Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 54. Hofer Filmtage75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

 

Der böse Blick

Einstellungen per Display können Bußgeld kosten, urteilt das OLG Karlsruhe. Für viele Autobauer ein Problem ...



  » zu den Bildern

Waren das Zeiten: Wollte man die Heizung im Auto wärmer und das Gebläse stärker haben, schob oder drehte man an Reglern, für die Lautstärke des Radios genügten ebenfalls Daumen und Zeigefinger. Heutzutage beherrschen Touchscreens das Cockpit. Das sieht aufgeräumt aus und modern obendrein – hat aber zur Folge, dass man für Kleinigkeiten gerne mal diverse Etagen unterhalb der gekachelten Oberfläche aufsuchen muss.

Im Stand mag derlei bloß lästig sein, während der Fahrt wird schnell ein Problem daraus. Und je schneller, umso gefährlicher. Wer bei Tempo 50 nur zwei Sekunden lang auf einen Bildschirm starrt, legt in der Zeit schon fast 30 Meter zurück – bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn vergehen im Blindflug bereits 72 Meter. Es hat schon gute Gründe, warum das Tippen von Whatsapp-Nachrichten während der Fahrt verboten ist.

Was aber, wenn man gar nicht grob fahrlässig Kommunikation betreibt, sondern bloß sein Auto bedient? Und wenn es dabei noch nicht mal um ein paar Nuancen Komfort geht, sondern schlicht um Sicherheit? Ein Urteil zu einem Unfall vom März 2019 dürfte die Hersteller in dieser Frage gehörig aufschrecken. Erstmals hat ein Gericht die Bedienung einer ausschließlichen Fahrzeugfunktion als Verstoß angesehen.

Die Sache nahm ihren fatalen Verlauf, als der Fahrer eines Tesla versuchte, die Geschwindigkeit seines Scheibenwischers einzustellen. Sein Pech: Für das angemessene Intervall bedarf es modellbedingt der Visite in einem Untermenü – doch kaum tippte der Mann los, kam er auch schon von der Straße ab und fuhr gegen mehrere Bäume. Klarer Fall, urteilte das Amtsgericht Karlsruhe: Handy am Steuer samt Sachbeschädigung – macht 200 Euro Geldbuße, zwei Punkte und einen Monat Fahrverbot.

Das Oberlandesgericht Karlsruhe bestätigte das Urteil dieser Tage. Auch Touchscreens, heißt es dort, seien im sogenannten Handy-Paragraphen der Straßenverkehrsordnung ausdrücklich genannt. Es sei zwar nicht verboten ein sicherheitsrelevantes Teil während der Fahrt einzustellen, es komme aber sehr wohl auf die Vorgehensweise an. Heißt im Klartext: Ein kurzer Blick zum Bildschirm ist okay – sich zu lange von der Straße zu wenden eben nicht. Maßgebend sind immer die Umstände. An der roten Ampel geht mehr als auf der Autobahn.

Das Gericht kam zu der Überzeugung, die Auswahl des Wisch-Intervalls per Untermenü erfordere im Vergleich zu herkömmlichen Hebeln und Schaltern eine längere Blickzuwendung und damit zu viel Aufmerksamkeit. Ein Urteil von Gewicht. Nur wenn es die Einheitlichkeit der Rechtsprechung gefährdet sähe, könnte ein ­Oberlandesgericht noch den Bundesgerichtshof an­rufen.

Es sollten also nicht bloß Tesla-Fahrer gewarnt sein. Und selbstverständlich geraten auch die Autobauer unter Druck. Klimaanlagen, Sitzheizungen, Navigationssysteme und diverse Assistenten können schließlich bei vielen Herstellern aktuell nur via Display eingestellt werden. Der ADAC fordert daher, alle für die Sicherheit wichtigen Funktionen wie Licht, Blinker, Scheibenwischer und Spiegelneigung müssten bedient werden können, ohne den Blick vom Verkehr zu nehmen.

Auch ein Grund, warum viele Autobauer auf akustische Steuerung setzen. Der Dialog, so die Überzeugung, verlange weniger Aufmerksamkeit als jede Art von Gefummel. Doch eine Ideallösung ist auch das nicht. Untersuchungen der Universität Utah legen dar, dass selbst Spracheingaben ablenken und in der Folge die Reaktion vermindern. Ältere Fahrer, heißt es, seien hier besonders stark herausgefordert.

Wissenschaftler raten deshalb, sich stärker an menschlichen Beifahrern zu orientieren – die in brenzligen Situationen meist die Klappe halten. Intelligente Sprachsysteme müssten erkennen, wann sie sich einschalten dürfen oder eine Rückmeldung verlangen – und wann sie den Fahrer eher verwirren. Würden etwa Sensoren und Kameras dichten Verkehr erkennen, müsse Kommunikation unterbleiben.

Womöglich war die Zeit schlichter Schalter doch nicht so schlecht …

Autor

Wolfgang Plank

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
29. 08. 2020
17:30 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
ADAC Amtsgericht Karlsruhe Amtsgerichte Autofirmen Bildschirme Bundesgerichtshof Displays Fahrverbote Oberlandesgericht Karlsruhe Oberlandesgerichte Richtgeschwindigkeit Sensoren und Sensortechnik Straßenverkehrsordnung Tesla Motors Verkehr
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema

07.11.2020

Mercedes "Drive Pilot": Lass’ fahren . . .

Nicht alle paar Sekunden das Steuer übernehmen müssen – sondern lesen, E-Mails checken oder sich einen Film gönnen. Alles während der Fahrt ... » mehr

14.11.2020

Geld gegen Abgas

Am elektrifizierten Auto führt kein Weg mehr vorbei. Sonst drohen Milliarden an Strafzahlungen. Ein Schlupfloch allerdings existiert in den EU-Bestimmungen: das sogenannte Pooling. » mehr

20.06.2020

Zukunft in Strömen

Zu lange haben die deutschen Autobauer auf Verbrenner gesetzt. Corona beschleunigt den Wandel jetzt schmerzhaft. » mehr

31.07.2020

Und ewig grüßt das Tempolimit . . .

Es wird einsam um Andreas Scheuer. Das liegt selbstverständlich an seinem Versagen bei der Ausländer-Maut und an seinem Gestümper in Sachen Bußgeldkatalog - doch nun steht der Bundesverkehrsminister (CSU) sogar bei der g... » mehr

13.06.2020

Entscheidung im Reich der Mitte

Es steht aktuell nicht berauschend um die E-Mobilität. Die Fließbänder laufen als Folge der Corona-Krise erst langsam wieder an, den VW ID.3 plagen Software-Probleme - und sowieso haben die meisten Menschen gerade andere... » mehr

Autor

Wolfgang Plank

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
29. 08. 2020
17:30 Uhr



^