Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

 

Was Patienten über Selbstzahlerleistungen wissen sollten

Reiseimpfungen und Vorsorgeuntersuchungen müssen oft selbst gezahlt werden. Auch zum Coronavirus bieten etliche Praxen mittlerweile Selbstzahlerleistungen an. Was hat es damit auf sich - und warum warnen Kassenvertreter vor bestimmten Untersuchungen?



Coronatest als Selbstzahlerleistung
Coronatests als Selbstzahlerleistung sind umstritten. Denn liegt ein negatives Testergebnis vor, könnten sich Patienten in falscher Sicherheit wiegen und Abstands- und Hygieneregeln missachten.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wer sich ohne besondere Gründe auf das Coronavirus testen lassen will, zahlt in der Regel selbst. Bei einem Antikörpertest auf das Virus springt die Kasse noch seltener ein.

Beide Untersuchung gelten in fast allen Bundesländern als individuelle Gesundheitsleistung, kurz IGeL - und damit zu einer umstrittenen Kategorie, für die die gesetzlich Versicherten jährlich etwa eine Milliarde Euro ausgeben.

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDS) warnte, einige Zusatzleistungen könnten nicht nur teuer, sondern sogar gefährlich sein. «Zwei der Topseller - die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung und der Ultraschall der Eierstöcke - schaden eher als dass sie nützen», sagte MDS-Geschäftsführer Peter Pick. Diese IGeL-Leistungen widersprächen den Empfehlungen ärztlicher Fachgesellschaften. Patienten würden oft unzureichend über Risiken informiert und die Konsequenzen falsch positiver Befunde seien hoch. Dies sollten Patientinnen und Patienten wissen:

- DAS SIND IGEL: Individuelle Gesundheitsleistungen sind zusätzliche, nicht zwingend notwendige oder nicht nachweisbar erfolgversprechende Leistungen. Oft dienen sie der Vorsorge oder Früherkennung. Prinzipiell können Ärztinnen und Ärzte zahlreiche solcher Behandlungen in ihren Praxen anbieten. Laut IGeL-Monitor der Krankenkassen gibt es derzeit mehrere Hundert solcher Leistungen. Beispiele sind der Brustultraschall zur gezielten Krebsvorsorge, aber auch Impfungen für private Reisen.

- DIE ENTSCHEIDER: Der Gemeinsame Bundesausschuss bestimmt, was von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlt werden muss. Laut Gesetz müssen das Behandlungen sein, die «ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sind und das Maß des Notwendigen nicht überschreiten». Diese Kassenleistungen dürfen Praxen nicht als IGeL anbieten. Lehnt der Ausschuss aus Klinik-, Ärzte- und Krankenkassenvertretern ein medizinisches Verfahren ab oder hat er noch nicht darüber entschieden, wird es oftmals als IGeL angeboten.

- WANN DIE KASSE TROTZDEM ZAHLT: Hat der Gemeinsame Bundesausschuss eine Methode erst einmal als Kassenleistung abgelehnt, dürfen die gesetzlichen Krankenkassen sie auch nicht freiwillig zahlen. Gibt es hingegen noch keine Entscheidung zu einer Behandlung, kann es sein, dass einige Kassen die Kosten freiwillig übernehmen. Manche Angebote werden auch bei einem konkreten Krankheitsverdacht zur Kassenleistung. Wer etwa Fieber und Erkältungssymptome hat, muss den gängigen Corona-Test nicht selber zahlen. Ebenso bestimmte Berufsgruppen - etwa Lehrerinnen und Lehrern, wenn jemand aus deren Schule positiv getestet wurde.

- CORONA-TESTS ALS IGEL: Für den Nachweis von Corona-Erregern wird ein sogenannter PCR-Test verwendet. Dazu werden Abstriche in den Atemwegen gemacht, etwa im Rachen und an den Bronchien. Die Tests sind wissenschaftlich validiert. Bei Antikörpertests wird hingegen das Blut untersucht: Die Idee ist, dass im Blut gebildete Schutzstoffe auf eine bereits überstandene Erkrankung hinweisen. Deshalb empfiehlt das Robert Koch-Institut die Tests auch nicht zur Akutdiagnostik. Bei beiden Untersuchungen kommt es auf die Umstände an, wer zahlt. Fällt ein PCR-Test trotz vergangener Krankheitssymptome negativ aus oder hält der Arzt ihn für notwendig, übernimmt die Kasse auch die Kosten für einen Antikörpertest.

- DIE KRITIK: Der Medizinische Dienst als Vertretung der gesetzlichen Krankenkassen stuft manche der IGeL-Behandlungen als potenziell schädlich ein. So warnt er etwa vor einem PSA-Test zur Prostatakrebserkennung. Falsch positive Ergebnisse bei Gesunden könnten zu invasiven Behandlungen führen.

Auch bei den Corona-Tests sind die Experten skeptisch: Wenn über die Aussagekraft von Testergebnissen nicht genügend aufgeklärt werde, könnten sich Patienten in falscher Sicherheit wiegen und Abstands- und Hygieneregeln missachten.

Der Verband fordert, dass Ärzte keinen Druck auf ihre Patienten ausüben dürfen, freiwillige Leistungen in Anspruch zu nehmen. Genau das sei aber häufig der Fall, kritisiert Eugen Brysch, Vorstand der Deutsche Stiftung Patientenschutz. «Überrumpeln und Ängste zu schüren sind Bestandteil dieses Geschäftsmodells.» Der individuelle Nutzen der Leistungen sei fragwürdig. Brysch fordert: «Zwischen dem Angebot des Arztes und der Leistungserbringung muss es eine vierzehntägige Bedenkzeit geben. Wird die Frist nicht eingehalten, kann der Patient die Zahlung verweigern.»

© dpa-infocom, dpa:200825-99-302371/2

Veröffentlicht am:
25. 08. 2020
15:54 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Impfungen Krankenhäuser und Kliniken Krankenkassen Krankheitsverdacht Krebsvorsorge Patienten Patientenschutz und Patientensicherheit Reiseimpfungen Robert-Koch-Institut Vorsorgeuntersuchungen Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Prof. Andreas Neu

24.06.2020

Chronisch krank: So gelingt der Abschied vom Kinderarzt

Für chronisch kranke Jugendliche ist der Wechsel vom Kinder- zum Erwachsenenarzt eine besondere Herausforderung. Wie die Umstellung gelingt und was dabei beachtet werden sollte. » mehr

Untersuchung beim Augenarzt

15.10.2020

Grüner Star: Was von der Glaukom-Früherkennung zu halten ist

Das Glaukom, auch Grüner Star genannt, ist eine Erkrankung des Sehnervs und führt unbehandelt zu dauerhaften Schäden. Augenärzte empfehlen Vorsorgeuntersuchungen. Doch wie nützlich sind diese? » mehr

Jochen Sunken

19.02.2020

Wann lohnt sich ein Krankenkassenwechsel?

Geld ist nicht alles: Bei Wahl und Wechsel der Krankenkasse kommt es nicht nur auf den Zusatzbeitrag an - wichtig ist, welche Leistung Kunden dafür bekommen. Und da gibt es durchaus Unterschiede. » mehr

Corona-Test

24.09.2020

Corona-Schnelltests: Was können sie wirklich?

Schnelltests erlauben einen Corona-Nachweis mit relativ wenig Aufwand. Erste Produkte werden erprobt und bereits eingesetzt. Was können die Tests leisten - und was nicht? » mehr

Sterben im Krankenhaus

09.12.2019

Warum viele sterben, wo sie nicht sterben wollen

Fast niemand will es, aber jedem zweiten passiert es doch. Viele Menschen sterben dort, wo sie nicht sterben möchten: Im Krankenhaus. Die Gründe sind vielfältig. » mehr

Symptome bei Covid-19

26.03.2020

Was über die Symptome von Covid-19 bekannt ist

Der große Teil der Infizierten spürt nichts oder nur wenig. Andere Betroffene sterben. Beim neuen Coronavirus variieren die Krankheitsverläufe stark. Über Anhaltspunkte und Warnsignale. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
25. 08. 2020
15:54 Uhr



^