Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 54. Hofer Filmtage75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

 

Wie man sich von Sachen Verstorbener trennt

Kleidung, Schmuck, Briefe: Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er eine Menge Dinge. Sich durch diese Sachen zu sortieren, ist eine emotionale Aufgabe. Warum kleine Rituale dabei helfen können.



Sich von Sachen Verstorbener trennen
Behalten oder weggeben? Keine leichte Entscheidung, wenn die Kleidung an geliebte Menschen erinnert.   Foto: Christin Klose/dpa-tmn » zu den Bildern

Der geliebte Mensch ist nicht mehr da, die Kleidung und der Lieblingssessel hingegen schon. Den Besitz von Eltern, Partner oder Geschwistern aufzulösen, ist für viele Angehörige eine große Aufgabe - organisatorisch, aber vor allem emotional.

«Das liegt daran, dass die Gegenstände eine Verbindung zur verstorbenen Person schaffen», sagt Christine Kempkes, die als Bestatterin, Trauerbegleiterin und Trauerrednerin arbeitet.

Mit dem Aussortieren der Sachen kommt für viele Trauernde die schmerzhafte Erkenntnis: Dieser Mensch wird sich nie wieder in diesen Sessel sinken lassen oder in diesen Pullover schlüpfen. Er wird nicht zurückkehren.

Richtigen Zeitpunkt zum Aussortieren gibt es nicht

«Wie lange es dauert, bis Trauernde mit dem Sortieren der Sachen beginnen, ist ganz individuell», beobachtet die Bestatterin und Trauerbegleiterin Silke Szymura . «Es gibt keinen «richtigen» Zeitpunkt, der für alle Trauernden gleichermaßen gilt.»

Einige Hinterbliebene wollen die Dinge lieber heute als morgen aus dem Blickfeld schaffen. Andere brauchen Monate oder Jahre, um sich behutsam an die Aufgabe heranzutasten. «Wichtig ist, sich keinen Druck machen zu lassen - auch nicht von außen», sagt der Trauertherapeut und Trauerredner Tobias F. Mende.

Auch wenn es unvorstellbar scheint: Nach einer gewissen Zeit wird aus einem «Das kann ich nicht» ein zaghaftes «Ich bin bereit für den ersten Schritt».

Foto von den Räumen im Original kann helfen

Manchmal funkt jedoch Zeitdruck dazwischen. Wenn etwa das Elternhaus aufgelöst werden muss, weil das Geld für weitere Monatsmieten fehlt, muss es schnell gehen. «In diesem Fall ist es eine gute Idee, die Räume in ihrem Originalzustand zu fotografieren - und dabei auch Detailaufnahmen von Ecken oder Gegenständen machen, die dem Verstorbenen besonders wichtig waren», sagt Kempkes.

Daraus lässt sich ein Fotobuch zusammenstellen. So haben Trauernde auch später noch die Möglichkeit, einen «Rundgang» durch die Räume des Verstorbenen zu machen.

Auch unter Zeitdruck dürfen Trauernde eines nicht vergessen: «Es gibt Gestaltungsspielraum», sagt Szymura. Wer mag, kann Musik, die an den Verstorbenen erinnert, aufdrehen oder seine Lieblingssüßigkeit parat halten. Kleine Rituale, die ganz individuell ausfallen können, geben Halt.

Gegen die Überforderung hilft es, das Ausmisten in kleine Schritte zu zerlegen. «Dabei beginnt man zunächst mit Zimmern oder Gegenständen, die einem leichter vorkommen - und arbeitet sich dann zu dem vor, was emotional heikler ist», erklärt Mende.

Erinnerungen in Kisten archivieren

Viele Menschen haben Angst, dass sie mit dem Nachlass auch die Erinnerungen weggeben. «Vielen Trauernden - gerade Kindern - tut es gut, eine Erinnerungskiste anzulegen», sagt Mende. Vorteil: Wenn es sich nicht gut anfühlt, sie im Blickfeld zu haben, kann man sie im Schrank weit nach hinten schieben.

Traurigkeit, Angst, Wut, Dankbarkeit: Beim Aufräumen der Sachen zieht nicht selten ein emotionales Chaos auf. Ist es nicht Verrat an der Partnerin, ihr geliebtes Bücherregal aufzulösen? Warum hat der Bruder so viel Müll angehäuft? «Gefühle wollen gefühlt werden,» sagt Szymura dazu. Sie rät, während des Aufräumens liebevoll mit sich selbst umzugehen und die eigenen Empfindungen nicht zu verurteilen.

Besser ist es, mit sich selbst zu sprechen, wie man auch mit einer guten Freundin sprechen würde. Man müsse in dieser Situation nicht von sich selbst verlangen, stark zu sein.

Übrigens gibt es eine Sache, die den Hinterbliebenen das Aussortieren der Sachen erleichtern kann: bereits vor dem Tod über Wünsche zu sprechen. «Es erfordert viel Mut, so ein Gespräch zu führen - nach dem Tod kann es aber ein riesiges Geschenk sein», sagt Mende.

Literatur:

Christine Kempkes: Mit der Trauer leben lernen: Impulse für eine neue innere Balance. Junfermann Verlag, 200 Seiten. Euro 18,00, ISBN-13: 9783749501434

© dpa-infocom, dpa:201001-99-786211/4

Veröffentlicht am:
27. 10. 2020
04:59 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angehörige Angst Bestatter Emotion und Gefühl Erbschaften F. Mende Hinterbliebene Kleidung Trauer Verstorbene Wut
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Trauer um den Partner

26.10.2020

Zeit lassen für die Trauer um den Partner

Viele Menschen erleben im hohen Alter einen schmerzlichen Verlust. Der Tod des Partners, der oft Jahrzehnte an der Seite war, sorgt für tiefe Trauer. Doch man kann einen Umgang damit finden. » mehr

Bestattungen in Corona-Zeiten

06.11.2020

Corona macht den Abschied am Grab noch schwerer

Trauer in Corona-Zeiten: Für viele Menschen ist sie einsamer als sonst. Auch von den Toten Abschied zu nehmen, geht nur mit Einschränkungen. Manchmal sind Angehörige per Live-Stream oder Video dabei. » mehr

Ruheforst in Ostenfeld

17.11.2020

Experte: Trauerorte werden vielfältiger

Lange Zeit war die Grabgestaltung auf Friedhöfen streng geregelt. Das habe viele Menschen verschreckt, sagt ein Hamburger Kulturwissenschaftler. Hinterbliebene suchten andere Orte der Trauer - und finden sie inzwischen w... » mehr

Emotionales Vermächtnis

27.11.2020

Emotionales Vermächtnis: «Weißt Du, wie lieb ich Dich habe?»

Mit dem Tod beschäftigt sich wohl niemand gern. Gerade für Kinder kann es jedoch unglaublich wertvoll sein, wenn ihnen Mama oder Papa eine Botschaft hinterlassen haben. » mehr

Theo Fitsos

27.10.2020

DJ erfüllt den letzten Musikwunsch Verstorbener

Not macht erfinderisch: Ein arbeitsloser Düsseldorfer DJ, dank Corona-Pandemie aller Aufträge beraubt, legt jetzt bei Beerdigungen auf. «Theo erfüllt den letzten Wunsch» - die Idee kommt an. » mehr

Friedhof

21.11.2019

Friedhöfe in Zeiten des Wertewandels

Auf deutschen Friedhöfen ist viel geregelt. Selbst beim Grabschmuck darf nicht jeder machen, was er will. Experten zufolge passen jedoch zahlreiche Vorgaben nicht zum Bedürfnis vieler Menschen, ihre toten Angehörigen ind... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
27. 10. 2020
04:59 Uhr



^