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Antiautoritäre Kinderläden: 68er-Erziehung heute Mainstream

Mit Erwachsenen diskutieren und selbstbewusst die eigenen Bedürfnisse äußern: Was im Zuge der 1968er Bewegung als revolutionärer Ansatz in antiautoritären Kinderläden gelebt wurde, ist heute bildungspolitischer Mainstream. Bis auf die Sache mit der Sexualität.



Kind mit Ast in der Hand
Kinder sollen beim Toben frei sein ihrer Wahl des Spielzeugs. Das ist ein Baustein des Kinderladen-Konzepts.   Foto: Frank Rumpenhorst » zu den Bildern

Der vierjährige Moritz klettert geschickt ein großes Holzregal bis unter die Zimmerdecke hinauf. Draußen haben Kinder beschlossen, ein Hotel zu bauen und buddeln in einem Erdhaufen.

Zwei Mädchen sitzen auf dem Boden und sind in ein Bilderbuch vertieft. Die Erzieher beobachten alles gelassen und greifen, wenn, auf Nachfrage oder assistierend ein. «In einer «antiautoritären» Beziehung zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern sollte eine repressionsfreie Atmosphäre entstehen, in der Kinder mit ihren Ideen und Kompetenzen wert geschätzt werden und freie Entwicklung möglich wird», steht noch heute im Konzept der Frankfurter Kinderschule . Formuliert haben es Ende der 1960er Eltern um Monika Seifert, die als Mitbegründerin der Kinderladen-Bewegung gilt.

Während die Ideen damals in breiten Bevölkerungsschichten noch Entsetzen auslösten, sind sie heute allgemein in der Pädagogenausbildung und in den Bildungsplänen der Bundesländer angekommen. Kinder in einer Einrichtung betreuen zu lassen ist sozial akzeptiert und wird sogar positiv bewertet. Für Experten ist das ein großer Verdienst der Frauen der 1968er Bewegung, der lange kaum wahrgenommen wurde.

«Kindliche Selbstbestimmung, Gewaltfreiheit und ein Verhandlungsstil in der Erziehung haben sich heute auf breiter Linie durchgesetzt. Das sind Ideen, die auch aus den Kinderläden kommen», sagt die Erziehungswissenschaftlerin Meike Baader, die viel zum Thema geforscht hat. Ehemalige Akteurinnen saßen später in den Institutionen und hätten den Wandel mit gestaltet.

Etwa zeitgleich hatten sich um 1967 in Frankfurt und Berlin Frauen zusammengetan, um alternative Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu schaffen. Dabei ging es anfangs noch chaotisch zu - statt über das wie definierten sich die verschiedenen Gruppen oft durch das wogegen. «Man wollte die Kinder anders erziehen als man selbst erzogen wurde», sagt Baader.

Die eine Erziehung der 68er gebe es nicht: «Es gibt verschiedene Stränge, es gibt verschiedene Richtungen.» Während die einen Elterngruppen demokratisch ausgerichtet waren, setzten andere eher einen psychoanalytischen oder sozialistischen Schwerpunkt. Alle einte die Ablehnung eines aus der NS-Zeit stammenden autoritären und starren Erziehungsstils zu einer Gefühls- und Bindungslosigkeit. Der in vielen Kindergärten immer noch Alltag war.

Anschaulich stellt die Dokumentation « Erziehung zum Ungehorsam » (1969) von Gerhard Bott die Unterschiede gegenüber: Im Kindergarten müssen Kinder in Reih und Glied aufgereiht Mittagsschlaf halten. Hände über der Decke, wer den Kopf bewegt wird streng ermahnt. Im neuen Kinderladen stehen sie auf dem Tisch, werfen alles Besteck in den Topf und wundern sich dann, dass sie ihre Suppe nicht essen können. «Diese Kinder können nicht mehr ungehorsam sein, weil niemand Gehorsam von ihnen fordert», heißt es im Film.

Kunstpädagogin Angela Contessi, Erzieherin in der Frankfurter Kinderschule, fand in alten Unterlagen Protokolle, die diskutierten, wer die von den Kindern verbrannten Gummistiefel der Erzieher zu ersetzen habe. «Es war teilweise schon extrem», sagt sie. Heute dürften die Kinder auch Feuer machen, aber in einer Feuerschale und unter Aufsicht. «Kinder dürfen immer noch sehr viel machen, aber es gibt Regeln.» Besonders wenn es andere einschränke oder die Kinder gefährde, setzen die Betreuer Grenzen. Ein Junge, der in den Garten pinkelte und den Siphon mit Sand verstopfte, durfte das nächste Mal nur mit einem Erwachsenen rausgehen. Das «Laissez-faire»-Prinzip werde heute nicht mehr gelebt.

Auch für die Forscherin Baader wurden im Umgang mit kindlicher Aggression und mit der Sexualität teils Grenzen überschritten. Kinder seien zwar sexuelle Wesen, der Aspekt sei aber vielerorts überbetont worden: «Da geht es um die Projektionen der Erwachsenen. Das hat mit den Bedürfnissen der Kinder nicht so viel zu tun.» Die 68er-Bewegung könne nicht für Missbrauchsfälle wie in der Odenwaldschule verantwortlich gemacht werden. Die Überbetonung der Sexualität habe es aber Tätern leicht gemacht, sich Rechtfertigungen zu schaffen. «Eine Grenze ist, den Kindern sexuelle Bedürfnisse zu unterstellen, die die Erwachsenen dann befriedigen.»

Während man bei vielen Erziehungsfragen heute einen entspannten Mittelweg gefunden hat, sprechen Experten bei der Sexualität von einer «Retabuisierung». «Bei uns dürfen Kinder nackt sein, aber sie wollen nicht mehr nackt sein, weil sie mitbekommen, dass das gesellschaftlich nicht erwünscht ist», sagt Erzieherin Contessi. Sie suchten auch weniger körperliche Nähe. Die Wissenschaftlerin beobachtet selbst bei ihren Studenten eine neue Schamhaftigkeit: «Es ist nicht leichter geworden, über Sexualität zu sprechen.»

Autor

Von Miriam Bandar (Text) und Frank Rumpenhorst (Foto)
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
07. 05. 2018
13:39 Uhr

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Von Miriam Bandar (Text) und Frank Rumpenhorst (Foto)

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07. 05. 2018
13:39 Uhr



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