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Eine neue Inquisition? Der Domino-Effekt

Eine Hochschule in Berlin wird das harmlose Gedicht eines berühmten Mannes von ihrer Fassade entfernen. Das Metropolitan Museum of Art in New York wird aufgefordert, ein berühmtes Gemälde abzuhängen. In Paris gab es Demonstrationen gegen eine Retrospektive von Roman Polanski. Bestimmenkünftig die Bilderstürmer, was in den Museen und Kinos gezeigt, in den Verlagen gedruckt werden darf?



Bald nicht mehr zu sehen: das Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.   » zu den Bildern

Die Frage, ob eine erwachsene Frau für eine Million Dollar mit einem fremden Mann schläft, der aussieht wie Robert Redford, ist kein ernsthafter Diskurs über ein unmoralisches Angebot, es ist ein amüsantes Gesellschaftsspiel. Die Frage hingegen, wie es sich mit der Moral verhält, wenn ein vierzigjähriger Mann mit einem zwölfjährigen Mädchen schläft, ist vollkommen unamüsant. Und sie ist, jenseits der Aufklärung und der Jurisprudenz, nur einem großen Künstler zugänglich.

Ist sie das?

"Lolita", dieses Buch von Vladimir Nabokov, 1955 erschienen, ist das vielleicht gravierendste Exempel auf die schwierige Beziehung eines Kunstwerkes zur Wirklichkeit. Es handelt mit einem Sujet, dessen Akzeptanz jenseits der Kunst sich selbst der entschlossenste Wille zur tabulosen Toleranz verweigern muss, wenn er nicht zur gefährlichen Gleichgültigkeit degenerieren will. Denn die sexuelle Verfügbarkeit zwölfjähriger Mädchen für die, wie auch immer drapierte, Begierde erwachsener Männer rührt an eines der letzten – will auch sagen: eines der notwendigen – Tabus dieser weithin tabu- und wertfreien Gesellschaft. Deshalb gerät hier die Differenz zwischen der Wirklichkeit und ihrer künstlerischen Metapher in eine moralische Grauzone. Aber seit Harvey Weinstein und den Folgen gerät auch Kunst verstärkt in diese Zone, und wird mit einem moralisch-gesellschaftlichen Verdikt belegt, die sich vordem nicht solchen Fragen zu stellen hatte.

Das einflussreiche Magazin Time hat ein großes, global agierendes Kollektiv zur "Person des Jahres" gekürt, den Hashtag MeToo. Der weltweite Schrei "Ich auch", mit denen Frauen ihre sexuellen Bedrängungen durch Männer, von verbaler Geringschätzung über unerwünschte Berührung bis zur Vergewaltigung, öffentlich machen, erhielt diese Auszeichnung mit allem Recht der Welt. Denn MeToo hat die Sensibilität für männlichen Machtmissbrauch in allen seinen Erscheinungsformen geschärft.

In den USA und weltweit wurde der Produzent Harvey Weinstein gleichsam zum Symbol eines brutalen, sich für unangreifbar haltenden Machtmissbrauchs, in Deutschland gilt der exzellente Fernsehregisseur Dieter Wedel als exponierter Vertreter eines solchen feudal-hemmungslosen Übergriffs auf die Integrität anderer, abhängiger Menschen. Der Fall Weinstein wirkte als der erste, mit viel Anschubenergie fallende Stein eines Domino-Effektes, dessen Energie wiederum die Bereitschaft zur Differenzierung bei vielen Menschen zu minimieren scheint. Er wirkt als Erregungs- und Wirkungsbeschleuniger eines universitären Feminismus, der befördert durch diese richtige und notwendige Debatte, die Chance sieht, auch außerhalb der beinahe geschlossenen universitären Zirkel ein gesellschaftliches Klima prägen oder doch wenigstens beeinflussen zu können.

Und deshalb ist das der am meisten diskutierte literarische Text der letzten Monate:

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer


Es handelt sich um ein Gedicht des Autors Eugen Gomringer aus dem Jahr 1951, der 2011 den Poetik-Preis der Alice-Salomon-Hochschule Berlin erhalten hatte und es befindet sich seit diesem Jahr 2011 an der Außenfassade eben dieser Hochschule, in spanischer Sprache. Seit 2016, also deutlich vor Weinstein, forderte der ASTA, der Allgemeine Studentenauschuss der Hochschule, den Text zu entfernen. Weil er nicht nur die patriarchale Kunsttradition fortschreibe, in der Frauen die Objekte männlicher Betrachtung sind. "Es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind."

Und jetzt hat, im Januar dieses Jahres, mutmaßlich befördert durch das neue Klima, die Hochschule beschlossen, das Gedicht zu entfernen.

Das scheint zunächst kein wirklicher Angriff auf die Freiheit der Kunst, denn es bleibt jeder-mann freigestellt, den Text beliebig zu verbreiten und es ist das Recht der Hochschule, über die Gestaltung ihrer Fassade frei zu entscheiden. Einmal beiseite, dass diese Entscheidung vielen Menschen, darunter dem Autor, als eine Albernheit gilt, die zudem die sinnvolle, richtige und notwendige Debatte überlagert und, wenn Mann will, die Möglichkeit bietet, die ganze Richtung dieser Debatte ironisch zu desavouieren, das alles einmal beiseite sind die Forderung der Studenten und das Nachgeben der Hochschule doch viel mehr als eine Albernheit: Sie sind tatsächlich der Versuch, die Freiheit der Kunst anzugreifen. Denn sie greift die Legitimität eines freien Nachdenkens über Kunst an, die Legitimität der Kunst selbst zum freien Nachdenken.

Und dieser Prozess wirkt zu Teilen wie vor einiger Zeit die Debatte um die Mohammed-Karikaturen – nur dass dieses Mal der ethische Referenzrahmen auf Seiten des Fortschritts zu sein scheint. Eine radikale Empfindsamkeit, die versucht, sich als gesamtgesellschaftliche Norm zu etablieren.

Nun also soll in Europa und den USA gleichsam die Kunstgeschichte hochnotpeinlich examiniert werden. Die Manchester Art Gallery hat, wenigstens vorübergehend, ein Bild aus dem Jahr 1896 abgehängt, "Hylas und die Nymphen" von J.W. Waterhouse. Es zeige, so hieß es, den nackten weiblichen Körper als pure Dekoration. Das mag so sein – aber wollen wir tatsächlich nachholend die Kunstgeschichte umschreiben, so wie aus Mark Twains "Tom Sawyer" in einer Ausgabe alle "Nigger" eliminiert wurden, so wie Astrid Lindgrens "Negerkönig" zum "Südseekönig" wurde? Was auch bedeuten würde, so gut wie alle klassischen Gemälde abzuhängen, deren alttestamentarischen Sujets Batheseba und der lüsterne David sind oder Susanna im Bade und die lüsternen Alten, also auch Rembrandt und Tintoretto in die Depots zu verbannen?

Das scheint absurd, aber es wäre die Konsequenz. Es gibt Forderungen, das Werk des Malers Balthus (1908/2001) im New Yorker Metropolitan Museum of Art zu entfernen. In der Tat, kann man diesen Blick zwischen die geöffneten Beine der 13-jährigen träumenden Therese (1938) pornografisch empfinden und die Sexualisierung dieses Mädchens ist offenkundig – doch auch hier liegt die Art der Betrachtung im Auge des Betrachters. Man kann dieses Bild sehen als einen lächelnden Blick auf ein sich dem Erwachen entgegen träumendes Mädchen, das sich seiner selbst noch nicht recht bewusst ist. So wie Gustave Courbets legendärer "Ursprung der Welt", die Konzentration auf eine behaarte Vulva, entweder eine schamlose Präsentation des Genitals als Objekt ist oder ein durch den Titel anregender Gedanke, der die rein sexuelle Betrachtung konterkariert. Vermutlich ist es für die Mehrheit der Betrachter beides.

"Die Betrachtung weiblicher Schönheit
und Sexualität wird unausrottbar sein."

Diese Mehrdeutigkeit, dieses Schweben in den Grauzonen einer tatsächlichen oder ver-meintlichen Moral der Kunst auf den Index zu setzen, bedeutete, die Kunst im Cleanroom einer Moral einzuhegen. Geschichte, auch die der Kunst, lässt sich nicht rückwirkend korrigieren, sie ist eine Art Testat der gesellschaftlichen und künstlerischen Entwicklung – und sie ist ein Wert aus eigenem Recht. Im Übrigen wird, wer die reine Pornografie sucht, das eher nicht in einem edlen Museum tun oder in einem Bildband, das Netz ist schneller, billiger und tabuloser.

Als die Vorwürfe gegen Kevin Spacey, hier waren Männer die Opfer, an die Öffentlichkeit kamen, da entschied das Streaming-Portal Netflix, die letzte Staffel der weltweit gerühmten Serie "House of Cards" ohne ihren Star zu drehen. Das war nachvollziehbar, die Debatte über Spacey hätte die Produktion vollkommen überlagert. Aber was wird aus den bisherigen Arbeiten Spaceys? Der zweifache Oscar-Preisträger bleibt doch ein herausragender Schauspieler, "American Beauty" bleibt doch eine herausragende Leistung. Was ist mit Roman Polanski, was mit Woody Allen? War da nicht auch was mit Dustin Hoffman? Soll ein schlechtes Gewissen haben, wer künftig ihre Filme zeigen oder sehen will?

Es ist keine neue Erkenntnis, dass der Wert, die Kraft eines Kunstwerkes in keinem zwingenden Zusammenhang stehen mit der Moral, der Integrität seines Schöpfers. Nur, dass diese alte Tatsache jetzt neu um ihre Akzeptanz zu ringen hat. Es gab die jungen Mädchen von Balthus schon lang, so wie es die Vorwürfe gegen Polanski und Allen gab. Der Antisemitismus von Richard Wagner wurde immer mal wieder thematisiert, was aber seinem Werk, mit der begreiflichen Ausnahme Israel, nichts von dessen Faszination nahm. Die Frage ist also, ob die Debatte in der Folge von MeToo unseren Umgang mit Kunst auf Dauer verändern wird und darf. Und die Antwort kann nur heißen: Nein.

Denn dann hätte dieser hochwichtige Aufschrei gegen den Missbrauch männlicher Macht eine fatale Folge für die Freiheit der Kunst. Was MeToo verändern wird, und das ist der nicht zu überschätzende Gewinn, ist eine geschärfte Sensibilität für den Missbrauch, auch den subtilen, von Macht und in der Folge auch dessen Einhegung. Dass sich in diesem Prozess, wie bei jeder neuen Kraft, auch extreme, ideologisch einseitige Positionen ins Getümmel stürzen, das ist gleichsam ein Kollateralschaden jeder gesellschaftlichen Entwicklung, das muss man aushalten und aufhalten. Wir sollten jedoch über der Albernheit mancher Position nicht die Ernsthaftigkeit des Prinzips vergessen.

Die Betrachtung weiblicher Schönheit und Sexualität wird, im Leben wie in der Kunst, unausrottbar sein. Und die Debatte darüber, was Kunst kann und darf, wird nach diesen Aufregungen wieder in der Normalität ankommen, nach Jahrhunderten radikaler Ignoranz durch Männer und Jahren radikaler Empfindsamkeit durch Frauen. Bleiben aber wird die geschärfte Aufmerksamkeit für das Verhalten der Mächtigen.

Am Ende des letzten Teiles von "House of Cards", sagt die Figur Claire Underwood, der Co-Star, groß in die Kamera: "Jetzt bin ich dran". Das galt natürlich der Figur Frank Underwood und den damals geplanten Fortgang der Story. Heute gilt der Satz der Schauspielerin Robin Wright, die sich mehrfach über ungleiche Gagen beklagt hatte, auch dem Schauspieler Kevin Spacey, der diesen rücksichtslosen Typen wohl nicht nur spielte. Dass auch Stars wie er fallen können wie ein Kartenhaus, wenn sie sich benehmen wie er, das ist eine gute Botschaft. Dass er dennoch ein großartiger Schauspieler bleibt, das ist eine notwendige Ergänzung. Ob man diese Filme künftig noch sehen will, das soll ein jeder für sich entscheiden, nicht eine Ethik-Kommission für alle.

 

Autor

Henryk Goldberg
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 02. 2018
20:45 Uhr

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