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In den Großstädten gibt es weniger Platz zum Spielen

Langes Warten an Rutsche und Schaukel - auf Spielplätzen müssen sich Kinder oft in Geduld üben. Vor allem in Großstädten wird der Platz immer knapper. Kinder und Eltern erobern sich deshalb zunehmend die Straßen zurück.



Spielplatz in Hamburg
Ist in der Stadt kaum noch Platz für Kinder? Weil Metropolen ihre Innenstadtbezirke verdichten, gibt es vielerorts weniger Flächen zum Spielen.   Foto: Markus Scholz

Mal eben schnell schaukeln oder rutschen - auf Spielplätzen in Großstädten wie Berlin, München oder Hamburg können diese kleinen Vergnügen zur Geduldsprobe für Kinder werden. Denn oft heißt es: Schlangestehen.

In den Metropolen wird der Platz für Spielflächen immer knapper. «Vor allem in den verdichteten Innenstadtbezirken ist die Lage prekär. In Zeiten des zunehmenden Wohnungsneubaus müssen wir schauen, dass noch Platz für die Kinder bleibt», sagt Claudia Neumann vom Deutschen Kinderhilfswerk. Spielplätze seien oftmals die letzten Refugien für Kinderspiele.

Wie viel Spielfläche brauchen Kinder?

In Berlin beispielsweise ist die durchschnittliche Spielfläche je Einwohner seit dem Jahr 2000 von 0,8 auf 0,6 Quadratmeter gesunken. Anfang der 1990er lag der Wert im Westteil der Stadt noch bei durchschnittlich 1,3 Quadratmetern. Laut Spielplatzgesetz von 1979 soll es mindestens ein Quadratmeter sein. Heute fehlen also 40 Prozent Spielplatzfläche in der Hauptstadt.

«Berlin ist das einzige Bundesland mit einem Spielplatzgesetz», sagt Claudia Neumann. Daher gebe es dort auch Zahlen. «Bundesweit vergleichbare Werte liegen aber leider nicht vor.» Das bestätigt auch das Statistische Bundesamt in Wiesbaden.

«Man kann nicht alle Städte und Gemeinden über einen Kamm scheren, aber insgesamt sind die Spielplätze ein Problem», konstatiert Neumann. «Auch auf dem Land ist nicht überall Bullerbü, auch dort gibt es nicht überall Platz zum Spielen».

Der langjährige Spielplatzdesigner Günter Beltzig aus Hohenwart in Bayern gibt ebenfalls zu bedenken: «Das geht in die Katastrophe. Wir haben in der Stadt keinen Platz mehr für Kinder. Wenn wir überlegen, wie viel wir für Autos haben: Pro Pkw brauchen wir etwa zehn Quadratmeter.»

Muss es immer ein Spielplatz sein?

Und obwohl Beltzig seit Jahrzehnten Spielplätze entwirft, bräuchte es die aus seiner Sicht nicht mal: «Kinder spielen überall, jederzeit mit allem. Wir Erwachsenen brauchen die Spielplätze, weil wir die Kinder nicht jederzeit und überall mit allem spielen lassen wollen, weil wir uns von den Kindern gestört fühlen.»

Eine Möglichkeit, Kindern mehr Raum zum Spielen zu geben, ohne viel Geld auszugeben, sind aus seiner Sicht Schulhöfe: «Beim Spielen werden Kreativität, Spontaneität und Hilfsbereitschaft trainiert, das lernt man nicht in der Schule, aber auf dem Pausenhof.» Er schlägt daher eine Spielstunde pro Tag auf Schulhöfen vor.

Neben dem Platzproblem gibt es ein Geldproblem: «Die vor 15 bis 20 Jahren aufwendig gestalteten kommunalen Spielplätze sind heute zum Teil erheblich sanierungsbedürftig. Immer mehr Kommunen sehen sich nicht mehr in der Lage, die finanziellen Mittel für eine Sanierung und Neugestaltung aufzubringen», berichtet die Jugendreferatsleiterin vom Deutschen Städte- und Gemeindebund, Ursula Krickl.

Neumann vom Kinderhilfswerk empfiehlt, aus maroden Spielplätzen Begegnungsplätze oder Spielwiesen zu machen. «Hauptsache man gibt die Fläche nicht auf. Das sollte man tunlichst vermeiden», betont sie. «Denn Ausgleichsflächen gibt es nicht, da ist der Naturschutz besser gestellt als Kinder.»

Auch der demografische Wandel mache ständige Neukonzeptionen bei Spielplätzen notwendig. Gerade in Wohngebieten, wo vor mehr als zwanzig Jahren junge Familien eingezogen, verwaisten Spielplätze heute zum Teil, so Krickl vom Städte- und Gemeindebund. Viele Kommunen hätten deshalb bereits neue Konzepte entwickelt, weg vom reinen Spielplatz hin zum Mehrgenerationenplatz, auf dem alle Familien und auch Ältere gerne Zeit verbringen. «Dieser Trend sollte fortgesetzt werden.»

Wer steht in der Verantwortung?

Der Verband beobachte zudem mit großer Sorge, dass manche private Eigentümer von Mehrfamilienhäusern ihrer Pflicht zur Schaffung von Spielgelegenheiten auf dem eigenen Grundstück nicht mehr ausreichend nachkommen. Für die in begründeten Einzelfällen mögliche Befreiung von der Pflicht sollten die Kommunen laut dem Verband eine Ablösesumme verlangen. «Diese Mittel sollten in den Ausbau qualitätsvoller Spielplätze fließen», so Krickl.

Ein drittes Problem scheint die Kompetenz: Selbst wenn Geld für Investitionen da sei, fehle es in den zuständigen Grünflächenämtern oft an Personal, das die Arbeiten plane, koordiniere und die Plätze auch später in Schuss halte, sagt Claudia Neumann. «Das bekommen viele Ämter nicht hin.»

Zunehmend beobachte sie aber auch, dass sich private Elterninitiativen engagierten und nach Sponsoren suchten. Dass nicht nur Geld, sondern der politische Wille eine wichtige Rolle spiele, zeige das Beispiel Bremen. «Es ist eines der am höchsten verschuldeten Bundesländer. Doch dort wird an einem Gesamtkonzept für Spielplätze gearbeitet», sagt Neumann, Referentin für Spiel und Bewegung.

In Städten wie Bremen, Frankfurt und Stuttgart rücken nun Straßen als Spiel- und Aufenthaltsorte wieder zunehmend in den Fokus. In Berlin hat sich im März eine Initiative gegründet, die temporäre Spielstraßen stadtweit zu einer festen Größe etablieren will, wie es etwa in London der Fall ist. Dort wurden demnach innerhalb von drei Jahren über 100 temporäre Spielstraßen geschaffen, die zeitweise für Autos gesperrt werden.

Ein neues Projekt startet in Berlin im August: In der Kreuzberger Böckhstraße können Kinder einmal pro Woche ungestört Fahrrad fahren, Fangen spielen oder die Straße mit Kreide bemalen.

Veröffentlicht am:
17. 07. 2019
14:28 Uhr

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Autor

dpa

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17. 07. 2019
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