und Beweglichkeit fördern.

Am Donnerstag wurde die Spielekonsole « MemoreBox » eines Hamburger Start-up-Unternehmens in Hannover vorgestellt. Sie wird nach einer Testphase in Hamburg und Berlin jetzt bundesweit in 100 Senioreneinrichtungen eingeführt. Die Krankenkasse Barmer finanziert die Geräte sowie die weitere wissenschaftliche Evaluation.

Videospiele für Senioren

Ingelore Leppin probiert an diesem Morgen gleich mehrere Games aus: Sonntagsfahrt, Kegeln und Tischtennis. In ihrem Rollstuhl sitzt die 65-Jährige vor der Leinwand, auf der zu sehen ist, wie ein Motorrad über die Autobahn rollt. Sie lehnt sich zur Seite, um die Kurven zu kriegen und muss sich nebenbei noch das zu Beginn durchgesagte Ziel und den Fahrtweg merken. Die Spielcharaktere werden gesteuert, indem Kameras die Gesten und Bewegungen des Spielers erfassen.

«Es macht riesig Spaß, und man muss sich konzentrieren», sagt die Bewohnerin des städtischen Pflegeheims Heinemannhof nach ihrer «Ankunft» am Heidelberger Schloss. Toll sei, dass die Videospiele auch bei körperlichen Einschränkungen funktionierten. Berührungsängste zur Technik kennt sie nicht. Leppin hat Smartphone und Laptop und liebt digitale Kartenspiele.

Eine wachsende Zielgruppe

Für die gesamte Games-Branche sind Senioren eine wachsende Zielgruppe. 9,5 Millionen Über-50-Jährige zocken inzwischen nach Angaben des Verbandes Game. Auch sogenannte Health Games mit therapeutischem Ansatz sind zunehmend ein Thema.

Die «MemoreBox» sei in Europa nicht das erste Projekt seiner Art, sagte Clemens Becker von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) der Deutschen Presse-Agentur. In Pflegeheimen in den Niederlanden seien Spiele der Firma SilverFit breit etabliert. «Man kann damit nicht Physiotherapie ersetzen», betonte der Experte aus Stuttgart. Studien hätten erwiesen, dass Senioren beim Videospielen doppelt so lange üben. Für die Arme sei dies toll, im Stehen gebe es allerdings eine Sturzgefahr, gab der Mediziner zu bedenken.

Auswirkungen auf geistige Veränderungen und Lebenszufriedenheit

Drei Mal in der Woche werden in den 100 von der Barmer ausgesuchten Heimen Senioren mit der «MemoreBox» zocken. Forscher der Berliner Humboldt-Universität kontrollieren regelmäßig mögliche körperliche und geistige Veränderungen sowie ihre Lebenszufriedenheit.

Im Angebot der Konsole sind auch Singen und Tanzen - etwa zu Helene Fischers Hit «Atemlos». Die Spiele sind auch zu zweit und in der Gruppe möglich. Bernhard Pischels Augen strahlen, nachdem er Schultern und - so gut es ging - auch die Hüften geschwungen hat. «Ich habe früher viel getanzt und spiele Mundharmonika und Gitarre», erzählte der 83 Jahre alte Heimbewohner aus Hannover, der sich nur langsam mit seinem Rollator fortbewegen kann.

Chancen für die Pflege

Welche Chancen bietet die Digitalisierung für die Pflege? Viele Einrichtungen experimentieren. In Köln etwa hat das Caritas-Altenzentrum St. Maternus eine Virtual-Reality-Brille angeschafft, die bei der Biografie-Arbeit mit Demenzkranken helfen soll. So kann eine Bewohnerin beispielsweise virtuell in ihre Heimat Bayern eintauchen. Smart Speaker, also mitdenkende Lautsprecher, können an Arzttermine oder Medikamenteneinnahme erinnern.

Die Firma RetroBrain, die 2016 die «MemoreBox» auf den Markt gebracht hat, sieht laut Manager Jan Brandis auch Einsatzmöglichkeiten in geriatrischen Abteilungen von Krankenhäusern, der Psychiatrie oder Behindertenwerkstätten. Die Games weckten den Spieltrieb, der in jedem steckt, sagte er. Es gehe nicht ums Gewinnen. «Das Schöne ist, man kann hier nichts falsch machen und wird gelobt.»

Veröffentlicht am:
11. 03. 2019
18:02 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Barmer Ersatzkasse Deutsche Presseagentur Gesund im Alter Humboldt-Universität Kegeln Konsolen Kundenkreise und Zielgruppen Leppin Motorradfahren Pflegeheime Tanz und Ballett Videospiele
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Tanzspiel vor der Spielkonsole

23.07.2019

Warum jetzt auch in Seniorenheimen gezockt wird

Videospiele machen Spaß, doch als gesundheitsfördernd gelten sie kaum. Das Projekt einer Krankenkasse könnte das ändern: Hessische Seniorenheime testen nun den Einsatz von therapeutischen Videospielen. » mehr

Betreutes Wohnen

29.01.2020

Krankenkasse sieht Mängel bei betreutem Wohnen

Weniger Arztbesuche, mehr Krankenhausaufenthalte: Laut der Barmer in Sachsen muss die Versorgung im betreuten Wohnen verbessert werden. Dafür seien Kontrollen und Transparenz nötig. » mehr

Therapeutische Videospiele

26.11.2018

Pflegebedürftige sollen mit Videospielen fit bleiben

Im Rollstuhl und sogar im Bett können Pflegebedürftige mit speziellen Videospielen Spaß haben und Gedächtnis und Beweglichkeit trainieren. Bundesweit machen 100 Pflegeeinrichtungen an diesem Pilotprojekt mit, das jetzt i... » mehr

Berlin

19.03.2020

Coronavirus als Stresstest: Hält der Generationenvertrag?

Individualismus, Hedonismus, Egoismus. Was Sozialforscher als Zeichen der Zeit sehen, sind schlechte Antworten auf die Coronakrise. Hält der Gesellschaftsvertrag, wenn öffentliches und privates Leben Kopf stehen? » mehr

Gut versorgt

30.03.2020

Angehörige müssen sich auf Pflegeheim verlassen

Die Corona-Gefahr ist für Alte und Kranke am größten - Bewohner von Pflegeheimen brauchen daher besonderen Schutz. Doch woran sehe ich, ob das klappt? Die Antwort ist ernüchternd. » mehr

Pflegeheim

01.11.2019

Pflegeheim-Besichtigung am besten mit Zeit und Notizen

Was gibt es zu essen? Gibt es ein Therapieheim? Was bietet die Umgebung? Was bringt der neue Pflege-TÜV? Fragen über Fragen, die es bei der Wahl eines Pflegeheims zu klären gibt. Wichtig dabei: Nicht hetzen lassen! » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
11. 03. 2019
18:02 Uhr



^