Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

 

Mit Hauptschulabschluss in die Ausbildung

Nach der Schule gleich die nächste Herausforderung: Einen Ausbildungsplatz finden. Viele Bewerber haben mindestens einen mittleren Abschluss. Verschlechtert das die Chancen für Hauptschulabsolventen?



Ausbildung im Handwerk
Auch mit einem durchschnittlichen Hauptschulabschluss können Jugendliche eine Ausbildung im Handwerk finden.   Foto: Ina Fassbender/dpa-tmn

In der Jugend kommt vieles zusammen: Auseinandersetzungen mit den Eltern, mit der Schule - und nicht zuletzt mit sich selbst. Wer die Schule mit einem Hauptschulabschluss verlässt, ist schon nach der 9. oder 10. Klasse mit der Frage konfrontiert, wohin es beruflich gehen soll.

Es sind aber immer weniger junge Menschen, die mit einem Hauptschulabschluss ins Arbeitsleben starten. Wie der Berufsbildungsbericht 2020 der Bundesregierung zeigt, lag deren Zahl 2018 um knapp 77 000 Personen niedriger als zehn Jahre zuvor.

Laut Statistischem Bundesamt hatten 2018 rund 16 Prozent der Abgängerinnen und Abgänger allgemeinbildender Schulen einen Hauptschulabschluss, rund 42 Prozent einen mittleren Abschluss und knapp 35 Prozent eine allgemeine Hochschulreife. Was bedeutet das für die Chancen von Hauptschulabsolventen auf dem Ausbildungsmarkt?

Noten und Abschlüsse sind nicht alles

Jörg Sydow, Leiter des Projekts «Passgenaue Besetzung von Ausbildungsplätzen» bei der Handwerkskammer Potsdam, macht ihnen Mut. Er habe den Eindruck, dass die Bedeutung von Noten und Abschlüssen in der dualen Ausbildung abgenommen habe. Das liege vor allem am Fachkräftemangel. «Mit einem Hauptschulabschluss kann man sich definitiv im Handwerk bewerben - aber vielleicht nicht in jedem Betrieb und jedem Beruf», sagt Sydow.

Denn in einigen Bereichen ist die Konkurrenz groß - beispielsweise bei den angehenden Elektronikern und Kfz-Mechatronikern. Gerade dreieinhalbjährige Ausbildungen seien theoretisch sehr anspruchsvoll. Der Projektleiter weist deshalb auch auf zweijährige Ausbildungsangebote hin - beispielsweise zum Ausbaufacharbeiter.

Gesucht sind nicht nur Musterschüler

Der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen führe zwar dazu, dass der Hauptschulabschluss an Anerkennung verloren habe, bestätigt Björn Reichenbach, Referent im Geschäftsbereich Aus- und Weiterbildung bei der Handelskammer Bremen. Auf dem Arbeitsmarkt biete er trotzdem gute Chancen. «Wir bemerken, dass die reine Schulnote bei den Betrieben weniger zählt.»

Schlechte Noten hätten nicht unbedingt etwas mit den Fähigkeiten zu tun, sondern könnten auch andere Ursachen haben - beispielsweise Probleme im Elternhaus, sagt Sydow. Viele Betriebsinhaber und -inhaberinnen hätten dafür Verständnis - denn auch sie selbst waren nicht alle Musterschüler.

Unternehmen auf der Suche nach Nachwuchs

Dass sich Schülerinnen und Schüler mit Schwächen durchaus als gute Auszubildende erweisen können, hat auch Andree Schölzel erlebt. «Man kann nicht sagen, dass jemand, der eine vier in Deutsch hatte, nicht wissbegierig ist», so der Personalleiter der Hegemann-Gruppe.

Das Unternehmen mit Sitz in Bremen ist im Bau-Bereich, in der Industrie und in der Touristik tätig. Vor allem im Bau und in der Gastronomie herrsche Nachwuchsmangel, sagt Schölzel. «Da sind wir um jeden dankbar, den wir begeistern können.»

Auch ohne herausragende Zeugnisse sei es nicht schwer, beim Vorstellungsgespräch zu überzeugen, betont Anna Reimann, die bei der Hegemann-Gruppe für Ausbildung und Personalentwicklung zuständig ist: «Es ist gut, wenn jemand Interesse mitbringt und ein bisschen was zu sich selbst erzählen kann.»

Mit Motivation überzeugen

Wer im Gespräch schüchtern sei, könne sich auch bei einem Praktikum beweisen. Ausbildungsexperte Reichenbach betont, dass es auf die Motivation ankommt. «Wenn jemand bei einer Ausbildungsmesse mit leuchtenden Augen am Stand steht, ist das für die Betriebe wie ein Sechser im Lotto.» Er rät jungen Menschen dazu, sich nicht nur in der näheren Umgebung umzugucken - sondern die Fühler weiter auszustrecken und auch nach kleineren Betrieben und unbekannteren Berufsfeldern zu gucken.

Insgesamt gibt es in Deutschland einen Überschuss an Ausbildungsstellen. Ende September 2019 standen laut Berufsbildungsbericht den rund 53 000 noch offenen Stellen 24 500 unversorgte Bewerberinnen und Bewerber gegenuber. Für rund 60 Prozent der Stellen sei ein Hauptschulabschluss ausreichend gewesen.

Orientierung über Einstiegsqualifizierung

Ein Instrument, um jungen Menschen den Weg in die Ausbildung zu erleichtern, ist die Einstiegsqualifizierung . Mitfinanziert von der Agentur für Arbeit können sie ein sechs- bis zwölfmonatiges Praktikum absolvieren, das sie auf die Ausbildung vorbereitet. Reichenbach rät generell, frühzeitig Praktika zu absolvieren - nicht nur in den von der Schule vorgegebenen Zeiten, sondern auch in den Sommerferien.

Jörg Sydow unterstreicht die Bedeutung von Qualitäten wie Pünktlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit und Teamfähigkeit. «Dass man sich auf jemanden verlassen kann, steht ganz weit oben auf der Liste.» Einige Betriebe stellten sogar gern junge Leute ein, die keine tollen Noten haben - in der Hoffnung, dass diese die Chance honorieren. «Die Bindung zum Betrieb wird dadurch stärker», sagt Sydow.

Nicht jeder muss mit 17 seine Berufung kennen

Bei manchen Arbeitgebern seien gerade auch ältere Auszubildende gern gesehen. Manchmal braucht es Zeit, bis der passende Beruf gefunden ist. «Wenn man mit 17 noch nicht weiß, was man machen will und keinen guten Abschluss hat, ist das Leben noch nicht vorbei», sagt Maria Schmidt von der Neuen Arbeit Brockensammlung . Die Einrichtung des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen bietet langzeitarbeitslosen Erwachsenen und Jugendlichen Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen in verschiedenen Bereichen.

Sie erlebe häufig, dass junge Leute keine guten Erfahrungen mit Lernen und Schule gemacht haben, erzählt die Pädagogin und Betriebsleiterin. «Sie haben eine schwache Frustrations-Toleranz, wenn etwas nicht sofort zu begreifen ist.» Deswegen sei es gut, erst einmal praktische Erfahrungen zu sammeln. «Das Wichtigste ist, dass sie wirklich wollen und motiviert sind.»

© dpa-infocom, dpa:200619-99-486588/2

Veröffentlicht am:
26. 06. 2020
11:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitgeber Auszubildende Beruf und Karriere Berufsfelder Bildungsabschluss Director Human Ressources Hauptschulabschlüsse Personalentwicklung Praktika Schülerinnen und Schüler Statistisches Bundesamt
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Besser lernen

07.07.2020

Als Schüler von Spitzensportlern lernen

In der Ausbildung werden Theorie und Praxis verknüpft. Optimale Lernvoraussetzungen, sagt Neurowissenschaftler und Autor Henning Beck. Den Rest kann man sich von Leistungssportlern abgucken. » mehr

Monika Hackel

03.08.2020

Was die Ausbildung in seltenen Berufen bringt

Eine Lehre als Bürstenmacherin oder Instrumentenbauer: Kann das Zukunft haben? Einige Ausbildungen sind mittlerweile äußerst selten. Warum sie dennoch keine verschwendete Liebesmühe sein müssen. » mehr

Freiwilliges Soziales Jahr

06.07.2020

Nach der Schule in den Freiwilligendienst

Nach der Schule direkt ins Berufsleben starten? Das ist nicht für jeden etwas. Ein Freiwilligendienst kann helfen, Zukunftspläne zu konkretisieren. Als erstes heißt es, das richtige Angebot zu finden. » mehr

Krise als Chance sehen

07.04.2020

Berufspläne schmieden in Corona-Zeiten

Schulabschluss, und jetzt? Wenn alles «Krise!» ruft, ist das Gefühl der Orientierungslosigkeit besonders groß. Ein Experte erklärt, warum Schüler jetzt nicht alle Pläne über den Haufen werfen müssen. » mehr

Lebenslauf

17.02.2020

Den Lebenslauf überzeugend gestalten

Einen Lebenslauf aufsetzen? Das haben die meisten schon mal gemacht. Doch dann will man sich auf einen neuen Job bewerben - und die Regeln von einst sind überholt. Worauf sollte man achten? » mehr

Ekzeme bei Reinigungskräften

28.09.2020

Was Sie zu Berufskrankheiten wissen müssen

Eine Krankheit als Berufskrankheit anerkennen zu lassen, ist oft nicht leicht. Nur ein Teil der gemeldeten Fälle wird auch bestätigt. Wie läuft das Verfahren ab? Antworten auf wichtige Fragen. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
26. 06. 2020
11:32 Uhr



^