Topthemen: Fall Peggy KnoblochHofer Kaufhof wird HotelGerchRegionale Videos: Eisbaden, Robokids

 

Quereinsteiger als Lehrer: Gute Idee oder zweite Wahl?

«Lehrermangel» ist derzeit ein viel gehörtes Reizwort. Unterricht fällt aus, Klassen werden größer und etliche Bundesländer wollen mehr Pädagogen einstellen. Gleichzeitig suchen nur wenige ausgebildete Lehrer einen Job. Da bieten Quereinsteiger eine Chance. Wirklich?



Lehrermangel
In weiten Teilen Deutschlands herrscht Lehrermangel. Quereinsteiger ohne zusätzliches Lehramtstudium könnten das Bildungssytem entlasten.   Foto: Caroline Seidel/dpa

Wenige Monate Vorbereitung und dann ab in die Klasse: Im Kampf gegen den Lehrermangel an den Schulen setzen viele Bundesländer auf Quereinsteiger. Sie haben Mathe, Sport, Musik oder Ähnliches klassisch studiert, aber nicht auf Lehramt. Trotzdem sollen sie den Personalmangel mildern.

Sind die Quereinsteiger als Mittel gegen Unterrichtsausfall und Riesenklassen mit 28 plus X Schülern wirklich eine gute Idee? Kann jemand mit viel Fachwissen, aber wenig pädagogischem Rüstzeug einen klassischen Lehrer mit jahrelanger Ausbildung ernsthaft ersetzen? In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen wird das in unterschiedlichem Umfang ausprobiert und hitzig diskutiert.

In Thüringen sollen Quereinsteiger erstmals ab Februar an allgemeinbildenden Schulen unterrichten. Bislang sei das nur an berufsbildenden Schulen möglich gewesen, sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Frank Schenker. Eine Ausnahme seien die 150 Lehrer, die seit 2015 Deutsch als Fremdsprache unterrichten.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg sind Quereinsteiger bereits im Einsatz und es wird damit gerechnet, dass ihre Zahl steigt. Die Landesregierung in Sachsen-Anhalt diskutiert derzeit ein neues Schulgesetz, mit dem ihnen erstmals das Referendariat ermöglicht werden soll.

In Brandenburg steigt nach Ministeriumsangaben seit 2014 die Zahl der Seiteneinsteiger, weil insgesamt mehr neue Stellen besetzt würden. Unter ihnen seien vor allem Musikpädagogen und Diplom-Sportler. Insgesamt gebe es im Land rund 1600 Quereinsteiger. Die umsattelnden Kollegen verdienen in der Regel weniger als klassische Lehrer.

Besonders im Fokus steht Sachsen. Der Freistaat setzte zuletzt besonders stark auf Personal ohne Lehramtsstudium. Laut Kultusministerium ist jeder zweite neu eingestellte Lehrer an den allgemeinbildenden Schulen im laufenden Schuljahr kein klassisch ausgebildeter Pädagoge. Früher arbeiteten diese Kräfte eher an den Berufsschulen, seit vorigem Jahr steige ihr Anteil auch an den Grund- und anderen Schulen.

«Die Alternative dazu wäre kein Unterricht», sagt ein Ministeriumssprecher unverblümt. Die freien Stellen könnten sonst nicht besetzt werden. Zuletzt hätten sich beispielsweise nur 1160 ausgebildete Lehrer auf 1400 freie Stellen beworben.

Nicht überall ist der Mangel jedoch gleich groß. Gymnasiallehrer seien noch zu finden, heißt es. Für Grund-, Ober- und Förderschulen fehlt dagegen Personal. Künftig dürfte sich die Lage kaum entspannen: In den nächsten zehn Jahren wird rund die Hälfte aller sächsischen Lehrer in Rente gehen - voraussichtlich um die 15 000.

Bevor die Quereinsteiger vor die Klasse dürfen, bekommen sie eine dreimonatige Qualifizierung, wie der Ministeriumssprecher erläutert. Danach würden sie neben dem Lehrerjob begleitend pädagogisch weitergebildet - oder könnten noch ein zweites Unterrichtsfach an der Uni studieren.

Thüringen setzt auf andere Methoden: Hier sollen die Quereinsteiger berufsbegleitend qualifiziert werden, ein Hochschulabschluss und fachliche Vorkenntnisse sind nach Angaben von Ministeriumssprecher Schenker jedoch nötig. Er rechnet damit, dass im kommenden Jahr bis zu 100 Neulinge im Lehrerberuf eingestellt werden. Großen Bedarf gebe es an Schulen im ländlichen Raum sowie an Regelschulen in den naturwissenschaftlichen und musischen Fächern.

Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) rechnet damit, dass die derzeit noch überschaubare Zahl an Quereinsteigern in den nächsten Jahren deutlich wächst. Die nachgeschulten Kräfte werden gebraucht: Im Sommer konnte das Land 100 Stellen nicht besetzen. In einer aktuellen Runde sind fast die Hälfte der 600 Bewerber für weitere Einstellungen Quereinsteiger.

Tullner will die neuen Kräfte künftig besser qualifizieren. In seinem Entwurf für ein neues Schulgesetz gibt es erstmals die Möglichkeit, ein klassisches Referendariat neben dem Einsatz im Klassenzimmer zu absolvieren. «Das Ziel ist, dass sie am Ende dieselbe Qualifikation wie alle anderen Lehrer haben», sagt der CDU-Politiker.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zweifelt an dem Konzept. Das Programm richte sich nur an Bewerber, die mit ihren Fachstudien zwei Unterrichtsfächer abdecken könnten, moniert GEW-Landeschefin Eva Gerth. Das treffe auf die wenigsten zu. Tullner hält dagegen, dass die Quereinsteiger ein zweites Fach über Weiterbildung an der Uni lernen könnten - um dann ins Referendarat zu gehen.

Bei diesen Plänen hat hingegen die Vorsitzende des Grundschulverbands im Land, Thekla Mayerhofer, Bauchschmerzen. «Bereits klassische Referendare klagen über die hohe Arbeitsbelastung», sagt sie. «Wie soll ein Quereinsteiger in so kurzer Zeit neben dem Job die zusätzlichen Extraausbildungen schaffen?» Die Gefahr sei hoch, dass die neuen Lehrkräfte verheizt würden, ehe sie genügend Kompetenzen in Unterrichtsplanung und Pädagogik hätten.

Ein Indiz, dass es in der Praxis oft nicht so reibungslos funktioniert, ist die Abbrecherquote in Sachsen: Im vorigen Schuljahr schmiss jeder zehnte neu eingestellte Quereinsteiger hin, im Jahr zuvor sogar jeder fünfte, wie der Ministeriumsprecher berichtet. In Brandenburg kennt man dieses Phänomen nach eigenen Angaben nicht - bisher seien keine relevanten Abbrecherzahlen bekannt.

Veröffentlicht am:
30. 10. 2017
04:15 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten CDU Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Ideen Marco Tullner Pädagogen und Erziehungswissenschaftler Schulgesetze Unterricht
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Hebammenwissenschaft

26.10.2018

Hebamme mit universitärem Bachelor-Abschluss

Hebammen trösten, motivieren und entscheiden bei Notfällen im Kreißsaal in wenigen Sekunden, was zu tun ist. Und das dank einer klassischen Berufsausbildung. Nun dürfen Geburtshelfer auch an die Uni. Ziel: fit fürs Ausla... » mehr

Wohnen während des Studiums

03.08.2018

Wo man im Studium am besten wohnt

Die erste WG oder doch lieber das alte Kinderzimmer? Diese Frage stellt sich für viele Erstsemester. Beides hat Vor- und Nachteile - die über Wäschewaschen und Studentenfeten hinausgehen. » mehr

Elektronische Kampfführung

09.05.2017

Ein ganz normaler Job? Technische Berufe bei der Bundeswehr

Landesverteidigung, Auslandseinsätze, Logistik und Wartung: So groß wie die Aufgaben der Bundeswehr ist auch ihr Personalbedarf. Besonders begehrt sind zurzeit IT-Fachkräfte und Techniker - gerne auch ohne Dienstgrad und... » mehr

Martin Wehrle

17.12.2018

So klappt der Start mit neuen Vorgesetzten

Einem neuen Chef stehen viele Teams anfänglich oft mit Skepsis gegenüber. Doch so ein Wechsel hat für die Angestellten auch viel Positives. Mit der richtigen Kommunikation können sie zum Beispiel lange gehegte Ideen endl... » mehr

Berlin Debating Union

21.01.2019

Debattierclubs an den Hochschulen

Strukturiert und mit wohlüberlegten Argumenten die eigene Position durchsetzen: Die hohe Kunst des Debattierens zu beherrschen, hat viele Vorteile. Diskussionen in studentischen Debattierclubs sind dafür ein gutes Traini... » mehr

«Grundlagen des Schnell-Lesens»

14.01.2019

Mit Slalomblickführung zum Speedreader werden

Sie heißen «Speedreader» oder «Turboleser»: Menschen, die Texte in Rekordzeit lesen und verstehen können. Eine Fähigkeiten, die in vielen Berufen sinnvoll sein kann. Doch funktioniert das Schnell-Lesen wirklich? Und was ... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
30. 10. 2017
04:15 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".