Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 54. Hofer Filmtage75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

 

So verhandeln Eltern in der Pubertät

Gerade waren sie noch süß und klein, plötzlich gehen sie ihre eigenen Wege. Teenager zu begleiten, ist für viele Eltern herausfordernd. Fehler machen ist in dieser Phase erlaubt - auf beiden Seiten.



Kindern in Pubertät Aufgaben geben
In Verhandlung treten: Wenn die Kinder älter werden, ist es wichtig, regelmäßig mit ihnen über die Aufgabenverteilung in der Familie zu sprechen.   Foto: Florian Küttler/Westend61/dpa-tmn

Es fühlt sich an, als hätten sie vor kurzem noch buddelnd im Sandkasten gesessen. Nun kleben die Kinder vor dem Computer fest. Wenn ihre Kinder in die Pubertät kommen, fragen sich Eltern oft, was sie falsch gemacht haben - und ob sie Versäumnisse in der Erziehung nachholen können.

«Wir haben ja alle keine Ausbildung als Eltern und sind auch keine Roboter, die alles richtig machen - zum Glück», sagt die Kölner Diplom-Psychologin und Autorin Elisabeth Raffauf. Sie leitet Gruppen für Eltern pubertierender Jugendlicher.

Eltern sollten nicht auf eigenen Fehlern herumreiten

Der Erziehungsberater und Autor Jan-Uwe Rogge rät, sich auf das zu besinnen, was man richtig gemacht hat. Für Jugendliche sei es weder gut, wenn Eltern auf den eigenen Versäumnissen herumreiten - noch, wenn sie sich zu selbstgefällig geben.

Wenn sich das eigene Kind in sich zurückzieht, beleidigend wird, klaut oder Drogen nimmt, kann das Selbstzweifel nähren. Mangelnde oder übertriebene Hygiene, Aufmüpfigkeit, Unpünktlichkeit, Alkoholkonsum, schlechte Schulnoten - dies alles seien Begleiter der Pubertät. «Ihre Kraft verwenden sie nicht auf Noten, sondern auf die Umwandlung ihres Kinderkörpers in einen Erwachsenenkörper», sagt Rogge.

Grenzüberschreitungen gehören in dieser Phase dazu, sagt die Hamburger Pädagogin, Autorin und Erziehungsberaterin Angela Kling. «Es hat mit hirnphysiologischen Entwicklungen zu tun, dass Jugendliche nach Kicks suchen.»

Sich an eigene Teenager-Zeit erinnern

In Workshops ermutigt sie Eltern, sich an die eigene Teenager-Zeit zu erinnern. «Dann merken sie, dass sie genau das Gleiche erlebt haben.»

Elisabeth Raffauf empfiehlt Eltern grundsätzlich, nicht persönlich gekränkt zu sein: «Das ist das Wichtigste und zugleich das Schwierigste überhaupt.» Gleichzeitig dürfe man nicht einfach alles schlucken. «Bei Beleidigungen ist es erst einmal wichtig zu sagen: So reden wir nicht miteinander.»

Für Erziehung ist es nie zu spät

Vermeiden sollten Eltern Vorwürfe, Verhöre und Vorträge. Wichtig hingegen seien drei andere Begriffe mit «V»: Vertrauen, Vorbildfunktion und Verstehen. Eltern, die glauben, für Erziehung sei es in der Pubertät zu spät, macht sie Mut. «Ich bin da optimistisch.»

Es sei durchaus möglich, mit dem Kind offen über Versäumnisse zu sprechen - ohne die Probleme als Vorwurf zu präsentieren. Eltern könnten beispielsweise sagen: «Ich habe dich früher zu wenig in den Haushalt einbezogen, aber es ist viel zu tun. Was könntest du übernehmen?»

Verhandeln statt anordnen

Wenn Kinder älter werden, müssen Eltern in Verhandlung treten, statt einfach Dinge anzuordnen, sagt Angela Kling. Sie empfiehlt, sich einmal pro Woche mit allen Familienmitgliedern zusammenzusetzen und Aufgaben zu besprechen. Dabei sei es wichtig, dass Eltern sich nicht mit vagen Zugeständnissen abspeisen lassen.

In solchen Familienkonferenzen lernen die Jugendlichen zu argumentieren, statt bloß das Gesicht zu verziehen und abzuhauen, sagt Kling.

Die Pubertät sei nicht nur für Kinder, sondern auch für Eltern ein herausfordernder Prozess. Schließlich müssen sie lernen, dass sie die Kinder nicht mehr vor allem schützen können. «Eltern können nicht mehr über das Leben der Kinder bestimmen, sie können nur noch Begleiter sein. Das ist mit Trauer, Schmerz und großer Unsicherheit verbunden», betont Kling.

Pubertät heißt Abschied nehmen

Die Trauer zuzulassen, dass es mit der Kindheit vorbei ist, sei ein erster Schritt. Jan-Uwe Rogge rät, sich auf die Zeit der Pubertät einzulassen, statt sich dagegen zu sträuben. Nicht erzieherische Techniken seien entscheidend, sondern die Grundeinstellung.

«Die Haltung heißt: Es kann auch etwas passieren, das ich nicht möchte - und das ist okay.» Die Aufgabe der Eltern ist, ihm einen Rahmen zu geben, in dem es sich sicher und angenommen fühlt.

Literatur:

Elisabeth Raffauf: Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen: Was in der Pubertät hilft. Patmos Verlag, 192 S. Euro 18, ISBN-13: 9783843610193.

Angela Kling, Eckhard Spethmann: Pubertät: Der Ratgeber für Eltern. Mit 10 goldenen Regeln durch alle Phasen. Humboldt, 200 S. Euro 9,99, ISBN-13: 9783869106373.

Jan-Uwe Rogge: Meine kleine Erziehungstrickkiste. Gräfe und Unzer, 160 S. Euro 12,99, ISBN-13: 9783833868368.

Jan-Uwe Rogge: Pubertät: Loslassen und Haltgeben, Rowohlt, 352 S. Euro 10, ISBN-13: 9783499626555.

© dpa-infocom, dpa:200618-99-476105/3

Veröffentlicht am:
23. 06. 2020
14:29 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Diplompsychologen Eltern Erziehung Familienmitglieder Fehler Kinder und Jugendliche Mut Optimismus Pubertät Teenager
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Schüchternem Kind helfen

25.09.2020

Wie Eltern ihr schüchternes Kind unterstützen können

Manche Kinder sind zurückhaltender als andere. Wann brauchen sie einen kleinen Schubs hinaus in die Welt? Und wann ist Verständnis gefragt? Keine leichte Aufgabe für Eltern - aber eine bedeutsame. » mehr

Mit Oma und Opa in den Ferien

28.08.2020

So bleibt der Kontakt zu Kindern und Enkeln eng

Die Kinder und ihre Familien leben in einer anderen Stadt. Dennoch will man sich als Oma oder Opa einbringen und seine Enkel aufwachsen sehen. Das gelingt auch - etwas Organisation vorausgesetzt. » mehr

Was sagst du da?

24.07.2020

So gehen Eltern richtig mit Schimpfwörtern um

Fast jedes Kind entdeckt irgendwann den Reiz von Schimpfwörtern - eine Phase, die vielen Eltern unangenehm ist. Doch es gibt kreative Strategien, um mit schlimmen Wörtern im Alltag gut umzugehen. » mehr

Maria Wiprich

23.06.2020

Halbgeschwister als Störenfriede?

Die Trennung der Eltern ist gerade einigermaßen verarbeitet, da bekommt Papa mit der neuen Partnerin ein Baby. Kinder kann das in widersprüchliche Gefühle stürzen - und Vätern einiges abverlangen. » mehr

Kind am Herd

17.07.2020

Eltern sollten dem Kind nicht jede Aufgabe abnehmen

Es steckt in Kindern drin, Dinge selbst machen zu wollen. Doch manche Väter und Mütter lassen das kaum zu - aus Vorsicht oder Bequemlichkeit. Warum dieses Verhalten dem Nachwuchs schadet. » mehr

Emotionales Vermächtnis

27.11.2020

Emotionales Vermächtnis: «Weißt Du, wie lieb ich Dich habe?»

Mit dem Tod beschäftigt sich wohl niemand gern. Gerade für Kinder kann es jedoch unglaublich wertvoll sein, wenn ihnen Mama oder Papa eine Botschaft hinterlassen haben. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
23. 06. 2020
14:29 Uhr



^