Lade Login-Box.
Topthemen: Kommunalwahl 2020Bilder vom WochenendeHof-GalerieBlitzerwarner

 

Hausmittel sind oft eine Wohltat, aber kaum erforscht

Salbeitee, Wadenwickel und heiße Milch mit Honig: Jeder kennt irgendein Hausmittel, das etwa bei Erkältung Abhilfe schafft - angeblich. Denn wissenschaftlich erforscht sind Hausmittel meist nicht. Warum eigentlich nicht?



Zwiebelsäckchen
Eine Frau hält sich ein Zwiebelsäckchen, ein Tuch mit geschnittenen Zwiebeln, an ihr Ohr.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa » zu den Bildern

Wenn der Hals kratzt, hilft eine heiße Milch mit Honig. Das hat Oma schon gesagt. Bei einer Erkältung tut eine Tasse heiße Zitrone gut, bei Ohrenschmerzen können Zwiebelsäckchen Abhilfe schaffen.

Das Wissen über Hausmittel wird von Generation zu Generation weitergegeben. Und sie werden häufig angewandt - einer Studie von 2007 zufolge in Deutschland von rund der Hälfte der Bevölkerung. Doch helfen Honig, Zwiebel und Zitrone wirklich? Ganz sicher ist das nicht. Denn: Hausmittel und ihre Wirksamkeit sind weitgehend unerforscht.

Schlechte Studienlage

«Hausmittel wurden eigentlich nie richtig untersucht», sagt Stefanie Joos, Allgemeinmedizinerin und Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Tübingen. Das sei sehr schade, denn «es sind ja Mittel, die teilweise wirklich sehr lange Tradition haben.» Es gebe nur wenige gut gemachte Studien, in denen die Wirksamkeit von Hausmitteln geprüft wurde.

Warum ist das so? «Wenn Pharmafirmen Forschung finanzieren, dann sind die nicht an Hausmitteln interessiert. Dafür bräuchte es dann eine öffentliche Forschungsförderung», erklärt Joos. Dazu seien Hausmittel aber nicht innovativ genug. Und: Hausmittel werden oft bei einfacheren, selbstlimitierenden Erkrankungen angewendet. Da sagt der Fördergeber - «naja, so eine Erkältung ist ja jetzt nicht so wichtig.»

Kein Interesse an Hausmittel-Forschung

Jörg Meerpohl, Leiter des Instituts für Evidenz in der Medizin am Uniklinikum Freiburg, bestätigt das. Die Industrie habe selten Interesse daran, in Hausmittel-Forschung zu investieren. Die Mittel müssten aus öffentlicher Hand kommen.

Die Förderrichtlinien des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Geldgeber für öffentliche Forschung, im Gesundheitsforschungsprogramm sind themenoffen, heißt es. An sich könnten auch Untersuchungen zur Wirksamkeit von Hausmitteln unterstützt werden. Tatsächlich seien aber bisher keine Forschungsanträge mit direktem Bezug dazu eingereicht worden. Auch dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) ist kein Projekt bekannt, bei dem bekannte Hausmittel auf ihre Wirksamkeit untersucht werden, sagt Sprecher Rolf Hömke.

Ärzte bedauern fehlende Forschung

Dass nicht zu Hausmitteln geforscht wird, findet der Kinderarzt Meerpohl schade. «Aus akademisch-wissenschaftlicher Sicht würde ich mir wünschen, dass man Menschen klar sagen kann, ob ein Hausmittel zum Beispiel bei Erkältung wirkt oder nicht.» Aus medizinischer Sicht, denkt er, ist es vielleicht weniger wichtig. Viele Leute wendeten Hausmittel an und fühlten sich damit subjektiv besser. «Ob das Hausmittel dann viel geholfen hat, nur ein bisschen, oder lediglich ein Placebo-Effekt vorliegt, ist vielleicht nicht entscheidend zu wissen.»

Medizinerin Joos bedauert die fehlende Forschung. «Hausmittel werden immer ein bisschen belächelt - undankbarerweise, denn das Zwiebelsäckchen kann in Einzelfällen besser wirken als die Schmerztablette. Um hier verlässliche Empfehlungen zu geben, brauchen wir eigentlich Studien.»

Glaube an die Wirkung wichtig

Hausmittel einzusetzen sei aus verschiedenen Gründen sinnvoll, sagt Joos. Neben der tatsächlichen Wirkung sei es gut, dass der Patient selber etwas macht: «Diese Überzeugung, ich kann auch selbst etwas für mich tun, ich muss nicht immer gleich zum Arzt gehen.» Wenn man Hausmittel zu- und vorbereite, zum Beispiel Zwiebelsäckchen gegen Ohrenschmerzen bei Kindern, komme der Aspekt hinzu, dass man jemandem Zuwendung und Zeit schenke. Das sei ein wichtiger Punkt bei einem Hausmittel. Auch Berührungen etwa bei Wadenwickeln zum Fiebersenken lösten «mit Sicherheit» etwas aus.

Von ihr selbst durchgeführte Studien hätten ergeben, dass vor allem ältere Menschen und auch eher Frauen Hausmittel anwenden. Das liege auch daran, dass das Wissen in den älteren Generationen noch stärker vorhanden sei als in den jüngeren. Hier gehe den Umfragen zufolge das Wissen eher verloren. Die beliebtesten Hausmittel sind der Erhebung zufolge Hühnersuppe, heiße Milch mit Honig, das Inhalieren von etwa Salzwasser oder heiße Zitrone.

Hausmittel aus aller Welt

Dass noch einmal «neue» Hausmittel entdeckt werden, hält die Ärztin für unwahrscheinlich. «Ich glaube eher, dass durch Globalisierung und Migration Hausmittel aus anderen Kulturen dazukommen.» In anderen Ländern gebe es teilweise ganz andere Hausmittel. So spiele die Kartoffel in den Haus-Apotheken Russlands eine große Rolle, ebenso auch der Wodka. Ingwer sei ebenfalls ein Beispiel. Vor 15 Jahren hätte niemand in Deutschland Ingwertee für die Gesundheit getrunken - heute sehe das anders aus.

Auch wenn es nicht viele Studien zu Hausmitteln gibt - ein paar helfen erwiesenermaßen. «Nasenspülungen sind relativ gut untersucht, die helfen definitiv», sagt die Medizinerin Joos. Ebenso Wadenwickel zum Fiebersenken und Honig als Schleimlöser und Hustenstiller. «Man muss ganz klar sagen: Hausmittel sind eine symptomorientierte Behandlung. Sie lindern etwa Schmerz oder Husten, tragen aber wahrscheinlich nicht dazu bei, eine Krankheit zu verkürzen.»

Veröffentlicht am:
02. 01. 2020
11:02 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Allgemeinmedizin Bevölkerung Erkältungen Kinder und Jugendliche Kinderärzte Patienten Senioren Universitätskliniken Ärzte Öffentlichkeit
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Obst

23.10.2019

So läuft eine Darmspiegelung ab

Eine Darmspiegelung gilt als schnelle und sichere Untersuchung. Im Gegensatz zu anderen Arten der Krebsvorsorge können Polypen und andere Auffälligkeiten gleich entfernt werden. » mehr

Erste Hilfe mit Hypnose

02.10.2019

Welche Vorteile Hypnose bei Erster Hilfe bringt

Notfallpatienten haben oft große Angst. Ihr Herz rast, der Blutdruck steigt, was gefährliche Folgen haben kann. Eine Bremer Notärztin setzt zur Beruhigung auf Hypnose. » mehr

EU-Studie

11.12.2019

Deutschland mit Spitzenwert bei Depressionen

Wie depressiv fühlen sich die Deutschen im Vergleich zu anderen europäischen Staaten? Die hohen Werte mögen überraschen. Doch das kann viele Gründe haben - nicht nur negative. » mehr

Sex

08.01.2020

Sexuell übertragbare Krankheiten im Überblick

Sex soll Spaß machen - und keine Angst. Kein Wunder, dass die unschönen gesundheitlichen Folgen einer Bettgeschichte eher Tabuthema sind. Doch das Schweigen kann böse enden. » mehr

In der Tretmühle

11.12.2019

Wie Stress uns heutzutage krank macht

Achtung, Raubtier! Steinzeitmenschen blieb da nur der Kampf oder die Flucht, unterstützt durch Stresshormone. Doch heute ist dieser Mechanismus für viele Menschen gefährlicher als jede Raubkatze. » mehr

Stephanie Kaye

12.02.2020

Hochsensible Kinder brauchen Auszeiten

«Mein Kind ist hochsensibel.» Für manche klingt das nach Wunderkind, für andere nach Weichei. Doch die Wahrheit ist, wie so oft, komplizierter. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
02. 01. 2020
11:02 Uhr



^