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Gegen den Strom

Weisheit ist keine zwangsläufige Erscheinung fortschreitenden Alters. Ganz sicher nicht. Womöglich aber hilft ein gerüttelt Maß an Lebensjahren dennoch, Dinge mit der gebotenen Distanz zu sehen – und einer gewissen Portion Abgeklärtheit.



 

Dass man deswegen nicht weniger streitbar sein muss, haben 15 Verkehrsprofessoren im Rentenalter bewiesen, die dieser Tage in Berlin und Wien eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlichten – zeitlich passend zu den in Deutschland wie in Österreich laufenden Verhandlungen zur Regierungsbildung. Das siebenseitige Papier soll mit der Illusion aufräumen, man könne das aktuelle Verkehrssystem mit dem schlichten Wechsel vom Verbrennungs- zum Elektromotor zukunftsfähig machen.

Dabei wissen die Wissenschaftler die Natur auf ihrer Seite. Nach deren Regularien ist es nun mal leider unmöglich, große Massen emissionsfrei zu bewegen. "Vielfach gewinnt man den Eindruck", schreiben die Forscher und Gelehrten daher, "dass bei dieser Diskussion die Gesetzmäßigkeiten der Physik außer Acht gelassen werden."

Der CO2-Ausstoß werde unabhängig vom tatsächlichen Energieverbrauch offiziell stets mit null bewertet. Dabei werde ignoriert, dass auch Batterien und Strom erzeugt werden müssten. Gerade nachts, wenn Elektroautos vor allem geladen würden, gebe es den vielgepriesenen Solarstrom gar nicht. Dafür sei der Anteil an Kohle- und Atomstrom oft deutlich höher als tagsüber.

Die Kritik der Ex-Professoren mündet in die Forderung an die Politik, endlich Effizienz-Standards für E-Mobile einzuführen. So zu tun, als sei deren Verbrauch letztlich irrelevant, habe schwerwiegende Folgen. So fehle jeglicher Anreiz für die Hersteller, sparsame Elektroautos zu konstruieren. Mit dem Etikett "emissionsfrei" lohne es sich, große und schwere Verbrenner durch große und noch schwerere E-Autos zu ersetzen.

Je höher Leistung und Reichweite, desto massiger müssten zwangsläufig die Batterien an Bord sein. Damit aber steige der Energieverbrauch ebenso überproportional an wie die Feinstaub-Emission und die Belastung für die Straßendecke. Es bestehe daher dringender Anlass, heißt es in dem Papier, Größe und Gewicht zu begrenzen oder wenigstens zu besteuern.

Danach aber sieht es gegenwärtig nicht aus. Im Gegenteil: Die Politik duldet, dass die Autobauer gerade bei Plug-In-Hybriden mit völlig realitätsfernen Verbrauchswerten werben. Da werden S-Klasse, Cayenne, X5 und Q7 auf dem Papier zum echten Drei-Liter-Auto. Und dabei ist ausnahmsweise mal nicht der Hubraum gemeint. Selbstverständlich ist das pure Augenwischerei. Derlei Verbräuche klappen nämlich nur bei randvoll geladener Batterie und auch dann nur im Labor.

Ein paar Kilometer nach dem offiziellen Mess-Zyklus sieht die Sache schon ganz anders aus. Geht der Strom nämlich zur Neige, muss immer öfter der Verbrenner ran. Schlimmer noch: Ganz ohne Saft ist ein Plug-In noch weniger umweltfreundlich als sein einmotoriges Pendant, weil er völlig unnütz ein paar hundert Kilo Akku durch die Gegend fährt. Sogar in den Ministerien beschwert man sich mittlerweile über den Durst doppelherziger Dienstpanzer. Staatliche Förderung gibt’s per Elektro-Prämie trotzdem.

Doch die Sache mit den ladbaren Gefährten hat noch einen weiteren Haken: Schließlich prüft niemand nach, ob man seinen Plug-In überhaupt jemals an die Steckdose hängt. Wer sechsstellige Summen für ein Auto auszugeben in der Lage ist, muss ja beim Sprit nicht wirklich sparen. Mit dem amtlichen Feigenblatt eines emissionsarmen Fahrzeugs kann er oder sie lustig und vor allem kraftvoll die Kolben oszillieren lassen.

Wahlweise setzt man die eigentlich fürs abgaslose Fortkommen gedachte Energie ausschließlich für brachialen Vortrieb ein. In der Einstufung des Wagens ändert das nichts. Beim Ampel-Start und auf der Überholspur sehr wohl. Nur dem Klima ist mal wieder kein bisschen gedient.

Auch deshalb wollen die Professoren mit der Sichtweise aufräumen, Benzin und Diesel seien per se schlecht, elektrische Antriebe hingegen automatisch gut. Klimaziele ließen sich nur erreichen, wenn die Wege zwischen Wohnung, Arbeitsplatz und Freizeit kürzer würden und deutlich öfter mit Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt würden.

Fazit der Autoren: "Es geht um eine Verkehrswende, die der Gesellschaft weit mehr abverlangt als einen Wechsel des Autoantriebs." Heißt im Klartext: Wir brauchen nicht mehr E-Autos, sondern weniger Verkehr. Und mehr Hirn.

Veröffentlicht am:
23. 11. 2017
19:00 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
23. 11. 2017
19:00 Uhr



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