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Kinder, die nicht zur Schule gehen

Kinder in Deutschland müssen zur Schule. Aber was, wenn nicht? Eine Familie aus Potsdam weigert sich. Sie erzählt von ihrem Kampf gegen die Behörden, ihrem Alltag und der Angst.



Heimunterricht
Familie Schickhoff zählt sich zu den Freilernern - der freisten Art Heimunterricht.   Foto: Carsten Koall

Bei Familie Schickhoff ist das ganze Jahr ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, und Schule gibt es nicht. Den Baum haben die Kinder auf die gelben Wände gemalt. Auf einem Regal stehen Schulbücher - meist aber unberührt. Die Kinder lernen seit knapp drei Jahren ohne sie zu Hause.

Damals fragten die Eltern, ob sie weiter zur Schule gehen wollten. «Nein», sagten drei der vier sofort. «Die Schule war langweilig», sagt die inzwischen zehnjährige Dori. Ihr eineinhalb Jahre älterer Bruder Caje wurde auf einer Waldorfschule gemobbt, auch die damals 17-jährige Autistin Anni fühlte sich unwohl.

Gegen die Schulpflicht

Mutter Angela sagt: «Wenn Erwachsene ihren Job nicht mögen, kündigen sie. Warum wird Kindern dieses Recht vorenthalten?» Die damals 16-jährige Betty schmiss die Schule ein halbes Jahr später. Sie wollte nicht als einzige früh aufstehen.

Damit macht sich die Potsdamer Familie strafbar. In Deutschland gilt Schulpflicht - seit hundert Jahren. Ausnahmen gibt es nur für Diplomaten- oder Schaustellerkinder und manchmal auch für kranke Kinder. Die Behörden können gegen Schulverweigerer Bußgelder verhängen, den Eltern das Sorgerecht entziehen oder sie - in einigen Ländern - sogar ins Gefängnis stecken. Die Schule sei wichtig, da Kinder dort Wissen vermittelt bekämen und lernten, wie man sich in der Gesellschaft mit Andersdenkenden verhält, urteilte das Bundesverfassungsgericht 2006 - maßgebend für alle anderen Gerichte.

Heimunterricht-Familien in Deutschland

Die Schickhoffs überlegten sich, in einen Staat auszuwandern, der Heimunterricht erlaubt. Tochter Betty war dagegen. Nach langem Hin und Her traf die Familie ihre Entscheidung: Widerstand gegen das Gesetz. Die Eltern nennen das zivilen Ungehorsam. Sie meldeten es dem Jugendamt, wie Angela Schickhoff sagt: «Natürlich hatten wir Angst, unsere Kinder zu verlieren. Aber wir hofften, die Behörden erkennen, dass es ihnen auch ohne Schule gut geht.»

Die Kultusministerkonferenz schätzt, dass es bundesweit rund 500 bis 1000 Heimunterricht-Familien gibt. Einige Eltern haben ähnliche Motive wie die Schickhoffs, sie wollen die Kinder vor Mobbing schützen oder finden, Lehrpläne und Noten schränkten zu sehr ein. Und für streng-religiöse Familien widerspricht etwa der Sexualkunde- oder Biounterricht der Weltanschauung. Viele tauchen unter, melden ihren Wohnsitz ab, leben illegal weiter in Deutschland. Andere reisen viel, leben im Wohnwagen oder wandern aus, heißt es bei der Freilerner-Solidargemeinschaft.

Doch auch in vielen anderen Ländern geht es nicht ganz ohne staatliche Aufsicht. So ist zum Beispiel in mehreren Kantonen der Schweiz Heimunterricht erlaubt, Kinder müssen aber nachprüfbar Lernziele erreichen. Statt Schulpflicht gilt Bildungspflicht.

Sorgerecht in Gefahr

Die Schickhoffs erhalten inzwischen immer wieder Besuch vom Jugendamt. Auch vor Gericht mussten sie erscheinen. Die Schulbehörde verhängte nach Angaben der Familie Zwangsgelder in Höhe von mehreren tausend Euro. Aber die Schickhoffs zahlten nicht und wandelten ihre Konten in Pfändungsschutzkonten um, um den Zugriff des Staates zu verhindern.

Ihr Sorgerecht steht auf dem Spiel. «Immer wenn Briefe kommen, kommt Angst auf», sagte die 48 Jahre alte Mutter. «Aber wir lassen nicht zu, dass sie uns trennen.» Tochter Dori sagt über die Ämter: «Die meinen, wir machen nur Ferien, aber wir lernen ja immer etwas.»

Im Alltag lernen

Die Schickhoffs sind Freilerner - die freiste Art Heimunterricht. «Kinder lernen nur, wenn sie etwas interessiert», erläutert Mutter Angela. «In der Schule vergessen sie nach den Prüfungen meist alles wieder.» Die Schickhoff-Kinder lernen nun, was und wann sie wollen. Auch Spielen ist für sie Lernen. Die Eltern zwingen Caje und Dori zurzeit nur zu einer Sache - ab und zu Schreibschrift üben. «Das ist wichtig und ihnen nicht so bewusst», sagt die Mutter. «Alles andere lernen sie von selbst, wenn sie es brauchen - mal früher, mal später als andere Kinder.»

Caje etwa lernte lesen, weil er Anleitungen für seine vielen Computerspiele verstehen wollte. Jetzt informiert sich der schüchterne Junge ab und zu über das Sonnensystem, weil er Star Wars mag. Seine jüngere aufgeweckte Schwester übt gerade Keyboard. Sie liest Fantasy-Romane und lernt mit Youtube-Filmen Englisch.

Mama oder Papa sind für die Kinder immer ansprechbar, die Kinder können Fragen stellen. Mit Besuchen etwa in Bibliotheken oder Werkstätten versuchen die Eltern, den Kindern Anreize zum Lernen zu bieten. In der Werkstatt zum Beispiel konnten ihre Kinder Roboter bauen. Beim Einkaufen zählen sie Münzen und lernen so Alltags-Mathe. Das ist möglich, weil die Eltern Teilzeit arbeiten - als Betreuerin in einem Flüchtlingsheim und als Schlossführer.

Fehlende Studien

Wissenschaftler sind uneins, ob Heimunterricht oder Freilernen gut oder schlecht für Kinder ist. Aussagekräftige Langzeitstudien gibt es kaum, sagt der Soziologe Thomas Spiegler von der Theologischen Hochschule Friedensau. Der deutsche Lehrerverband ist kritisch. Präsident Heinz-Peter Meidinger sagt: «Ich habe auch schon einige Kinder kennen gelernt, die keine Schule besuchten und von den Eltern unterrichtet wurden. Die hatten oft keine Leistungsprobleme, aber häufig Schwierigkeiten, sich richtig einzuschätzen, mit Kritik von anderen umzugehen und sich auf andere Jugendliche einzustellen.»

Familie Schickhoff bezweifelt das. Oft kommen ehemalige Schulfreunde der Kinder zu Besuch. Dori und Caje können sich aber nicht mehr vorstellen, wieder jeden Tag zur Schule zu gehen. Betty will sich politisch gegen die Schulpflicht einsetzen. Und die 20-jährige Anni möchte ihr Abitur nachholen und Physik studieren: «Aber die Schule gefällt mir immer noch nicht.»

Veröffentlicht am:
06. 02. 2019
10:39 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
06. 02. 2019
10:39 Uhr



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