Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom Wochenende30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER Selb

 

Immer mehr Flüchtlinge als Azubis

Aus humanitären Gründen, vor allem aber um den Fachkräftemangel zu verringern, bilden immer mehr Mittelständler Flüchtlinge aus. Die Erfahrungen sind oft gut; aber ein Hemmnis bleibt.



Tedros Gebru
Nach seiner Flucht aus Eritrea hat Tedros Gebru eine Ausbildung bei Lapp abgeschlossen und arbeitet nun in der Kabelherstellung.   Foto: Sebastian Gollnow

Sie werden Einzelhandels- und Versicherungskaufleute, Industriemechaniker oder auch Hotelfachkräfte, und ihre Arbeitgeber loben sie oft über alle Maßen: Flüchtlinge als Auszubildende sind motiviert, lernfähig, fleißig und loyal dem Unternehmen gegenüber, berichten Mittelständler.

Mehr als 28 000 junge Menschen aus den acht Hauptasyl-Herkunftsländern sind derzeit in Deutschland in Ausbildung, heißt es bei der Bundesarbeitsagentur. Das sind fast sechsmal so viele wie 2014, Tendenz weiter steigend.

Seit 2015 arbeitet der Eritreer Tedros Gebru beim Kabelspezialisten Lapp in Stuttgart. Nach einer achtmonatigen Einstiegsqualifikation begann der heute 27-Jährige mit der Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer, die er mittlerweile abgeschlossen hat. Er ist Vorbild für weitere 15 Flüchtlinge unter den insgesamt 65 Lapp-Azubis. «Die Sprache lernen, das ist das Wichtigste», schildert Tedros Gebru seine Erfahrungen.

Mangelnde Deutschkenntnisse sind bis heute die größte Hürde bei der Einstellung von Flüchtlingen - das gaben im Februar bei einer Umfrage der Unternehmensberatung EY 83 Prozent der befragten Unternehmen an. Gleichzeitig glaubt demnach die Mehrheit, dass Flüchtlinge den Fachkräftemangel lindern können, und bereits jeder vierte Mittelständler gibt an, Flüchtlinge zu beschäftigen.

Beim Familienunternehmen Lapp ist der Einsatz von Flüchtlingen sowohl aus humanitären als auch unternehmerischen Gründen selbstverständlich. Man sei sich bewusst, dass Flüchtlinge mehr Unterstützung benötigten als Auszubildende, die in Europa aufgewachsen seien, sagt Ausbildungsleiter Thilo Lindner. Aber: «Alles, was man in sie investiert, zahlt sich wieder aus. Für uns ist das eine echte Erfolgsgeschichte.» Viele Flüchtlinge brächten eine große soziale Freundlichkeit und zudem sehr gute naturwissenschaftliche Grundlagen mit. So wie Tedros Gebru, der im ostafrikanischen Eritrea vor seiner Flucht als Elektriker arbeitete.

Problematisch sind die Kentnisse, die die jungen Menschen in der Heimat erworben haben, dennoch. «Oft haben sie dort anders gearbeitet, mit weniger modernen technischen Mitteln», sagt Bernhard Boockmann vom Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung. «Jemand, der schon einmal in Syrien oder im Irak tätig war, hat längst noch nicht alles gelernt, was er hier braucht.» Vor allem in der Berufsschule täten sich viele Flüchtlinge schwer - zum einen wegen der Sprache, zum anderen, weil die Priorität in den Heimatländern eher auf der Theorie als auf der Praxis liege.

Das bestätigt auch Constantin Bräunig vom Netzwerk «Unternehmen integrieren Flüchtlinge», der Flüchtlings-Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). «Es passiert, dass die Geflüchteten in der Ausbildung sehr gut sind, aber dann aus der Berufsschule Fünfen und Sechsen mitbringen.» Die Kammern versuchten zu helfen, könnten jedoch auch nicht einfach so bestehende Standards aufweichen. Dafür seien die Unternehmen sehr aktiv: Viele finanzierten Deutschkurse und Lehrmaterialien, auch Kollegen aus der Belegschaft unterstützten die ausländischen Azubis als Mentoren.

Die DIHK-Initiative zählt mittlerweile fast 1800 Mitgliedsunternehmen, monatlich kommen bis zu 50 weitere hinzu. Drei Viertel der Mitglieder sind kleine und mittlere Unternehmen. Bundesweit haben sich zudem viele Firmen der Wirtschaftsinitiative «Wir zusammen» angeschlossen - darunter Riesen wie der Versicherungskonzern Allianz, die Autobauer Opel und VW sowie Siemens, Airbus und DHL, aber auch die Berliner Verkehrsbetriebe und der Kekshersteller Bahlsen.

Ansatz der Netzwerke ist der Gedanke, dass vor allem Ausbildung und Arbeit einen Beitrag zur gelungenen Integration leisten können. Die Wirtschaft, vor allem kleinere Unternehmen, benötigt jedoch auch Hilfe von den Netzwerken - etwa beim bürokratischen Aufwand, einen Flüchtling auszubilden oder einzustellen, und vor allem auch dann, wenn es um eine mögliche Abschiebung geht. «Immer wieder bekommen wir verzweifelte Anrufe von Firmen, es gebe einen Abschiebungsbescheid, was nun zu tun sei», sagt Bräunig.

Bei Azubis kann für die Dauer der Ausbildung eine Ausbildungsduldung angestrebt werden und der Aufenthalt außerdem für weitere zwei Jahre verlängert werden. Allerdings agieren die Ausländerbehörden bundesweit recht unterschiedlich, und jeder Fall mit seinen Besonderheiten wird einzeln geprüft, ist die Erfahrung beim DIHK-Netzwerk. «Das führt zur Unsicherheit bei der Personalplanung und wird deshalb von den Unternehmen oft als Hemmnis für den Einsatz von Flüchtlingen angeführt», sagt Bräunig.

Die Unternehmen, die sich dennoch dafür entscheiden, bereuen es meist nicht. Bei Lapp ist man mehr als froh, Tedros Gebru im Team zu haben. «Er ist talentiert, ehrgeizig und ein super Mitarbeiter und Kollege», sagt Ausbildungsleiter Lindner über den jungen Mann.

Gebru selbst schätzt bei Lapp vor allem die familiäre Atmosphäre. Er fühle sich dort und generell in Deutschland sehr wohl, sagt er. «Nächstes Jahr mache ich vielleicht sogar meinen Meister, schauen wir mal.» Die Sprachkenntnisse dazu hat er längst. Nur wenn der junge Eritreer nach seiner Flucht gefragt wird - unter anderem gemeinsam mit 360 Menschen ohne Nahrung und Wasser in einem seeuntüchtigen Boot, das eine Woche auf dem Mittelmeer trieb - dann fehlen ihm die Worte. «Da hilft keine Sprache», sagt er, «die meisten, die dabei waren, sind gestorben.»

Veröffentlicht am:
19. 04. 2018
13:57 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Airbus GmbH Ausbildungsleiter Ausländerbehörden Auszubildende Bahlsen Berliner Verkehrsbetriebe Berufsschulen DHL Deutscher Industrie- und Handelskammertag Erfahrungen Fachkräftemangel Flüchtlinge Humanität Mittelständler Opel Siemens AG VW Versicherungskonzerne
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Digitalisierung

07.10.2019

Wenn der Job digitalisiert wird

Viele Unternehmen stehen derzeit vor der Frage: Was kann ich gewinnen, wenn ich mehr Arbeitsschritte vom Computer erledigen lasse? Für die Beschäftigten lautet die Frage eher: Was mache ich denn dann? Ein Mittelständler ... » mehr

Azubis gesucht

06.09.2019

Wenn es bis zur Lehrstelle 174 Kilometer sind

Vielen Betrieben fehlen Auszubildende. Für Nachwuchs müssen Unternehmen kreativ werden. Auch damit die Azubis überhaupt logistisch zur Arbeitsstelle kommen können. » mehr

Ausbildung

26.07.2019

Keine Angst vor der Digitalisierung

Selbstfahrende Lastwagen oder Zahnersatz aus dem 3-D-Drucker: Was heute noch Menschen erledigen, könnten zukünftig Maschinen übernehmen, denn die Digitalisierung verändert auch viele Ausbildungsberufe. Ein Wagnis für ang... » mehr

In der Berufsschule zwischen Theorie und Praxis

10.07.2019

Das erwartet Azubis in der Berufsschule

Eine duale Ausbildung findet nicht nur im Betrieb, sondern auch in der Berufsschule statt. Eugen Straubinger vom Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung erklärt, auf was sich Schüler dort einstellen müssen. » mehr

Berthold Hübers

12.11.2018

Lernen im Ausland: Was Azubis wissen müssen

In der Ausbildung ins Ausland gehen - das ist doch nur etwas für Studenten, oder? Von wegen! Auch für Lehrlinge gibt es diese Möglichkeit. Weit verbreitet ist das bislang aber noch nicht. » mehr

Ingo Rottländer

28.10.2019

Per Video-Clip zum Traumjob

Unternehmen suchen dringend Fachkräfte und gehen verstärkt auf geeignete Kandidaten zu. Auch in Sachen Bewerbung. Ein Video-Clip kann heute erster Türöffner sein. Wie stellt man sich authentisch dar? » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
19. 04. 2018
13:57 Uhr



^