Lade Login-Box.
Topthemen: FirmenlaufBilder vom WochenendeHofer Volksfest 2019BlitzerwarnerGerch

 

Das Kreuz mit dem chronischen Schmerz

Schmerzen hat jeder mal. Doch was, wenn sie nicht wieder weggehen - ohne dass es eine klare Ursache dafür gibt? Dann sprechen Experten von chronischem Schmerz. Für Betroffene beginnt damit oft ein langer Leidensweg.



Chronischer Schmerz
Chronischer Schmerz schränkt Betroffene oft erheblich ein, auch im Berufs- oder Sozialleben.   Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Es ist ein Rätsel für Mediziner und eine Qual für die Betroffenen: Chronischer Schmerz, der scheinbar einfach so auftritt, irgendwo im Körper, ohne offensichtliche Verletzung oder Krankheit. Das rätselhafte Leiden ist oft schwer zu diagnostizieren - und noch schwerer zu behandeln.

Ariane Burtscher ist Chefärztin des Zentrums für Schmerztherapie an der Schön Klinik im bayerischen Bad Aibling. Sie sagt: Die Wunderpille gegen chronischen Schmerz gibt es nicht. Denn jeder Patient ist anders - und damit auch sein Schmerz.

Wenn ein Patient chronische Schmerzen hat, ohne dass es eine organische Ursache gibt - ist das dann eingebildeter Schmerz?

Ariane Burtscher: Natürlich gibt es Ärzte, die einen Patienten zweimal sehen, und dann direkt Somatisierung diagnostizieren, Einbildung also. Aber damit macht man es sich zu einfach. Den Schmerz anderer Leute kann man ja erst einmal immer gut aushalten. Selbst eine neurologische Untersuchung gibt nur Anhaltspunkte - wir haben noch keine Methode, Schmerz wirklich zu messen.

Warum ist das so schwer?

Burtscher: Schmerz und seine Wahrnehmung sind sehr individuell - das hängt von unserer Schmerzerfahrung ab, aber auch von unserer Schmerzgeschichte. Wie ernst sind Schmerzen in meiner Kindheit genommen worden, wie war der Umgang damit? War das eher «Ein Indianer kennt keinen Schmerz» - Schmerz also als etwas, dass es gar nicht geben darf? Oder hat sich die Mutter zum Beispiel mit Migräne ständig zurückgezogen? Denn auch das macht ja etwas mit einem Kind.

Wie spricht man dann überhaupt über Schmerz, wenn eine objektive Messung so schwer ist?

Burtscher: Es gibt ja diese Skalen, mit Zahlen von 1 bis 10. Das ist aber natürlich alles andere als präzise, wenn man nichts dazu sagt - was heißt denn sonst 5 zum Beispiel? Ich lasse Patienten den Schmerz gerne zeichnen und erklären. Oft finde sich da starke Bilder - «Ameisen, die über mich krabbeln» etwa, oder das Gefühl, der Rücken würde «zersprengt». Gerade durch die Verknüpfung mit der emotionalen Wahrnehmung des Schmerzes kommt man ins Reden. Und manchmal ist das auch ein erster Hinweis für die Diagnose.

Und was ist meistens die Ursache des Schmerzes? Ist das psychisch, organisch, beides?

Burtscher: Je länger ich das mache, desto seltener maße ich mir da eine Antwort an. Wir sind es als Arzt gewohnt, eine Anamnese zu machen, dann die Diagnostik, dann die Therapie: Der Patient klagt über dies und jenes, also hat er das, deshalb kriegt er dieses Antibiotikum. Und die Patienten kennen das auch so - «Sagen Sie mir bitte, was ich habe», heißt es dann. Da ist ja auch Druck aus dem Umfeld dabei: «Warum gehst du denn so oft zur Klinik, was hast du denn?» Aber bei dem chronischen Schmerz ist es nun einmal etwas komplexer - das Leiden des Patienten entzieht sich oft der Objektivierbarkeit.

Was bedeutet das für ihre Arbeit konkret?

Burtscher: Das heißt erstmal, dass hier Ärzte und Spezialisten verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten müssen - Chirurgen, Orthopäden, Physiotherapeuten, aber eben auch Internisten oder Psychologen. Denn unabhängig von den Ursachen hat Schmerz ja eine große psychische Komponente. Viele der Patienten haben lange Kranken- und Leidensgeschichten, die oft mit Ängsten und Depressionen verbunden sind. Die soziale Teilhabe leidet, manche sind arbeitsunfähig. Das gilt es bei der Therapie alles mit zu berücksichtigen.

Und wie funktioniert die Therapie dann konkret?

Burtscher: Wir setzen sehr viele unterschiedliche Therapieformen ein - von aktivierenden Therapien wie Schwimmen oder Wirbelsäulen-Gymnastik über psychotherapeutische Angebote wie Gruppen- oder Einzelgespräche bis zu traditionellen und alternativen Methoden, Akupunktur etwa. Da geht es vor allem darum, dass der Patient selbst merkt, was ihm gut tut - manche haben durch den Schmerz gar kein richtiges Gefühl für den eigenen Körper mehr, da muss man dann anfangen. Das ist alles vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.

Also Selbsthilfe, nicht Heilung?

Burtscher: Genau. Ich sage Patienten bei der Begrüßung immer: «Sie werden hier nicht schmerzfrei herausgehen.» Aber die Patienten bekommen einen Rucksack an Strategien, mit dem Schmerz umzugehen. Chronischer Schmerz ist ein wenig wie eine zu sensible Alarmanlage, die im Dauerbetrieb läuft. Da geht es nicht nur darum, den Schmerz abzustellen - sondern auch darum, den Menschen beziehungsweise seine Alarmanlage etwas zu desensibilisieren.

Veröffentlicht am:
04. 06. 2019
09:22 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Behandlungen Chirurgen Internisten Nervenheilkunde Orthopädinnen und Orthopäden Patienten Psychotherapie Schmerzen und Schmerzmedizin Schmerztherapie Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Kneginja Richter

17.07.2019

Gibt es das ideale Kopfkissen?

Nachts tanken wir Kraft für den nächsten Tag. Doch das gelingt nur, wenn Körper und Geist wirklich zur Ruhe kommen. Und dafür braucht es ein gutes Kissen. Das zu finden, ist gar nicht so schwer - wenn man auf seinen Körp... » mehr

Stroke Mobile

10.05.2019

Über die Erfolge bei der Schlaganfall-Hilfe

Noch vor 30 Jahren konnte ein Schlaganfall das Ende sein. Daran hat sich viel geändert. Noch immer aber zählt jede Minute. Es gibt viele Projekte, wie Hilfe noch schneller kommen kann. » mehr

Frau schaut in den Spiegel

08.05.2019

Wenn die Zahnarzt-Angst zur Krankheit wird

Es gibt Angst vor dem Zahnarzt. Die kann so schlimm sein, dass sie krankhaft ist. Die Betroffenen müssen zum Psychotherapeuten - möglichst bevor die ersten Zähne faulen. » mehr

Polypharmazie

19.07.2019

Wie Sie den Durchblick im Medikamenten-Chaos behalten

Ein Medikament gegen Bluthochdruck, dazu ein Cholesterinsenker und abends das pflanzliche Einschlafmittel. Bei so vielen Medikamenten sprechen Experten von Polypharmazie. Und die kann gefährlich werden. » mehr

Sonja Utikal

26.06.2019

Was tun, wenn Kinder lispeln?

Eine Zahnlücke, eine Hörstörung oder simple Müdigkeit: Lispeln hat bei Kindern viele mögliche Ursachen - und verschwindet oft von ganz alleine. Und selbst wenn nicht, ist das falsche «S» oft gut therapierbar. Zum Beispie... » mehr

Cannabis-Pflanzen

10.03.2019

Zwei Jahre Cannabis auf Rezept

Seit zwei Jahren können Patienten in Deutschland Cannabis auf Rezept bekommen. Seither steigt die Nachfrage rasant. Während medizinische Fragen offen bleiben, hoffen ausländische Firmen auf das große Geschäft. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
04. 06. 2019
09:22 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".