Topthemen: Hof-GalerieWaldschratDie Bilder vom WochenendeFall Peggy KnoblochSelber Wölfe

 

Mediziner fordern stärkeren Kampf gegen Übergewicht

In der Werbung, unter Freunden oder im Elternhaus: Kinder werden früh auf zu süße und zu fettige Lebensmittel geprägt. Aus Anlass des Europäischen Adipositas-Tages treten Mediziner für gesetzliche Schritte zur Förderung einer gesunden Ernährung ein.



Übergewicht bei Kindern
Ein Überangebot an stark zucker- und fetthaltigen Lebensmitteln sorgt bei vielen Kindern für Übergewicht.   Foto: Jan-Peter Kasper/ Friedrich-Schiller-Universität Jena/dpa

Viele Kinder in Europa sind zu dick und bewegen sich zu wenig. Als Ursachen für die überflüssigen Pfunde sehen die Autoren einer Studie in zwölf Ländern die Allgegenwärtigkeit von überzuckerten oder fettigen Snacks an, begleitet vom Marketing der Lebensmittelindustrie.

Zum Europäischen Adipositas-Tag am Samstag (20. Mai) fordern Mediziner einen nationalen Aktionsplan Adipositas, wie es ihn für Diabetes bereits gibt.

«Adipositas ist für mindestens 20 bis 40 Folgeerkrankungen die Ursache», sagt der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Matthias Blüher. «Aus meiner Sicht ist das Problem nur zu lösen, indem man politisch handelt.»

Nach den jüngsten von 2008 bis 2011 erhobenen Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) haben in Deutschland zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen Übergewicht. Ein Viertel der Erwachsenen ist adipös - Tendenz steigend. Bei den Kindern und Jugendlichen waren zuletzt rund 16 Prozent übergewichtig und 6,3 Prozent adipös, 50 Prozent mehr als in den 80er und 90er Jahren.

Drei Viertel der gezielt beworbenen Kinderlebensmittel in Deutschland sind laut einer Marktstudie von Foodwatch zu süß oder zu fettig, sollten also eigentlich nur sparsam verzehrt werden. Die Hersteller könnten mit diesen die größten Gewinnspannen erzielen, erklärte die Verbraucherschutzorganisation. Die Lebensmittelindustrie dränge Kindern massenhaft Junkfood auf und verführe sie zur falschen Ernährung, kritisiert Foodwatch.

Gesunde Lebensmittel müssten einfacher zugänglich und kostengünstiger angeboten werden, fordert Medizinprofessor Blüher, der an der Universität Leipzig eine Adipositas-Ambulanz leitet. Denkbar ist aber auch eine Steuer auf ungesunde Produkte. Unter anderem in Frankreich gibt es bereits eine Zuckersteuer auf süße Getränke, Großbritannien will sie einführen. Das Bundesernährungsministerium sieht dagegen eine Besteuerung von «sogenannten ungesunden Lebensmitteln als nicht zielführend» an. Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) setze vor allem auf Prävention durch Bildung und Information, sagte Sprecher Carsten Reymann. So plädiere der Minister unter anderem für die Einführung eines Schulfaches Ernährungsbildung.

Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind weit häufiger extrem übergewichtig - in der Gruppe der 14- bis 17-Jährige laut einer Studie sogar fast dreimal so oft wie Kinder mit hohem Sozialstatus. Der Chefarzt am Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover, Thomas Danne, hält vor diesem Hintergrund ein Umsteuern bei der Prävention für sinnvoll. Die Aufklärungskampagnen und Programme richteten sich noch viel zu stark an das Bildungsbürgertum, kritisierte der Diabetologe. Danne ist ärztlicher Leiter des Kick-Programms, das 8- bis 17-Jährigen beim Abspecken hilft. Die Teilnehmer absolvieren ein Sporttraining und werden mit ihren Eltern von Diätassistenten aufgeklärt. Zudem unterstützt eine Psychologin den ein Jahr dauernden Kurs.

«Wir haben mit Kick gute Erfahrungen gemacht», berichtet Danne. Ein Drittel der Kinder verliere Gewicht, ein Drittel nehme nicht weiter zu und bei einem weiteren Drittel verbessere sich zumindest das psychische Wohlbefinden. Wer zu viele Kilos mit sich herumschleppt, erkrankt häufiger an Depressionen.

«Viele Kitas und Schulen bieten aus Kostengründen unausgewogene Mahlzeiten an, weil hochwertige Lebensmittel teurer sind», beklagt der ärztliche Leiter des Abnehmprogramms in Hannover. Dort bekommen einige Teilnehmer ihr Problem schon in den Griff, wenn sie Apfelschorle, Limo und Süßigkeiten weglassen. Auch was die Kioske in Schulen angehe, sei ein Eingriff des Gesetzgebers notwendig, meint Danne: «In den Schulen müsste der Süßigkeiten-Verkauf gestoppt werden.»

Veröffentlicht am:
20. 05. 2017
05:10 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
CSU Christian Schmidt Elternhaus Ernährung unter gesundheitlicher und wissenschaftlicher Perspektive Fettleibigkeit Foodwatch Gesundheitsbewusste Ernährung Lebensmittel Lebensmittelwirtschaft Robert-Koch-Institut Sozialer Status Universität Leipzig Übergewicht
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Herz-Modell

07.02.2019

Die Zahl der Herz-OPs im Alter steigt

Erst ins Pflegeheim und dann in den OP: In Deutschland gibt es deutlich mehr Herz-Operationen bei hochbetagten Menschen als früher. Warum ist das so? » mehr

Tuberkulose

23.03.2018

Der aufwendige Kampf gegen Tuberkulose

Hartnäckiger Husten, Fieber, Gewichtsverlust: so macht sich Tuberkulose bemerkbar. Mit 1,7 Millionen Todesfällen pro Jahr ist sie eine der häufigsten Todesursachen weltweit - und auch immer noch eine Herausforderung für ... » mehr

DNA-Labor

20.11.2017

Das boomende Geschäft mit den Gentests

Kommerzielle Gentests liegen in den USA schon lange im Trend. Nun boomen die Lifestyle-Angebote auch in Deutschland. Dabei ist nur wenig über den Markt bekannt. Experten sehen den Nutzen kritisch. » mehr

Blutdruck-Messung

01.11.2017

Gefahr in den Adern: Wie hoch darf der Blutdruck sein?

Herzinfarkt, Schlaganfall, Organschäden: Bluthochdruck birgt viele Risiken und ist eine Volkskrankheit. Aber ab wann ist er gefährlich? Und wie stark sollte er gesenkt werden? » mehr

Heuschnupfen

26.02.2019

Menschen mit Heuschnupfen erwartet harte Pollensaison

In manchen Jahren liegt Mitte Februar noch Schnee, 2019 plagt insbesondere die Erle Pollenallergiker vielerorts schon heftig. Auch die Birkenblüte lasse wohl nicht mehr lange auf sich warten, sagen Experten. » mehr

Bluttest bei Brustkrebs

21.02.2019

Neuer Brustkrebs-Bluttest vorgestellt

Eine frühe Diagnose von Brustkrebs verbessert die Heilungschancen. Jetzt preisen Forscher ein neues Verfahren zur Früherkennung an. Wie gut ist es? Experten sind zurückhaltend. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
20. 05. 2017
05:10 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".