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Unwissentlich abhängig - Die stille Sucht der älteren Damen

Schlafstörungen, Angst, Panik: Schlaf- und Beruhigungsmittel sollen über schwere Lebensphasen hinweghelfen. Doch Tausende kommen nicht mehr davon los. Ein Wissenschaftler kritisiert, das Problem werde verschleiert.



Medikamenten-Abhängigkeit
Das «Jahrbuch Sucht 2017» beschäftigt sich in diesem Jahr intensiver mit dem Thema Medikamentenabhängigkeit. Foto: Oliver Berg/dpa  

Berlin (dpa) - Geschätzt bis zu 1,9 Millionen Menschen in Deutschland sind laut «Jahrbuch Sucht 2017» süchtig nach Medikamenten, vor allem ältere Frauen. «Es ist die zweite große Abhängigkeit in Deutschland - hinter Tabak, aber noch vor Alkohol», sagte der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske von der Universität Bremen.

Wer ist besonders betroffen?

«Medikamentenabhängigkeit ist weiblich», sagte Glaeske. Er sieht vor allem Über-65-Jährige betroffen, die in Studien zum Thema bislang aber gar nicht einbezogen seien. Frauen bekommen nachweislich mehr Medikamente, die auf die Psyche wirken, wie Tranquilizer und Antidepressiva, wie aus dem Jahrbuch hervorgeht. «Hier scheinen Rollenstereotype einen Einfluss auf die Verordnungen zu haben [...]», heißt es.

Welche Pillen können abhängig machen?

Allen voran sind es Schlafmittel und Beruhigungsmittel, insbesondere aus der Gruppe der Benzodiazepine und sogenannte Z-Drugs, deren Wirkstoffe mit dem Buchstaben Z beginnen. Solche Mittel werden zum Beispiel bei Schlafstörungen oder Panikattacken verordnet, sie beruhigen und lassen das Leben leichter erscheinen - können aber binnen weniger Wochen abhängig machen.

Anders als bei manch illegaler Droge müssten Konsumenten die Dosis nicht erhöhen, um einen Effekt zu spüren, sagte Glaeske. Vielmehr nehmen sie täglich ein oder zwei Tabletten, manchmal über Jahrzehnte in gutem Glauben. Ein Problembewusstsein fehlt. Experten sprechen von einer stillen, nach innen gerichteten Sucht.

Wo ist das Problem, wenn ein Arzt das Mittel doch verschrieben hat?

Schlaf- und Beruhigungsmittel können schädliche Folgen haben, wie Glaeske aufzählt: Schlechtere Konzentration, Aggression, bis hin zu einem Dämmerzustand, der die Sturzgefahr erhöht. Eine langfristige Einnahme könne auch die Entwicklung von Altersdemenz begünstigen. Hinzu kommt, dass Ältere oft einen Arznei-Cocktail einnehmen: Sie erhalten Präparate von mehreren verschiedenen Ärzten, Wechselwirkungen nicht ausgeschlossen.

Und nicht immer stecken Verschreibungen hinter der Sucht: Viele frei verkäufliche, vermeintlich harmlose Mittel wie Stärkungssäfte und Nasensprays haben Suchtpotenzial, wie aus dem Jahrbuch hervorgeht. Auch Schmerzmittel werden laut Jahrbuch zu 70 Prozent ohne Rezept abgegeben. Packungen, die millionenfach über den Ladentisch gehen, enthalten zum Beispiel Kombi-Präparate mit psychisch anregendem Koffein, was laut Angaben Missbrauch und Entzugskopfschmerzen fördern kann.

Fällt niemandem auf, wenn ein Patient über Jahre problematische Mittel bekommt?

Grundsätzlich ist das Problem für die Fachwelt nicht neu, aber es hapert an der Umsetzung. Vielleicht auch, weil die verfügbaren Zahlen nicht alles sagen. Gerd Glaeske sagte, er beobachte seit rund fünf Jahren, dass abhängig machende Medikamente zunehmend und zu großen Anteilen auf Privatrezept verordnet werden. Das Rezept wird nirgendwo archiviert, der Patient bezahlt selbst. In Analysen der gesetzlichen Krankenkassen falle ein großer Teil der problematischen Verordnungen daher nicht auf. Glaeske spricht von Verschleierung. Er sagte, er sehe Ärzte in der Pflicht, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Die Bundesärztekammer war auf Anfrage zunächst nicht zu erreichen.

Ließe sich die Sucht eindämmen?

Aus Sicht der DHS ja. Die Mittel müssten bewusster eingesetzt werden, damit es gar nicht erst zu einer Abhängigkeit kommt. Patienten müssten über etwaiges Suchtpotenzial aufgeklärt werden. Auch das Ausschleichen eines Medikaments statt abruptem Absetzen könne Entzugserscheinungen vorbeugen.

Ein vom Bundesgesundheitsministerium gefördertes Projekt zeigte schon 2014, dass ambulanter Schlafmittel-Entzug gelingen kann, wenn Apotheker und Arzt intensiver zusammenarbeiten. Eine breitere Umsetzung würde jedoch Geld kosten, weil Apotheker ihren Mehraufwand honoriert haben wollen.

Für den Wissenschaftler Glaeske gibt es noch einen anderen Ansatzpunkt: Er forderte ein Werbeverbot für rezeptfreie Arzneimittel, die ein Missbrauchspotenzial haben.

Veröffentlicht am:
11. 04. 2017
15:55 Uhr

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dpa

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11. 04. 2017
15:55 Uhr



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