Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019EhrenamtskampagneVER Selb

 

Die Psyche immer im Blick haben

Körperliche Zipperlein fallen einem schnell auf. Ein bisschen Kopf oder Bauch - und wer hat heute eigentlich nicht Rücken? Die psychische Gesundheit dagegen gerät oft aus dem Fokus. Dabei braucht auch die Seele Aufmerksamkeit, sagt die Therapeutin Lena Kuhlmann.



Traurigkeit
Wer oft traurig ist und sich zu nichts mehr motivieren kann, hat möglicherweise ein psychisches Problem. Betroffene können die psychotherapeutische Sprechstunde nutzen.   Foto: Christin Klose » zu den Bildern

Der war schon immer ein bisschen depri» oder «Die spinnt doch»: Solche Zuschreibungen kommen einem rasch über die Lippen. Doch statt andere zu bewerten, sollte man den Blick besser auf seine eigene psychische Gesundheit richten, findet die Psychotherapeutin Lena Kuhlmann .

Im Interview verrät sie, wie das geht - und was zu tun ist, wenn sich ein Problem anbahnt.

Frau Kuhlmann, Sie stellen Ihrem Buch «Psyche? Hat doch jeder» ein Zitat aus Lewis Carrolls «Alice im Wunderland» voran, das im Grunde besagt, dass wir alle verrückt sind. Ist das so?

Ich wollte mit dem Zitat für mehr Akzeptanz werben. Wir sind alle indirekt oder direkt von psychischer Krankheit betroffen. Mein ehemaliger Oberarzt aus der Psychiatrie hat mir einmal scherzhaft gesagt: «Manchmal unterscheidet uns von den Patienten eigentlich nur der Schlüssel für die Tür nach draußen.» Wir sollten psychische Erkrankungen also nicht totschweigen.

Andererseits plädieren Sie aber auch dafür, nicht zu viel Küchenpsychologie zu betreiben. Wo verläuft sie denn nun, die Linie zwischen noch gesund und schon krank?

Da gibt es keine klare Linie, es geht ineinander über. Ein Anzeichen für Krankheit ist aber, dass einen etwas im Alltag einschränkt. Also, wenn zum Beispiel jemand aus Angst nicht mehr Bahnfahren kann und deshalb zu Hause bleibt. Wir sprechen dann vom sogenannten Leidensdruck. Ein gewisser Leidensdruck ist häufig auch Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Es kommt vor, dass wir erstmal eine Therapie starten und diese dann aber unterbrechen, weil der Leidensdruck einfach momentan noch nicht groß genug und die Veränderungsmotivation zu gering ist.

Was sind die allerersten Anzeichen für eine beginnende psychische Erkrankung?

Es kommt auf die Störung an. Erste Anzeichen für eine Depression sind zum Beispiel, dass man das Interesse an Dingen verliert, die man eigentlich gern gemacht hat, oder Antriebslosigkeit oder wenn die Stimmung immer im Keller ist. Panikattacken sind ein Zeichen für eine Angststörung. Was man Betroffenen und auch allen anderen raten kann: den Blick mehr auf die eigene Psyche und seelische Gesundheit zu richten. Dass man immer wieder prüft: Wie geht's mir heute eigentlich? Dazu gehören durchaus auch banale Sachen: Habe ich Durst? Tut mir was weh? Bin ich müde? Wie ist meine Stimmung?

Gibt es dafür Techniken?

Achtsamkeit ist ein guter Weg. Dafür gibt es mittlerweile Planer, die man sich kaufen oder ausdrucken, oder Apps, die man herunterladen kann. Auch Meditation ist hilfreich. Oder ganz banal: eine Skala machen von 1 (sehr schlecht) bis 10 (sehr gut) und täglich eintragen, wie es einem geht. Das hilft, zu reflektieren. Denn normalerweise antworten wir auf die Frage «Wie geht es dir?» reflexartig «gut» - ohne darüber nachzudenken, wie es wirklich in uns aussieht.

Was kann ich tun, wenn ich dabei feststelle, dass es mir häufig schlecht geht? Wie finde ich heraus, ob ich eine Therapie machen muss oder ob es sich um ganz normale Launen handelt?

Es gibt seit über einem Jahr eine psychotherapeutische Sprechstunde. Die wird vermittelt über die kassenärztlichen Vereinigungen. Da kann man bei den Terminservicestellen anrufen und sich binnen vier Wochen einen Termin bei einem Psychotherapeuten in der Nähe vermitteln lassen. Der bietet ein Erstgespräch an und schätzt dann ein, ob es sich um eine behandlungsbedürftige Symptomatik handelt und was also zu tun ist: Abwarten? Eine ambulante Therapie oder besser stationär?

Es ist in Deutschland aber extrem schwierig, einen Therapieplatz zu bekommen. Wo soll man sich hinwenden, wenn man eine Therapie machen möchte?

Erstmal am besten auf die Warteliste bei mehreren Therapeuten setzen lassen. Man kann auch bei der Krankenkasse nachfragen, denn manchmal haben die Mitarbeiter dort einen ganz guten Überblick. Interessant ist eventuell auch das Kostenerstattungsverfahren. Das läuft über Psychotherapeuten, die keinen Kassensitz haben. Die sind deshalb nicht schlechter, sie haben zum Beispiel bei der Vergabe der Sitze einfach Pech gehabt oder nicht die finanziellen Mittel, sich einen Sitz zu kaufen. Sie dürfen im Bedarfsfall über eine Sonderregelung auch Kassenpatienten behandeln. Einige Krankenkassen erschweren das neuerdings leider.

Für die Zeit bis man einen Therapieplatz hat, kann man auch über eine Online-Therapie nachdenken. Ich habe gehört, dass ein paar Versicherer solche Angebote unterstützen. Zudem besteht die Möglichkeit, sich an eine Institutsambulanz zu wenden oder sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Ansonsten gibt es noch die Telefonseelsorge und Onlineberatungsstellen.

Idealerweise kommt es gar nicht erst soweit. Kann man auch selbst dazu beitragen, dass die Seele gesund bleibt?

Zuerst ist wichtig: Es kann in unserem Leben immer wieder Vorkommnisse oder Bedingungen geben, die unsere psychische Gesundheit gefährden. Das haben wir nicht immer in der Hand. Jemandem, der nach einem schweren Schicksalsschlag eine Depression bekommt, kann man hinterher nicht sagen: Hättest du mal mehr Sport gemacht! Das wäre vermessen. Die Entstehung einer psychischen Erkrankung hat meist mehrere Ursachen.

Es gibt trotzdem ein paar Dinge, die man selbst tun kann, um die Chancen zu erhöhen, dass man gesund bleibt oder die man tun kann, wenn man bereits erkrankt ist: Darauf achten zum Beispiel, was und wer einem gut tut. Nein sagen, wenn einem jemand zu nahe kommt oder man etwas nicht möchte. Sport tut gut, er hilft gegen depressive Episoden. Sonne ist gut für die Psyche. Aber auch, dass man sich kreativ ausdrücken kann und seinen Gefühlen Raum gibt - sei es über Musik oder was immer einem liegt. Auch der Austausch mit Freunden ist wichtig. Wer das mag, kann Achtsamkeitsübungen in den Alltag integrieren. Die sind ganz einfach und kosten nicht viel Zeit.

ZUR PERSON: Lena Kuhlmann wurde 1985 geboren und ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit tiefenpsychologischem Schwerpunkt in Frankfurt/Main und Berlin. Sie schreibt Artikel rund um die Psyche und bloggt unter freudmich.wordpress.com.

Literatur:

Lena Kuhlmann: Psyche? Hat doch jeder. Eden Books. 256 S. 16,95 Euro, ISBN-13: 9783959101509, erscheint am 03.08.2018.

Veröffentlicht am:
03. 08. 2018
09:48 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angststörungen Depressionen Lewis Carroll Panikattacken Psyche Psychotherapeuten Psychotherapie Seele Therapeutinnen und Therapeuten Therapieplätze Zitate
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Panikattacke

08.08.2019

Was tun bei Panikattacken?

Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche: Eine Panikattacke kann jeden treffen und wirkt auf den Betroffenen oft bedrohlich. Doch ab wann sollte man Experten einschalten? Und kann man selbst etwas dagegen tun? » mehr

Psychotherapie

14.08.2019

Psychotherapie: Welches Verfahren passt zu wem?

Die Ängste oder die Niedergeschlagenheit nehmen überhand, eine Psychotherapie scheint angebracht. Aber wie finden Interessierte einen passenden Therapeuten? Und welche Form der Therapie ist geeignet? » mehr

Körperlich und emotional erschöpft

01.10.2019

Welche Faktoren oft zu Burnout führen

Total ausgebrannt - früher dachte man da nur an überarbeitete Top-Manager, heute trifft es viele unterschiedliche Gruppen. Was kann einen Burnout auslösen? Und wie lässt er sich vermeiden? » mehr

Dr. Sonja Jaeger

19.12.2018

Wann eine Online-Therapie sinnvoll ist

Psychologische Hilfe gibt es mittlerweile auch online. Solche Angebote helfen, wenn andere nicht verfügbar sind oder die Betroffenen sie nicht nutzen können. Allein gelassen werden darf der Patient dabei aber nicht. » mehr

Pornofilm

20.05.2019

Wenn die Sucht nach Pornos zur Krankheit wird

Schätzungen zufolge lebt eine halbe Million Sex- und Pornosüchtiger in Deutschland. Ein Betroffener erzählt, dass die Folgen teils gravierend sind - auch für die Partner. Bald allerdings könnte zumindest die Diagnose lei... » mehr

Dietmar Oesterreich

08.05.2019

Wenn die Zahnarzt-Angst zur Krankheit wird

Es gibt Angst vor dem Zahnarzt. Die kann so schlimm sein, dass sie krankhaft ist. Die Betroffenen müssen zum Psychotherapeuten - möglichst bevor die ersten Zähne faulen. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
03. 08. 2018
09:48 Uhr



^