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«Wir sind selbst der wahre Medicus»

Schließen sich die moderne Medizin und andere Heilmethoden gegenseitig aus? Nein, sagt Prof. Dietrich Grönemeyer. Eine ganzheitlich angelegte Heilkunst verbinde beides. Im Interview erklärt er auch, warum manchmal gar kein Arzt vonnöten ist.



Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer
Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer ist Arzt und Autor mehrerer Bücher. 1997 hat er das interdisziplinär ausgerichtete Grönemeyer Institut für Mikrotherapie in Bochum gegründet.   Foto: Horst Galuschka

Moderne Medizintechnik oder doch lieber das Kraut aus dem Garten? Ein Termin beim Facharzt oder das Gespräch mit dem Heilpraktiker? Schulmedizin und alternative Heilmethoden werden einander gern gegenübergestellt.

Prof. Dietrich Grönemeyer, selbst Schulmediziner, plädiert in seinem neuen Buch «Weltmedizin» dafür, diese Trennung ein Stück weit aufzugeben. Beides müsse Hand in Hand gehen, sagt er. Wie das geht und was Patienten selbst dafür tun können, erklärt er im Interview.

Sie untertiteln Ihr neues Buch «Auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Heilkunst». Was ist eigentlich ganzheitliche Medizin?

Eine Medizin, die die verschiedenen Heilweisen der Welt, bewährte Therapien anderer Epochen und Kulturen ebenso nutzt wie die Erkenntnisse der Schulmedizin. Außerdem sollte die ganzheitliche Medizin den Menschen stets in seinem psychosozialen Umfeld betrachten.

Ist das denn in der modernen Schulmedizin nicht der Fall?

Nicht durchweg. Im Zuge der fraglos exzellenten fachärztlichen Spezialisierung hat sich eine sozusagen segmentierte Medizin herausgebildet. Der eine behandelt Herz und Kreislauf, der andere die Haut und so weiter und so fort. Jeder mag auf seinem Gebiet eine Koryphäe sein. Als denkende, fühlende und soziale Wesen werden die Patienten dabei aber kaum noch wahrgenommen. Das ist dann nicht mehr ganzheitlich.

Ist das der Grund, warum sich manche Patienten von der Schulmedizin abwenden und lieber zum Heilpraktiker gehen?

Davon bin ich überzeugt. Wir Schulmediziner behandeln den Patienten zu oft nur funktionell und unter Ausnutzung aller Möglichkeiten der modernen Gerätemedizin. Das ist einerseits richtig. Andererseits bleibt uns so kaum noch Zeit für das Gespräch mit dem Patienten.

Wir machen dem Patienten häufig Angst, weil er nicht versteht, was wir über seinen Kopf hinweg besprechen und beschließen. Dann doch lieber der Heilpraktiker, der sich mitfühlend auf einen einlässt, mögen sich da viele sagen. Diese Tendenz ist unverkennbar und gefährlich insofern, als sie manchen dazu verführt, schulmedizinische Behandlung auszuschlagen, wo sie dringend geboten wäre.

Wie erkenne ich als Patient einen Arzt, der ganzheitlich behandelt?

Erstmal daran, dass er meine Sprache spricht, kein Fachchinesisch; dass er auch auf meine Körpersprache achtet, dass er mich beruhigt, aber nicht betört, sondern ernsthaft prüft: Wie kann ich helfen? Ich sollte merken, dass der Arzt nicht meine Krankheit behandelt, sondern mich. Er sollte auch versuchen, meine Selbstheilungskräfte zu aktivieren, gleichzeitig aber die Grenzen aufzeigen und dann auch klar entscheiden: Kernspin, Katheter oder Operation.

Wie aktiviert ein Arzt Selbstheilungskräfte?

In dem Moment, da ich mich auf den Patienten einlasse und ihm somit das Gefühl gebe, ihn menschlich verstehen zu wollen, gebe ich ihm auch Hoffnung. Ich stimuliere seinen Lebenswillen, also die Selbstheilungskräfte. Im Grunde etwas ganz Einfaches. Ohne viel darüber nachzudenken, tut das jede Mutter, wenn ihr Kind krank ist. Das geht auch in der Schulmedizin. Denken Sie nur an die Hausärzte, denen viele Familien über Generationen vertrauten.

Welche Rolle spielt eigentlich der Patient selbst?

Wir sind selbst der wahre Medicus oder die wahre Medica. Wenn wir in uns hineinhorchen, erfahren wir, was uns gut tut und was nicht. Das Wissen darum steckt zuerst in uns selbst, dazu brauchen wir keinen Arzt. Da ist vielmehr Achtsamkeit uns selbst gegenüber gefragt. Es ist nicht damit getan, dass wir unseren Körper, wenn er Beschwerden bereitet, in dieser oder jener Praxis behandeln lassen, so wie wir das Auto, wenn der Motor stottert, in der Werkstatt abliefern. Ja, kompetente Hilfe brauchen wir dann auch. Aber wir selbst sollten uns um uns selbst ebenso kümmern. Vorsorgend genauso wie bei schwerer Erkrankung. Die Verantwortung dazu liegt in unseren eigenen Händen.

ZUR PERSON

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer ist Arzt und Autor mehrerer Bücher. 1997 hat er das interdisziplinär ausgerichtete Grönemeyer Institut für Mikrotherapie in Bochum gegründet.

Literatur: Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer: Weltmedizin: Auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Heilkunst. S. Fischer. 288 S., 20 Euro, ISBN 9783100273062.

Veröffentlicht am:
29. 08. 2018
09:57 Uhr

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Autor

dpa

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29. 08. 2018
09:57 Uhr



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