Topthemen: Fall Peggy KnoblochHofer Kaufhof wird HotelGerchRegionale Videos: Kellerwetter, Tiny House

 

Wenn Eltern um einen Schulplatz kämpfen

Eltern haben das Recht, die Schule für ihr Kind frei zu wählen. Doch wenn die Wunschschule mehr Anmeldungen als Plätze hat, hagelt es Absagen. Nicht immer geht es bei den Auswahlverfahren mit rechten Dingen zu, hat jetzt das oberste Verwaltungsgericht in NRW gerügt.



Schüler
Welches Kind wird an der Wunschschule angenommen? Die Anmeldeverfahren sind nicht immer transparent. Das zeigt ein Urteil aus NRW.   Foto: Marius Becker

Wie viele seiner Freunde hatte er ab der fünften Klasse auf die Gesamtschule in der Nachbarstadt gehen wollen, erzählt sein Anwalt Dirk Speker. Doch weil es deutlich mehr Bewerber als Schulplätze gab, wurde er abgelehnt - wie Dutzende an der Wunschschule.

Seine Mutter zog gegen die Ablehnung vor Gericht und hat mit der Entscheidung der obersten nordrhein-westfälischen Verwaltungsrichter eine neue Chance für ihren Sohn erstritten, doch noch die gewünschte Schule zu besuchen.

Der Grund: Die Richter hatten erhebliche Zweifel, dass das Anmeldeverfahren an der Schule in Heiligenhaus im Kreis Mettmann sauber abgelaufen ist. Die deutlich geäußerte Kritik der Richter an fehlender Transparenz in den Verfahren ist auch als Botschaft zu verstehen an alle Schulen und Eltern im Land, die sich in diesen Wochen mit genau jenem Thema beschäftigen.

Denn wenn Anfang Februar die Viertklässler ihre Halbjahreszeugnisse in den Händen halten, gehen sie los: Die Anmeldeverfahren zu den weiterführenden Schulen. Und je nach Region, Stadt und Wunschschule beginnt damit auch ein Verteilungskampf.

Angebot und Nachfrage passen vor allem bei Gesamtschulen, aber auch bei einigen städtischen Gymnasien mit besonders gutem Ruf nicht immer übereinander, heißt es bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW. «Es ist die große Offenheit und Durchlässigkeit dieser Schulform, die Eltern reizt», sagt deren Vorsitzende Dorothea Schäfer. Außerdem seien fast alle Gesamtschulen im Land als gebundener Ganztag organisiert - für viele berufstätige Eltern schlagendes Argument für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch im kommenden Jahr rechnet sie in Nordrhein-Westfalen wieder mit einen Run auf die in manchen Städten und Regionen raren Plätze.

Tränen und Enttäuschung bei einer Ablehnung kennt auch Christian Birnbaum, Anwalt für Schulrecht und Experte für Schulplatzklagen. Weit über hundert solcher Fälle hat er in den vergangenen Jahren durchgefochten. «Es gibt Eltern, die glauben, dass mit einer Absage die Laufbahn ihrer Kinder ein für alle mal verbaut ist», erklärt er die Motivation seiner Mandanten. Andere fühlten sich ungerecht behandelt, wenn etwa alle Nachbarskinder einen Platz haben und sie leer ausgehen.

Der Gesetzgeber sieht in einer Verordnung mehrere Kriterien vor, nach der die Schulleitung auswählen kann: Besuchen beispielsweise Geschwister schon die Schule? Gibt es ein ausgewogenes Geschlechter-Verhältnis sowie zwischen guten und schlechten Schülern?

Ein Problem sieht Anwalt Birnbaum vor allem in der gängigen und ebenfalls erlaubten Praxis, das Los mitentscheiden zu lassen. «Da wird regelmäßig gemauschelt. Schulleiter bekommen so die Möglichkeit, ihre Wunschkandidaten unterzubringen - zu Lasten anderer abgelehnter Schüler», glaubt er.

Auch in Heiligenhaus bemängeln die Richter Fehler im Losverfahren: Hier seien in den vergangenen Jahren regelmäßig ortsansässige Schüler bevorzugt worden, obwohl Schüler jenseits der Stadtgrenzen die gleiche Chance auf einen Gesamtschulplatz haben müssen. Den Richtern war aufgefallen, dass ausgerechnet in dem Jahrgang, in dem eine andere Person das Auswahlverfahren an der Schule geleitet hatte, der Anteil der Schüler aus Heiligenhaus und solchen aus den Nachbarstädten ausgewogen war und zur Zahl der Bewerbungen passte. Auch bei anderen Kriterien sei die Schulleitung nicht konsequent vorgegangen. «Wir haben deutliche Zweifel, dass hier alles mit rechten Dingen zugegangen ist», sagte der Vorsitzende Richter mit Blick auf die Auswahlverfahren der anderen Jahre.

Vertreter der Schule und der beklagten Bezirksregierung Düsseldorf waren nicht zur Verhandlung gekommen. Sie hatten im Verfahren schriftlich zu Protokoll gegeben, die Unterstellung, die Schulleitung habe sich zu Unregelmäßigkeiten hinreißen lassen, sei abwegig.

Die Richter haben noch einen weiteren Kritikpunkt: Zwar gibt es klare Kriterien, nach denen Schulleitungen ihre Auswahl gestalten. Doch wenn überprüft werden soll, ob sie eingehalten wurden, mauern die Behörden oft. So habe die Bezirksregierung Düsseldorf bisher Schülerdaten mit dem Verweis auf Datenschutz unzulässigerweise zurückgehalten. Nur könne so kein Gericht überprüfen, wie etwa das geforderte ausgeglichene Verhältnis von leistungsstarken oder leistungsschwachen Schülern hergestellt wurde. «Schulaufnahmeverfahren müssten deutlich transparenter gestaltet werden», betonte vor diesem Hintergrund auch der Vorsitzende Richter.

Veröffentlicht am:
24. 01. 2019
13:12 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Dorothea Schäfer Eltern Gesamtschulen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Halbjahreszeugnisse Kreis Mettmann Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte Regierungspräsidien Schulleitungen Schulrecht Schüler Verwaltungsrichter Vorsitzende von Organisationen und Einrichtungen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Kind mit Schulranzen

05.03.2018

Das Geschäft mit den Schulranzen

Die Eltern gingen noch mit Ledertasche oder Einheitsmodell aus Stoff und Pappe in die Schule, auf die Kinder wartet heute die bunte Markenwelt: Schulranzen locken mit Extras, vielen Designs und Einkaufserlebnissen. Ärzte... » mehr

Roboter fürs Klassenzimmer

12.03.2018

Mit Robotern zurück ins Klassenzimmer

Wenn Kinder schwer krank sind, ist ein normaler Schulalltag oft nicht mehr möglich. Mithilfe von Robotern können einige wieder am Unterricht teilnehmen. Die Avatare sollen nun auch deutsche Klassenzimmer bevölkern. » mehr

Lernprogramme für Schüler

23.01.2017

Digitale Materialien drängen in Schulen

Noch liegen Laptop, Tablet oder Smartphone an vielen Schulen nicht gleichberechtigt neben Zirkel und Geodreieck. Das ändert sich zunehmend. Wer aber erstellt die Inhalte für die digitalen Medien? » mehr

"Tausche Bildung für Wohnen"

19.10.2018

Eine ungewöhnliche Tauschbörse macht Schule

Ein benachteiligtes Kind fördern, dafür mietfrei wohnen: Ein Sozialprojekt sorgt über die Grenzen eines Brennpunktviertels im Ruhrgebiet hinaus für Aufsehen. Gerade ist es mit einem Bundespreis geehrt worden - nun expand... » mehr

Leben rund um die Enkel

19.02.2019

Wie Großeltern ihre Rolle finden

Bester Freund? Erzieher? Spielkamerad? Für frischgebackene Großeltern ist es nicht immer einfach, auf Anhieb eine Rolle zu finden. Wichtig ist vor allem, das Dasein als Oma oder Opa zu genießen - und die Eltern nicht zu ... » mehr

Heimunterricht

06.02.2019

Kinder, die nicht zur Schule gehen

Kinder in Deutschland müssen zur Schule. Aber was, wenn nicht? Eine Familie aus Potsdam weigert sich. Sie erzählt von ihrem Kampf gegen die Behörden, ihrem Alltag und der Angst. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
24. 01. 2019
13:12 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".